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CHEMIE: Der vergessene Hoechst-Konzern

Vom ersten großen Erfolg mit einem Syphilis-Heilmittel im ersten Weltkrieg, zur Weltspitze Mitte der 80er und jetzt zu einem Baustein von Aventis war ein weiter Weg. Eine Feier zum 50er gibt's nicht.

Der oberste Manager weinte dem traditionsreichen Namen seines Unternehmens keine Träne nach. »Die Deutschen denken bei Hoechst ohnehin nur an Chemiestörfälle« - mit großer Freude vollzog der heutige Aventis-Vorstandschef Jürgen Dormann 1999 die Ehe mit Rhône-Poulenc. Der vergessene Konzern - einst der weltgrößte Chemie- und Pharmaproduzent - könnte am Freitag seinen 50. Geburtstag feiern. Am 7. Dezember 1951 wurden die »Farbwerke Hoechst vormals Meister Lucius & Brüning« nach der Entflechtung der I.G. Farben durch die Allierten neu gegründet.

Hoechst-Holding betreut Pensionäre

Die Oberen der wichtigsten Nachfolge-Unternehmen - Aventis in Straßburg und Celanese - rührt dies kaum: Eine Geburtstagsfeier für das früher im Frankfurter Stadtteil Höchst beheimatete Unternehmen ist nicht geplant. Stattdessen fristet eine Holding namens Hoechst ein klägliches Dasein. Sie kümmert sich um Pensionen und die Handvoll Aktionäre, die ihre Aktien nicht in Aventis-Anteile eingetauscht haben.

Wichtiger Baustein für Aventis

Doch die Vergangenheit des aufgelösten Konzerns ist ein Grundstein für den heutigen Erfolg von Aventis: In den 80er Jahren war Hoechst der führende Arzneimittelproduzent der Welt. Allerdings geriet der Chemieriese durch die dann beginnende Konzentrationswelle bei Chemie und Pharma ins Abseits. Mit dem Zusammenschluss vor zwei Jahren mit dem französischen Konkurrenten kletterte Aventis wieder auf Platz sechs der Weltrangliste.

Erfolg mit Syphilis-Heilmittel

Arzneimittel spielten in der Geschichte von Hoechst fast immer eine wichtige Rolle. Mit dem fiebersenkenden Antipyrin begann 1883 in Höchst die Herstellung von Medikamenten. Dies war 20 Jahre nach der Gründung der Firma, die damals »Theerfabrik Meister, Lucius & Co.« hieß. Die Entdeckung des ersten Heilmittels gegen Syphilis vor dem Ersten Weltkrieg, der Aufbau der Penicillin-Anlage nach dem Zweiten Weltkrieg und die derzeit unter Aventis-Regie im Bau befindliche weltgrößte Anlage für inhalierbares Insulin sind nur einige Meilensteine in der Unternehmens-Historie.

Schwarzkopf, Marbert und Jade

Allerdings waren Heilmittel nur ein Geschäftsbereich von vielen. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Hoechst die Textilfaser »Trevira«, die Kleidung deutlich pflegeleichter machte. Der Kunststoff »Hosta« war Rohstoff für Haushaltsgeräte jeglicher Art. Mit Schwarzkopf, Marbert und Jade verfügten die Frankfurter über bekannte Kosmetikmarken. Daneben spielten Lacke, Chemikalien (z.B. Essigsäure), Wachse, Kunstharze und auch der Anlagenbau eine wichtige Rolle.

Zenit in den 80ern

Nach dem forcierten Ausbau des Auslandsgeschäfts in den 70er Jahren ging es für das Frankfurter Unternehmen - seit 1974 »Hoechst AG« - stetig nach oben. Als Wolfgang Hilger 1985 den Vorstandsvorsitz übernahm, war der Zenit erreicht. Fast 180. 000 Mitarbeiter arbeiteten für den weltweit operierenden Konzern mit dem blauen Logo aus Turm und Brücke.

Erste Störfälle kratzen am Image

Der dann beginnende Konzentrationsprozess in der Pharma- und Chemiebranche brachte den Konzern ins Stolpern. Die Hoechst-Spitze wollte sich auf wenige Geschäftsbereiche konzentrieren. Für dieses »Entfrosten und Entrosten« berief der Aufsichtsrat 1994 Jürgen Dormann in den Chefsessel. Auch hatte der internationale Ruf nach einer Kette ernster Störfälle 1993 im Stammwerk Hoechst arg gelitten.

Firmenehe mit Rhône-Poulenc

»Wo wir nicht weltweit zu den ersten drei gehören, müssen wir uns verabschieden«, war Dormanns Motto zum Entrümpeln. Zwischen 1995 und 1999 verkaufte er insgesamt 29 Unternehmensteile oder Beteiligungen. Übrig blieb der Life-Sciences-Bereich, Chemikalien für die Landwirtschaft und Pharma. Mit dieser Mitgift und nur noch 60.000 Mitarbeitern ging Hoechst im Dezember 1999 in die Firmenehe mit Rhône-Poulenc.

Pharmabranche bleibt unruhig

Heute bringt Aventis mehr als 130 Milliarden DM auf die Waage. Der in Schiltigheim bei Straßburg beheimatete Konzern setzte im vergangenen Jahr mit 105.000 Beschäftigten rund 40 Milliarden DM um. Vom kommenden Frühjahr an gibt es nur noch das Pharmageschäft. Die Agrochemikalien-Tochter CropScience wurde im Oktober an Bayer verkauft. Doch Ruhe wird unter den dann 73.000 Mitarbeitern, davon 11.000 in Deutschland, wohl nicht einkehren. Denn Dormann erwartet »eine Beschleunigung des Umwälzungsprozesses« in der Pharmabranche, wie er vor kurzem im Manager-Magazin prophezeite.