HOME

ERNTEHELFER: Mit dem Wörterbuch in den »goldenen Westen«

Mit schlechten Spanisch-Kenntnissen strömt eine Karawane polnischer Lohnarbeiter auf die iberische Halbinsel um sich dort als billige Erntehelfer zu verdingen.

Spanisch-Wörterbücher und -Unterricht sind derzeit rege gefragt zwischen der nordpolnischen Hafenstadt Stettin (Szczecin) und den Dörfern in den südostpolnischen Karpaten. Denn selbst rudimentäre Sprachkenntnisse versprechen einen Job im »goldenen Westen«. Deutscher Spargel, spanische Orangen und französischer Wein sind in Polen für viele kein Posten auf ihrer Einkaufsliste, sondern die im eigenen Land längst aufgegebene Hoffnung auf Arbeit und Geld.

Spanien ist Zielland geworden

Bei drei Millionen Arbeitslosen bzw 18,1 Prozent Arbeitslosenquote in Polen ist das im vergangenen Jahr geschlossene polnisch-spanische Abkommen über Vertragsarbeiter für ein paar tausend Menschen eine Perspektive, auch wenn die angebotenen Billiglohnjobs auf Obstplantagen und in der Tourismusbranche saisonal begrenzt sind. Das südeuropäische Land, das vor 30 Jahren noch zu den Entsendestaaten für »Gastarbeiter« gehörte, wird zunehmend zum Ziel der »neuen Migranten« aus dem Osten.

Arbeitsvisa sind der Renner

Als Vertreter der spanischen Botschaft vor einigen Wochen auf dem Stettiner Arbeitsamt die begehrten Bewerbungsformulare verteilten, wurden sie des Andrangs der Arbeitssuchenden kaum Herr. Mit Wörterbuch und Vokabelliste versuchten die Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren die Diplomaten zu überzeugen, dass sie die geforderten Sprachkenntnisse bis zum Arbeitsbeginn schon nachweisen könnten.

Die Kinder bleiben zurück

Aus der westpolnischen Region Lubuskie (Lebuser Land) reisten bereits 1.300 Erntehelferinnen in das Land, in dem sie von einem Urlaub nur träumen könnten. Für die Jüngeren von ihnen ist der Arbeitseinsatz auch ein Stückchen Abenteuer, ist Spanien reizvoller als Gurkenfelder am Niederrhein oder brandenburgische Spargelfelder. Doch viele Frauen brachen mit gemischten Gefühlen auf. »Ich habe zwei Kinder«, meinte eine um ihre Fassung ringende Frau aus Gorzow Wielkopolski. »Es ist schrecklich, sie hier bei den Großeltern zurückzulassen - aber eine andere Arbeit gab es nun mal nicht.«

Exodus der Qualifizierten. 200.000 waren's letztes Jahr

Mehrere Dutzend Firmen vermitteln in Polen mit Genehmigung des Arbeitsamts Arbeitskräfte ins Ausland - vom hochspezialisierten Computerexperten über Balettänzerinnen und Fachkräften bis hin zu Saisonarbeitern. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 200.000 Polen, die so jenseits der Grenzen nach einer besseren und lukrativeren Zukunft suchten. Die weitaus meisten von ihnen arbeiteten im Nachbarland Deutschland.

Von einer Migrantenflut könne aber keine Rede sein, meinen Experten wie Bohdan Wyznikiewicz, Leiter des Instituts zur Untersuchung der Marktwirtschaft. »Für viele unserer Arbeitslosen sind die Löhne im Ausland kein ausreichender Anreiz für den Sprung ins Ungewisse«, betont er. »Viele scheuen doch bereits den Wechsel in eine andere Stadt.«

Eva Krafczyk