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Chinas "Dragon Lady": Von der Müllfrau zur Milliardärin

Ihre Geschichte mutet wie die chinesische Version des American Dream an: Wenige Jahre brauchte Zhang Yin, um aus einer Altpapierfabrik einen Konzern aufzubauen. Inzwischen ist in China niemand reicher als sie.

Von Ellen Deng, Peking

Das Vermögen von Zhang Yin, die der Firma Nine Dragons Paper Recycling and Packing vorsteht, wird auf 27 Milliarden Yuan geschätzt, umgerechnet etwa 2,7 Milliarden Euro. Es hat sich im vergangenen Jahr verneunfacht. Das stellt der Shanghaier Hurun-Report fest, der jährlich eine Liste der reichsten Chinesen aufstellt.

Börsengang vervielfachte Reichtum

Wie die Reichen konkurrieren auch die Reichen-Listen miteinander. Hurun ist der chinesische Name des Engländers Rupert Hoogewerf, der Chinas Reiche ab 1999 für die Zeitschrift Forbes listete. 2003 machte er sich selbständig. Forbes veröffentlicht nun eine abweichende Liste, bei ihr ist Zhang Yin Nummer 5, ihr Bruder Zhang Cheng Fei Nummer 17. Hoogewerf hält diese Auftrennung für kleinlich, es sei eine Firma und Zhang Yin lenke sie. Auch Forbes gibt zu, dass Zhang Yin die Strategie von Nine Dragons bestimmt, und nennt sie deshalb "Dragon Lady". Ihr Reichtum vervielfachte sich, als sie die Firma im März dieses Jahres in Hongkong an die Börse brachte.

"Plötzlich sah ich hunderte Zeitungen mit meinem Foto auf dem Tisch", beschreibt Zhang Yin den Tag nach Veröffentlichung der Reichen-Liste. "CNN und BBC berichteten, eine solche weltweite Reaktion hatte ich nicht erwartet." Sie war gerade zu Geschäftstreffen in den USA und stellte sofort ihr Handy ab, um den vielen Anrufen zu entgehen.

Diese Scheu vor der Öffentlichkeit hat sie mit anderen reichen Chinesen gemein. Die Kultur gebietet, großen Reichtum nicht zu zeigen. Auch fürchten Millionäre und Milliardäre Schwierigkeiten, wenn zu viel Wind um sie gemacht wird: Mehr Prüfungen durch die Steuerbehörde, Untersuchungen der Staatsanwaltschaft, ob bei ihrem Aufstieg alles mit rechten Dingen zugegangen ist, Erpressung durch Kriminelle...

2003 ließ Zhang Yin sogar ihren Anwalt einen Brief schreiben mit der Forderung, nicht erwähnt zu werden, als der Hurun-Report sie zum ersten Mal unter den 100 reichsten Chinesen aufführte. Sie gibt nur selten Interviews und frustriert damit die Journalisten.

Von 3000 Euro zu 2,7 Milliarden Euro

Zhang ist das älteste von acht Kindern einer Offiziersfamilie in Heilongjiang im Nordosten Chinas, wurde von ihren Eltern sehr traditionell erzogen. "Mein Vater hatte im Militär keinen besonders hohen Rang, später leitete er ein Bergwerk", sagt sie. "Meine Familie gab mir weder Geld noch hohen Status, aber den unternehmerischen Charakter."

Sie studierte Buchhaltung und arbeitete als Büroangestellte im südchinesischen Shenzhen, gab 1985 aber ihren Job auf und ging mit ihren Ersparnissen von umgerechnet 3000 Euro nach Hongkong, um dort ein Business zu beginnnen. Die Idee der damals 27-Jährigen: Altpapier von dort nach China einführen. "Der Start war wirklich hart für mich", erinnert sie sich. "Aber ich hatte einen guten Mentor, den Direktor einer Papierfabrik, der sagte mir: Altpapier ist so wertvoll wie ein Wald. Er erwähnte aber auch, dass der bis dahin aus Hongkong eingeführte Papierbrei oft niedrige Qualität hat, mit Wasser vermischt war. Das wollte ich verändern."

