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DIENSTLEISTER: Railtrack-Kleinanleger fühlen sich im Stich gelassen

Nachdem die britische Schienengesellschaft Railtrack unter Insolvenzverwaltung gestellt worden ist, kochen in Großbritannien die Emotionen hoch.

Die am Wochenende unter Insolvenzverwaltung gestellte britische Schienengesellschaft Railtrack soll in der künftigen Form als eine nicht gewinnorientierte Gesellschaft den britischen Eisenbahnbetreibern gehören. Eine Entschädigung für Kleinanleger aus Steuermitteln wird es nicht geben.

Die Pläne der britischen Regierung sind zwar noch nicht konkretisiert worden, doch sagte Transportminister Stephen Byers am Montag in einem Interview mit der BBC, eine Zusammenlegung mit den Zugbetreibern mache Sinn: »Dort ist der technologische Sachverstand, von dem die neue Firma profitieren kann.«

Keine Entschädigung für Kleinanleger

Am Montag Abend traf sich Byers mit den Zugbetreibern zu Verhandlungen. »Wir brauchen einen gut finanzierten Infrastrukturanbieter«, sagte George Muir vom Verband der privaten Zugunternehmen. Als weitere Teilhaber der neuen Railtrack kommen Frachtspeditionen und Fahrgastverbände in Betracht, hieß es am Montag in Regierungskreisen. »Gewinnorientierte Einheiten zum Einstieg in ein definitionsgemäß gewinnloses Unternehmen zu bewegen, ist weit hergeholt«, gab sich ein Analyst skeptisch.

Railtrack kann einen Schuldenberg in Höhe von 3,3 Mrd. £ (5,2 Mrd. Euro) nicht mehr bedienen. Eine erneute Verstaatlichung des Schienennetzes hatte der britische Premierminister Tony Blair im Frühjahr ausgeschlossen. Es zeichnet sich auch ab, dass die Aktionäre, darunter viele Privatanleger, durch den Rechtsformwechsel leer ausgehen könnten. Die Railtrack-Aktie wird seit Montag nicht mehr gehandelt. Das privat wirtschaftende Schienenunternehmen betrieb als Monopolist die rund 20.000 Meilen des britischen Gleisnetzes, 2500 Bahnhöfe sowie nahezu alle Brücken und Signalanlagen. Die Nutzungsrechte für diese Infrastruktur wurde für rund 3 Mrd. £ jährlich in Form von Lizenzen an 25 private Zuggesellschaften verkauft.

Interessenkonflikt

Das seit der Privatisierung von British Rail im Jahr 1996 praktizierte Modell krankte an einem deutlichen Interessenkonflikt: zwischen den für den einwandfreien Netzbetrieb erforderlichen langfristigen Investitionen einerseits und den kurzfristigen Gewinninteressen der Aktionäre andererseits. Deshalb strichen die Railtrack-Manager Mittel für Reparatur und Ausbau des Netzes zusammen. Es kam zu verheerenden Zugunglücken. Die anschließende Investitionslawine sowie Entschädigungsforderungen ließen das finanzielle Gerüst der Firma schließlich zusammenbrechen.

Railtrack-Chef tritt zurück

Mittlerweile hat Railtrack-Chef Steve Marshall Konsequenzen aus der Misere gezogen: Am Montag erklärte er seinen Rücktritt und reagierte verärgert: »Die Regierung hat uns schäbig behandelt. Zusagen macht man, um sie zu halten.« Am Sonntag hatte die britische Regierung die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young als Insolvenzverwalter für Railtrack mit Hilfe eines Gerichtes eingesetzt. Zuvor hatte das Transportministerium rund 2,3 Mrd. £ Kapitalnachschuss für den angeschlagenen Netzbetreiber verweigert. Dadurch war das Unternehmen praktisch zahlungsunfähig geworden.

Proteste der Aktionäre

Aktionärsvertreter gingen auf die Barrikaden. »Es ist ein Schock für den Kleinanleger«, sagte Angela Knight vom britischen Kleinbrokerverband. Rund 250.000 Briten besitzen Railtrack-Aktien, 1996 als eine Art Volksaktie gefeiert. Zum Emissionspreis von 390 Pence griffen viele zu, erlebten den Anstieg auf über 1700 Pence und nach dem letzten großen Zugunglück schließlich den Abstieg auf rund 280 Pence am Freitag. Transportminister Byers hat klargemacht: »Es wird kein Steuergeld für die Sicherung der Aktionärsinteressen geben.« Banken werden bevorzugt aus dem verbleibenden Unternehmenswert von 1,4 Mrd. £ bedient.

Der Chef des Insolvenzverwaltungsteams wird der erfahrene Wirtschaftsprüfer Allan Bloom. Er hatte auch die Immobilienfirma Olympia & York gemanagt, nachdem sie mit dem Londoner Bürokomplex Canary Wharf zahlungsunfähig wurde. Titus Kroder, London