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Reportage

Friseure öffnen wieder: "Schneiden natürlich, sieht doch furchtbar aus" – Friseursalon öffnet nach Wochen wieder

Nach sechs Wochen Corona-Pause öffnen die Friseure wieder – und werden von Kundschaft mancherorts überrannt. Bericht von der Haarschneidefront.

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"Hauptsache, es geht wieder los": Friseur Ali Becheroul in seinem Hamburger Salon

stern

Die Scheren klackern, der Haarschneider summt – ein Fensterputzer wischt schnell noch den Dreck der letzten Wochen vom Schaufenster. Von einem gemütlichen Start in die Woche kann im Hamburger Friseursalon "New Style" wahrlich nicht die Rede sein. Nicht an diesem Montagmorgen. Sechs Wochen war der Salon – wie alle anderen in Deutschland – wegen der Corona-Beschränkungen geschlossen. Nun geben Friseur Ali Becheroul und seine beiden Mitarbeiterinnen Vollgas.

Der Laden ist schon am Vormittag so voll, wie man das derzeit vielleicht gerade eben so noch vertreten kann. An drei der sechs Frisierstühlen wird ohne Pause gearbeitet. Die nächsten Kunden stehen sich vor der Tür schon die Beine in den Bauch - zum Glück immerhin in der Sonne. Auch zwei Klappstühlchen stehen dort für Kunden bereit, die es nicht erwarten können, ihre Corona-Mähne loszuwerden. Das Blättern in Klatschblättern muss aber leider ausfallen.

Schneller schneiden, weniger quatschen

Drinnen herrscht konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Geschnitten wird schneller, geplaudert weniger als sonst. Was auch an den störenden Mund-Nasen-Masken liegen könnte, die sowohl Friseure als auch Kunden tragen müssen. Das Schneiden geht damit ganz gut, die zwanglose Unterhaltung weniger. "Mit Maske beim Friseur, da komme ich mir ja schon ein bisschen blöd vor", sagt eine ältere Dame. "Gesetz ist Gesetz", antwortet die frisierende Fachkraft. Wer keine Maske dabei hat, bekommt eine vom Salon gestellt.

Hintergrundmusik anzumachen, haben die Friseure in dem ungewohnten Montagmorgenstress ganz vergessen. Vielleicht auch besser so. Denn ohnehin klingelt ständig das Telefon und einer der Friseure muss springen, um Termine auszumachen. "Nein, diese Woche ist schon voll… Wann passt es nächste Woche?… Bitte Maske mitbringen!" Herren bedient der Salon aktuell sogar ohne Termin. Es kann dann aber zu Wartezeiten kommen. Ein junger Mann, der erfährt, dass er sich mindestens eine Stunde gedulden müsse, macht schnaubend auf dem Absatz kehrt und stürmt aus dem Laden.

"Sieht doch furchtbar aus"

Auffällig viele ältere Damen und Herren nutzen die erste Möglichkeit, sich endlich wieder frisieren lassen zu können. Die Angst vor dem Virus ist bei vielen offenbar geringer ausgeprägt als der Leidensdruck beim Blick in den Spiegel. "Was soll denn gemacht werden?", fragt eine der Friseurinnen eine grauhaarige Kundin. "Na schneiden natürlich, sieht doch furchtbar aus", entgegnet die Seniorin.

Noch größere Sorgen als der haartechnisch verwildernden Kundschaft bereitete die Zwangsschließung natürlich den Friseuren selbst. Auf mehr als eine halbe Milliarde Euro schätzt der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks den Umsatzausfall der Branche. "Es war hart", sagt auch Ladenbesitzer Becheroul. Seine persönlichen Einnahmeausfälle schätzt er auf 10.000 bis 12.000 Euro. Die Ladenmiete musste er derweil ebenso weiter zahlen, wie die seiner Wohnung. Gerettet hat ihn die Soforthilfe der Bundesregierung für Selbständige und Kleinunternehmer. Aber: "Es war nicht genug." Auch an seine privaten Ersparnisse musste der 56-jährige Friseur ran. "Hätten wir jetzt nicht aufmachen dürfen, wäre es schwierig geworden. Länger hätte ich die Schließung nicht durchgehalten."

Nun schnippeln er und sein Team im Akkord gegen die Existenzsorgen an. Die Preise hat Becheroul vorerst nicht erhöht. Etwas teurer wird es höchstens, weil Haarewaschen derzeit obligatorisch ist – um potenziell in den Haaren hausende Viren abzutöten. Sogenannte gesichtsnahe Dienstleistungen – wie Rasuren und Augenbrauenpflege – dürfen die Friseure dagegen derzeit nicht anbieten. Egal, sagt Friseur Becheroul. "Hauptsache, es geht wieder los."

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