Deutsche Bahn 2006 geht es um viel


Für Hartmut Mehdorn beginnt das siebte Jahr an der Spitze der Bahn - und für den bundeseigenen Konzern geht es 2006 um viel.

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land müssen die Züge einen Ansturm Millionen zusätzlicher Fahrgäste meistern. Für die umstrittenen Expansionspläne im Hamburger Hafen womöglich samt Umzug an die Elbe schlägt die Stunde der Wahrheit. Und auch im schwelenden Streit, ob das Schienennetz aus dem Unternehmen herausgelöst werden sollte, steht eine Entscheidung bevor. Für Mehdorns großes Ziel eines baldigen Börsengangs sind das wichtige Weichenstellungen.

Aufs Tempo drücken will der 63-Jährige von Anfang an. Wohl noch in den ersten Wochen des neuen Jahres dürften die letzten Formalien zur Übernahme des US-Logistikers Bax Global unter Dach und Fach sein. Den Deal für fast eine Milliarde Euro hatte Mehdorn erst kurz vor der Adventszeit besiegelt. Seine Manager müssen die neue Transporttochter mit 12.000 Beschäftigten nun rasch in den Konzern eingliedern - die Erwartungen sind hoch. Der Zukauf sei "auf Wachstum ausgelegt" und solle die eigenen Güterverkehrsnetze nicht nur in Amerika und Asien füttern, schrieb Mehdorn gerade seinen Beschäftigten.

Der Krach um einen möglichen Umzug an die Elbe hat sich etwas gelegt

Überhaupt rücken die weltweiten Frachtströme mehr und mehr in den Blick der deutschen Eisenbahner. In der angestammten Welt der Weichen und Waggons allein lasse sich die Finanzkraft für Investitionen nicht erreichen, argumentiert Mehdorn. Aus der Schiene kommt bald nur noch die Hälfte des Umsatzes. Globale Transporte per Lkw, in der Luft und zur See bestimmen immer stärker das Geschäft. Um in der Weltspitze der Logistik mitzuhalten, interessiert sich Mehdorn auch für ein weitreichendes Engagement in Hamburg - rund neunzig ICE-Minuten vom gläsernen "Bahntower" in Berlin entfernt.

Dabei hat sich der Krach um einen möglichen Umzug der Zentrale in die Hansestadt etwas gelegt, den Bürgermeister Ole von Beust im Gegenzug verlangt. Mehdorn kann die Gespräche über eine schrittweise Übernahme der Hamburger Hochbahn und der boomenden Hafengesellschaft HHLA mit Segen von Kanzlerin Angela Merkel fortsetzen. Doch der Ausgang ist offen. "Wenn wir diese Chance nicht ausloten - und, wenn es denn passt - auch nutzen würden, wären wir schlechte Unternehmer", wirbt Mehdorn. Doch vor einer Verlegung des Sitzes steht ein Nein des Bundeskabinetts, und an der Elbe regen sich Einwände. Entschieden werde erst am Ende, wenn das Gesamtpaket auf dem Tisch liegt, betont Aufsichtsratschef Werner Müller. Ende Februar könnte es so weit sein.

Börsen-Fahrplan ungewiss

Bewegung in einer anderen Streitfrage soll schon vorher ein neues Gutachten bringen, das für Januar vom Verkehrsministerium angekündigt ist. Die schwarz-rote Regierung steht vor der Entscheidung, ob die Bahn beim geplanten Börsengang das 35.000 Kilometer lange Gleisnetz behalten soll oder nicht. Während Wirtschaftsverbände und Teile der Politik nach einer Trennung rufen, um mehr Wettbewerb auf der Schiene zu erreichen, warnt Mehdorn vor einer "Zerschlagung" und erheblichen Mehrkosten.

Vom Ausgang des Ringens wird auch abhängen, wie schnell das letzte große Staatsunternehmen überhaupt teilprivatisiert wird. Dass der Konzern bis 2006 kapitalmarktfähig werden soll, hat der Vorstand immer wieder versichert. Eine Grundsatzentscheidung des Bundes als Eigentümer für den genauen Fahrplan an die Börse gibt es aber bisher nicht - die letzte Vorgabe machte noch Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit der Spanne zwischen 2006 und 2008. Allein für die konkrete Vorbereitung einer Notierung gilt aber mindestens ein Jahr als nötig.

An Entschlossenheit mangelt es Mehdorn nicht

Im eigentlichen Geschäft steht Mehdorn ohnehin unter Erfolgsdruck - auch wenn der Betriebsgewinn 2005 wohl sogar kräftiger gestiegen ist als auf die kalkulierten 400 Millionen Euro. Im neuen Jahr rückt die Marke von rund 800 Millionen Euro ins Visier. Dabei stecken die Güterzüge noch in roten Zahlen. Doch der Fernverkehr als langjähriges Sorgenkind ist endlich wieder auf Kurs. Weiteren Rückenwind erwarten die Planer von der Fußball-WM, die bis zu fünf Millionen zusätzliche Kunden in die Züge bringen soll. Und dienen kann das Großereignis auch zu einem Schaulaufen vor den Augen internationaler Investoren.

An Entschlossenheit mangelt es dem Bahnchef am Anfang des siebten Dienstjahres jedenfalls nicht. Selbst wenn Kritiker es "noch nicht begriffen" hätten, sagt Mehdorn, "werden wir als Bahn-Konzern diesen Weg weitergehen und beweisen, dass es der einzig richtige ist".

Sascha Meyer/DPA


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