Frühjahrsgutachten Aufschwung erreicht den kleinen Mann

Die Deutschen werden spätestens im nächsten Jahr das starke Wirtschaftswachstum auch im eigenen Portemonnaie spüren. Zu dieser Einschätzung kommen die führenden fünf Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer Frühjahrsprognose.
Von Monika Dunkel

Das Gemeinschaftsgutachten im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums wurde am Donnerstag offiziell in Berlin vorgestellt. Für 2008 erwarten die Forscher einen Anstieg der durchschnittlichen Löhne von drei Prozent; das wäre der stärkste Anstieg seit 1995. Positiv wirkten dann auch geringere Sozialabgaben sowie die weiter wachsende Beschäftigung. Insgesamt werde das verfügbare Einkommen der Bundesbürger bereits 2007 um 2,5 Prozent steigen und 2008 dann sogar um 3,4 Prozent. Den Konjunkturexperten zufolge kommt der Aufschwung damit bei den Verbrauchern an und wird den Konsum beleben. Die Institute unterstellen für Deutschland ein Wirtschaftswachstum von 2,4 Prozent für die nächsten beiden Jahre.

Anziehen der Tariflöhne erwartet

Mit dieser Einschätzung treten die Experten der Befürchtung entgegen, dass der Aufschwung in Deutschland an den Bürgern vorbeiziehe. Verfechter dieser These berufen sich dabei vor allem auf die im vergangenen Jahr kaum gestiegenen Arbeitnehmerentgelte und beklagen das zunehmende Auseinanderklaffen von Unternehmer- und Arbeitnehmereinkommen.

Die Institute erwarten nun, dass sich der Anstieg der Tariflöhne in den nächsten beiden Jahren spürbar beschleunigen wird. Angesichts der bisher abgeschlossenen Tarifrunden sei im nächsten Jahr ein Zuwachs von 2,8 Prozent absehbar. Dazu komme, dass die Firmen 2008 auch wieder mehr übertarifliche Leistungen bieten werden. Die effektiv bezahlten Löhne dürften daher noch etwas stärker zulegen.

Globalisierung hemmt Tarifsteigerung

Die Forscher räumen zwar ein, dass die Tarifsteigerungen "hinter denen in früheren Konjunkturaufschwüngen zurückbleiben". Gründe hierfür seien die zunehmende Globalisierung der Produktion und der sinkende gewerkschaftliche Organisationsgrad der Arbeitnehmer. Dennoch schließe sich die Lücke zwischen Unternehmenseinkommen und Arbeitnehmerentgelten 2008 wieder stärker.

Den privaten Konsum dürfte zudem die Entwicklung am Arbeitsmarkt beflügeln. Die Beschäftigungsaussichten sind nach Urteil der Institute gut. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten werde in den nächsten beiden Jahren weiter steigen. Einen Anstieg dieses Beschäftigungstyps hatte es erstmals seit sechs Jahren bereits 2006 gegeben. Nach Sektoren erhöhe sich die Zahl der Arbeitnehmer vor allem in der Industrie, im Baugewerbe und in produktionsnahen Dienstleistungen. Lange waren im Industriesektor per saldo Jobs vernichtet worden.

Eine halbe Million weniger Arbeitslose

Die Zahl der Arbeitslosen werde in Deutschland im Verlauf dieses Jahres um 550.000 sinken, 2008 um weitere 284.000. Im Jahresdurchschnitt werde die Arbeitslosigkeit 2008 damit auf 3,46 Millionen fallen. Da sich die "Qualifikationsstruktur des Arbeitslosenbestands" verschlechtere, werde es jedoch schwieriger, das Tempo zu halten.

Sowohl die rosigen Aussichten am Arbeitsmarkt als auch die besseren Einkommen dürften den Konsum ankurbeln. Die Konjunkturforscher rechnen für 2007 mit 0,9 Prozent mehr Konsumausgaben; 2008 werden die Ausgaben danach doppelt so schnell wachsen. Über die Hälfte des gesamten Wirtschaftswachstums werde dann von den Verbrauchern im Land getragen.

Höhere Mehrwertsteuer kaum zu spüren

Von der Mehrwertsteuererhöhung ist in Deutschland kaum etwas zu spüren. Auf den ersten Blick scheint die Inflationsrate von derzeit 1,9 Prozent recht niedrig. Nach Berechnungen der Institute macht sich die Steueranhebung aber bereits mit rund einem Prozentpunkt in dieser Rate bemerkbar. Bei vollständiger Überwälzung hätte sie sich aber um gut anderthalb Prozentpunkte erhöht. Der geringe Preisdruck kommt nach Aussage der Forscher von den kompensierenden Effekten der Energiepreise, die in der zweiten Hälfte 2006 gesunken waren. Zudem hätten die Unternehmen in ihren Preiskalkulationen aber auch den geringeren Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung berücksichtigt.

