Ethik + Management "Nicht nur an die Shareholder denken"


Der bekannte Benediktinermönch Pater Anselm Bilgeri zu Moral und Anstand in deutschen Vorstandsetagen - und der Person Josef Ackermann.
Von Catrin Boldebuck

stern.de: Ist es moralisch in Ordnung, für ein paar Prozentpunkte mehr Gewinn, Existenzen aufs Spiel zu setzen?

Pater Anselm: Gewinn machen ist immer gut. Das ist nie unmoralisch. Die Frage ist nur, wie ich den Gewinn erwirtschafte und was ich mit ihm mache.

Aber ist es gerecht, dass die Deutsche Bank 2,5 Milliarden Euro Gewinn macht und gleichzeitig 6400 Mitarbeiter entlassen will?

Seit seinem Victory-Zeichen im Mannesmann Prozess ist Josef Ackermann der Buhmann der Nation. Im Grunde macht er aber nichts anderes als die anderen Chefs auch. Das Problem sind die unterschiedliche Sichtweisen: Auf den internationalen Finanzmärkten muss Ackermann sich gegen die Konkurrenz behaupten, und da liegt die Deutsche Bank weit zurück – trotz hoher Gewinne. Auf der anderen Seite die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland. Früher war der Arbeitsplatz des Bank-Beamten so sicher wie beim Staat oder bei der Kirche. Das gerät ins Wanken, und das macht vielen Angst. Problematisch ist, dass Ackermann Deutschland nur noch als untergeordneten Wirtschaftsbereich seines Weltkonzerns sieht. Die Diskussion in Deutschland berührt ihn nicht. Er hat kein schlechtes Gewissen, denn er sieht den einzelnen Menschen nicht mehr.

Viele Menschen fürchten, dass es immer kälter wird in der Gesellschaft.

Man kann auf jeden Fall eine zunehmende Ökonomisierung feststellen. Aber jeder braucht einen Platz ohne Leistungsdruck. Früher bot die Kirche so einen Raum. Der Sonntag als Wochen-Feiertag war früher eine gesellschaftliche Basis. Je mehr das bröckelt, desto kälter wird es.

Müssen sich Unternehmen heute überhaupt noch einem Land verpflichtet fühlen? Sie handeln doch international.

Wir denken mit unseren moralischen Maßstäben national, aber für große Firmen sind wir nur noch eine kleine Filiale. Für die Deutsche Bank oder Siemens ist es Wurscht, ob die in Frankfurt und München oder in Dubai ihre Zentrale haben. Deshalb brauchen wir ein globales Werte-System.

Wie könnte das aussehen?

Es gibt eine goldene Regel, die im Evangelium steht: Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Darauf können sich alle Kulturen einigen. Aber gemeinsame Umgangsformen müssen sich erst entwickeln.

Stehlen sich die Unternehmen mit dem Hinweis auf die Globalisierung aus der sozialen Verantwortung?

Das Argument wird immer dazu verwendet. Denn ein international agierender Konzern muss auch an seine Angestellten in Indien oder Afrika denken und nicht nur an die in Deutschland. Aber die Unternehmen müssen davon weg kommen, nur an die Shareholder zu denken. Sie müssen auch an die Stakeholder denken – an die Kunden, die Lieferanten, die Mitarbeiter und die Gesellschaft.

Sind ökonomische Prozesse wie Naturgesetze, denen wir ausgeliefert sind?

Bei der Globalisierungs ist das sicher so. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement hat in einer Diskussionsrunde gesagt: "Globalisierung ist wie das Wetter". Das können wir nicht beeinflussen. Aber es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Das heißt, wir müssen uns wappnen – eine Gratwanderung zwischen der Geschmeidigkeit der Anpassung und dem Panzer des Widerstands.


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