Sie hörte auf ihren Mentor und setzte Qualität an erste Stelle. Aber ihre ehrliche Arbeit lief ihren Konkurrenten zuwider, sie wurde von der Mafia bedroht. Doch sie gab nicht auf: "Einige dieser Hongkonger Papiersammler sind wenig gebildet, aber es sind ehrliche Leute, und das passte gut zu mir. Und glücklicherweise boomte Hongkong in jener Zeit. So brauchte ich nur sechs Jahre, um auf ein ordentliches Grundkapital zu kommen."

Bald weitete sie ihr Geschäft aus vom Altpapiersammeln zu einer Papierfabrik in der südchinesischen Provinz Guangdong. 1990 ging sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Los Angeles und machte dort ein Maklerbüro auf, um Altpapier aus den USA zu beschaffen. Heute ist sie der größte Altpapierexporteur in den USA.

"Großzügigkeit macht das Leben angenehm"

Persönlich wird Zhang als aufrichtig, geradeheraus und anspruchslos beschrieben. "Was sie am meisten hasst sind Faulenzer", sagt Zhang Xiubo, eine ihrer jüngeren Schwestern. "Sie ist immer so energisch. Ich habe niemals jemanden gesehen, der fleißiger ist als sie." Als Dienstwagen fährt sie einen Toyota für umgerechnet 47.000 Euro. Auch ums Essen macht sie sich wenig Gedanken. Die Frau mit kurzem Haar und rundem Gesicht hat angeblich nur eine Leidenschaft außer ihrer Arbeit: Kleidung: "Ich habe viele Kleider von berühmten Marken, brauche sie fürs öffentliche Auftreten, da geht es auch um das Ansehen der Firma", sagt sie.

Sie sieht sich selbst als großzügig. "Geld ist nicht so wichtig für mich, vielleicht weil ich denke, dass ich es immer wieder neu verdienen kann", behauptet sie. Aber ihre Großzügigkeit zeigt sich nicht nur beim Geld. Als ihr jüngerer Sohn die Schule abschloss, wollte er alle Klassenkameraden einladen bis auf einen, der ihn immer wieder gepiesackt hatte. Die Mutter hörte auf einer Geschäftsreise davon und rief ihn an: "Du musst diesen Jungen einladen und dich mit ihm anfreunden. Nie darfst du Hass in deinem Herzen tragen." Der Junge folgte ihrem Rat, und sie wurden tatsächlich Freunde.

Einen Monat nach der Geburt ihres Sohns nahm Zhang ihre Arbeit wieder auf. Sie kocht ungern. Aber jetzt ist sie stolz auf den älteren ihrer beiden Söhne, der an der Columbia-Universität in den USA studiert. Es heißt, er sei bereits stark an der Papierindustrie interessiert und verbringe die Ferien mit Praktika in der Fabrik der Mutter. Sie sagt: "Ich hoffe, dass unser Familienunternehmen mindestens hundert Jahre bestehen bleibt."

"Recyceln und wieder geboren werden, wieder und wieder"

China wird schnell reicher. Die Zahl der Milliardäre hat sich hier in diesem Jahr verdoppelt, jetzt sind es 15. Unter den 500 reichsten Chinesen sind 35 Frauen, ein Anteil von nur sieben Prozent. Zhang Yin hofft, dass sie mit ihrem ersten Platz andere Frauen ermutigen kann, aber sie findet die Liste nicht das Wichtigste. "Diese Liste ist doch nur eine Anhäufung von Zahlen", meint sie. "Dieses Jahr stehe ich an der Spitze. Nächstes Jahr kann es jemand anderes sein."

Die einst zögerliche junge Frau ist in der Papierindustrie aufgegangen. "Das Altpapiergewerbe ist wie ein Mensch", schwärmt sie. "Recyceln und wieder geboren werden, wieder und wieder. Das ist, was ich jetzt mache."

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