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China-Boykott: "Die Freiheit demokratisiert China"

Fast ein Viertel der Deutschen boykottiert nach einer Umfrage des stern chinesische Produkte. Die deutsche Wirtschaft hält von solchen Maßnahmen nichts - im Gegenteil: Außenhandelspräsident Anton Börner setzt im stern.de-Interview auf einen "Wandel durch Handel".

Herr Börner, kaufen Sie noch Produkte aus China?

Ich schaue mir ehrlich gesagt überhaupt nicht an, woher die Produkte kommen. Das habe ich noch nie gemacht.

Ein Viertel der Deutschen kauft aufgrund der Tibetpolitik Chinas keine Produkte mehr aus dem Reich der Mitte. Halten Sie einen Boykott für gerechtfertigt?

Ich respektiere jede einzelne Entscheidung der Konsumenten. Das muss jeder selbst mit sich ausmachen. Ich halte davon wenig.

Muss die Wirtschaft mehr Mut zu Kritik gegenüber China zeigen?

Nein, überhaupt nicht.

Sollten chinesische Produkte boykottiert werden?

Warum?

Aufgabe von Wirtschaft ist nicht, anderen ihr Verhalten vorzuschreiben oder Ratschläge zu geben. Wirtschaft muss aus Knappheit Überschuss schaffen und nicht Politik machen. Wir machen unsere Geschäfte mit China und vertreten unsere Position gegenüber China. Natürlich spielen dabei meine persönlichen Wertevorstellungen als Europäer eine entscheidende Rolle. Darüber wird auch mit den Chinesen diskutiert.

Im Zweifel steht der eigene Profit über den Menschenrechten in China?

Das ist eine Behauptung, die nicht so stehen lassen kann. Ich persönlich habe zum Beispiel zwei Vorlesungen in China gegeben und ausführlich mit den Studenten über Menschenrechte diskutiert.

Wer hat die Studenten ausgewählt?

Das kann ich nicht beurteilen. Die Chinesen wussten ja nicht, was ich sage. Sie wussten nur, da kommt ein Europäer, der eine Vorlesung hält. Wir konnten offen über alles diskutieren. Ich habe den Studenten gesagt, dass ich überzeugt bin, dass es langfristig keine Alternative zur Demokratisierung gibt. Ich mache aus meiner Seele keine Mördergrube und bin mir sicher, dass die meisten meiner Kollegen genauso denken.

Die Wirtschaft macht also alles richtig?

Ich glaube, dass ein Boykott überhaupt nicht hilft. Eine langfristige und stetige Ausrichtung hin zu mehr Menschenrechten und einer stärkeren Demokratisierung des Landes kann mehr erreichen, als sich als Europäer hinzustellen und die vermeintlich richtigen Parolen auszugeben.

Zwischen richtigen Parolen und dem Protest gegen das harte Vorgehen in Tibet besteht doch ein erheblicher Unterschied.

Wenn Sie sich als ausländischer Funktionär klar und deutlich positionieren, werden Sie in China entweder zensiert oder in eine Hetzerecke gestellt. Sie erreichen so genau das Gegenteil von dem, was eigentlich ihr Ziel war. Deshalb halte ich nichts von irgendwelchen Boykott-Aufrufen. Viel mehr Sinn macht ein Wandel durch Handel. Direkte Kontakte zu dem Menschen in China bewirken viel mehr als jeder Appell aus dem Ausland. Langfristig, und das wissen auch die meisten Chinesen, führt kein Weg an der Einhaltung der Menschenrechte und einer Demokratisierung vorbei. Wir aus dem Westen müssen einfach an die Kraft der Freiheit glauben.

Sie sagen langfristig. Das hilft den Tibetern im Moment aber gerade gar nicht.

Dann sagen Sie mir, was den Menschen in Tibet jetzt sofort besser hilft?

Statt nur zu reden auch zu handeln.

Wir handeln doch.

Ich meinte handeln im politischen und nicht ökonomischen Sinne.

Ja, wir handeln auch in diesem Sinne: Millionenfach werden Gespräche geführt, die Chinesen schicken hunderttausende Studenten in den Westen, um dort zu lernen. Die Studenten stellen Fragen und wir antworten auf die Fragen. Alles dies, zusammen mit den Auswirkungen, die das Internet auf China hat, kommt einem täglichen Handeln gleich. Das ist keine statische Geschichte. Die Chinesen können sich nicht mehr so abschotten, um eine Demokratisierung des Landes zu verhindern. Dafür sind die Löcher im Netz schon viel zu groß.

Sie sagen, sie halten nichts von einem Boykott. Die Olympiasiegerin Yvonne Bönisch sieht das anders und will an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele nicht teilnehmen.

Ich habe vollen Respekt vor dieser Entscheidung.

Vor die Wahl gestellt würden Sie hingehen?

Als Sportler würde ich hinfahren, auch zur Eröffnungsfeier.

Warum?

Weil ich keinen Sinn in einem Boykott sehe. Die Sportler sollten Kontakte vor Ort knüpfen und so zur Demokratisierung des Landes beitragen. Es ist viel besser, hinzugehen als nicht hinzugehen.

China sieht das anders und will französische Unternehmen boykottieren, weil es beim Fackellauf durch Paris so viele Proteste gegeben hat.

China ist ein totalitäres Land. Da müssen Sie mit solchen Reaktionen immer rechnen.

China darf uns boykottieren, aber wir sollen immer nur reden?

Ich habe nicht gesagt, wir dürfen nicht boykottieren. Ich habe lediglich gesagt, dass solche Maßnahmen zu nichts führen. Sie führen eher zu einer weiteren Abschottung und damit zu einer gegenteiligen Entwicklung.

China hat vor den Olympischen Spielen auch die Visa-Bestimmungen deutlich verschärft.

Damit müssen wir wohl leben. Mir ist jedoch kein Fall bekannt, bei dem jemand nicht einreisen durfte. Wenn die Chinesen sich bei den Olympischen Spielen hinstellen und sagen, schaut, was wir für ein modernes Land sind und dann Besucher nicht hereinlassen würden, wäre der Gesichtsverlust enorm. Denn jeder sähe dann, wie es um Menschenrechte und Freiheit im Land bestellt ist.

Interview: Marcus Gatzke
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