Institut für Weltwirtschaft besonders optimistisch

Ein Minderheitenvotum zur Prognose für Deutschland gaben die Optimisten vom Kieler Institut für Weltwirtschaft ab. Die Forscher rechnen sogar mit 3,0 Prozent für dieses Jahr - 0,2 Prozentpunkte mehr, als sie vor knapp einem Monat vorhersagten. Damit legten die Kieler bisher die beste Prognose für 2007 vor. Die Dynamik im Sommerhalbjahr werde deutlich höher sein, als die vier anderen Institute erwarten, argumentieren sie. Dafür sprechen der hohe Auftragsbestand und das günstige Geschäftsklima. Im ersten Quartal soll die Wirtschaft laut Gemeinschaftsgutachten um 0,6 Prozent zum Vorquartal wachsen, danach reicht es nur noch für ein Plus von 0,3 Prozent.

Boom allerorten

Die Weltwirtschaft wächst kräftig. Mit 3,2 in diesem und 3,3 Prozent im nächsten Jahr expandiert sie nach wie vor schneller als im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Zwar verliert die bewährte Wachstumslokomotive USA 2007 an Dampf, doch schon 2008 dürfte sie wieder mit voller Kraft fahren. So jedenfalls sehen es die deutschen Konjunkturexperten, die für die USA 3,0 Prozent Wachstum für 2008 schätzen. Vorausgesetzt ist dabei allerdings, dass sich die Immobilienkrise nicht ausweitet. Den anderen Regionen habe die konjunkturelle Verlangsamung in den USA bisher nicht viel anhaben können. Zudem die Schwellenländer die Konjunkturdynamik stützen. Die Industrieländer wachsen 2008 mit ihren Trendraten.

Baukonjunktur

In Deutschland habe sich die Lage der Bauwirtschaft wieder normalisiert, schreiben die Institute in einem Sonderkapitel. Darauf deute ein internationaler Vergleich hin. Demnach ist der Anteil der Bauinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt hierzulande ähnlich hoch wie in vielen Industrieländern. Dasselbe gelte für die im Baugewerbe Beschäftigten. Bis weit in die 90er-Jahre waren beide Anteile aufgebläht durch den Bauboom der Wiedervereinigung. Die Bauinvestitionen werden künftig zu den eher verhalten nachgefragten Komponenten gehören. Das geringe Bevölkerungswachstum dämpfe den Wohnungsbau. Nachholbedarf sehen die Forscher bei den Wirtschaftsbauten, beim Staat habe sich Baubedarf aufgestaut.

Schwindende Defizite

Die Euro-Länder könnten im nächsten Jahr erstmals seit Beginn der Währungsunion wieder alle die Defizitgrenze von drei Prozent des BIP einhalten. Zuletzt hatte noch Portugal die Latte gerissen. Neben Deutschland, das nach Institutsberechnungen einen ausgeglichenen Haushalt schaffen dürfte, gibt es immerhin vier Länder mit einem Kassenüberschuss. Finanzpolitischer Spitzenreiter ist seit Jahren unangefochten Finnland. Angesichts der überraschend guten Einnahmenentwicklung werde sich die finanzpolitische Diskussion verschieben, schreiben die Institute. Es werde künftig darum gehen, durch zusätzliche Ausgaben oder Abgabenentlastung wirtschaftspolitische Anregungen zu geben. Glos lässt grüßen.

EZB erhöht die Zinsen

Eine einzige Zinsanhebung durch die Europäische Zentralbank sagen die Konjunkturforscher voraus. Im Frühsommer sollen demnach die Notenbanker den Leitzins um 25 Basispunkte auf vier Prozent erhöhen. Bis Ende 2008 werde der Geldmarktzins leicht über diesem Niveau verharren, so die Prognose. Die Höhe sei für den erwarteten Preisanstieg von 1,9 und 2,0 Prozent in den Jahren 2007 und 2008 sowie die konjunkturelle Expansion im Euro-Raum angemessen. Das Risiko bestehe aber darin, dass der Preisauftrieb besonders im nächsten Jahr stärker ausfallen könnte als vorhergesagt. Das könnte der Fall sein, wenn die Euro-Wirtschaft 2007 deutlich mehr an Schwung gewinnen sollte.

FTD

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