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Ex-Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann: "Mein Ziel ist die Abschaffung von Hartz IV"

Die ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann kämpft seit Jahren gegen das System Hartz IV. Im Interview spricht sie über den Druck für die Jobvermittler und absurde Arbeitsmaßnahmen.

Unliebsame Kritikerin: Ex-Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann streitet sich mit ihrem Arbeitgeber vor Gericht

Unliebsame Kritikerin: Ex-Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann streitet sich mit ihrem Arbeitgeber vor Gericht

Das Team Wallraff hat mit einer Undercover-Reportage über Missstände in deutschen Jobcentern für Aufsehen gesorgt. Größtes Problem: Viele Arbeitsvermittler sind gnadenlos überlastet. Tiefer gehende Beratung ist häufig nicht möglich, stattdessen landen viele Jobsuchende in zweifelhaften Maßnahmen.

Inge Hannemann kennt die Probleme nur zu gut. Sie arbeitete lange in einem Hamburger Jobcenter, bis sie die Probleme öffentlich kritisierte. Seitdem liegt die als "Hartz IV-Rebellin" bekannt gewordene Hamburgerin im Clinch mit ihrem Arbeitgeber. Die Stadt Hamburg hat sie suspendiert und auf einen anderen Posten in der Sozialbehörde abgeschoben. Den Mund lässt sich die Kritikerin aber nicht verbieten.

Frau Hannemann, Sie prangern seit Jahren das System Hartz IV an. Sind die Zustände wirklich so schlimm, wie in der Wallraff-Reportage gezeigt?
Ja. Ich habe mich beim Ansehen direkt in meine zurückversetzt gefühlt. Ich finde es richtig, dass nicht nur die Probleme der Arbeitslosen thematisiert werden, sondern auch die Sicht der Arbeitsvermittler sehr differenziert dargestellt wird.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Probleme?
Das ist ein Zusammenspiel aus Personalmangel und Zahlenfetischismus. Vernünftige Beratung ist oft nicht möglich. Es geht ständig darum, Quoten zu erfüllen: So und so viele Kunden einladen, Sanktionen verhängen, in Maßnahmen schicken - ein ständiges Hecheln nach Zahlen.

Mussten Sie selbst Leute in Maßnahmen schicken, die Sie für unsinnig hielten?
Ja. Es gab regelmäßig Mails von Vorgesetzten wie: Jeder Mitarbeiter muss heute noch zwei Kunden in Maßnahmen schicken, um die Statistik zu beschönigen. Und es gab richtig unsinnige Maßnahmen. Wir haben ausgebildete Einzelhandelskaufleute in ein Plastik-Kaufhaus geschickt. Dort sollten sie mit Plastikwaren und Plastikgeld Verkaufen spielen. Andere Menschen bekamen den Auftrag, alte Puzzle auf Vollständigkeit zu prüfen, damit diese gespendet werden konnten. Solche Maßnahmen bringen niemanden in Arbeit.

Wie groß ist der Stress für die Arbeitsvermittler?


Der Arbeitsdruck verursacht Burnout oder Depressionen. Ich weiß von Kollegen, die quasi vom Schreibtisch weg in die Psychiatrie oder psychosomatische Klinik eingeliefert wurden. Der Krankenstand ist allgemein hoch, was für die übrigen Kollegen wiederum mehr Arbeit bedeutet.

Seit Kurzem sitzen Sie für die Linke in der Hamburger Bürgerschaft. Was wollen Sie politisch erreichen?


Mein Ziel ist immer noch die Abschaffung von . Das kann ich als kleine Hamburger Politikerin natürlich nicht mal eben durchsetzen. Aber ich kann immer wieder Probleme wie den Personalmangel und die Sanktionspraxis anprangern.

Interview: Daniel Bakir