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Gasstreit Russland-Ukraine: Denn sie brauchen das Geld

Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine hat den Höhepunkt erreicht: Die Gaslieferungen nach Westeuropa sind komplett gestoppt worden. Doch vermutlich werden sich beide Länder bald einigen. Denn die Russen brauchen dringend Geld - und die Ukrainer das Gas.

Von Axel Hildebrand

Im aktuellen Streit ums Gas stehen sich zwei Länder gegenüber, die beide geschwächt sind: Die russischen Unternehmen haben immense Probleme ihre Auslandsschulden zu bedienen. Und auch für die Ukraine geht es um existenzielle Fragen: Das Land ist fast pleite.

Besonders die Finanzkrise hat Russland stark zugesetzt. Zwar hat der Staat in den vergangenen Jahren Gelder aus dem Öl- und Gasgeschäft zurückgelegt, der stattliche Stabilitätsfonds fasst rund 450 Milliarden US-Dollar, und das Land verfügt über die weltweit drittgrößten Währungsreserven - aber die Unternehmen und privaten Haushalte sind hoch verschuldet. Mehr als 500 Milliarden US-Dollar fehlen dort, sagt der Russlandexperte Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik im Gespräch mit stern.de. Besonders der mehrheitlich staatseigene Engergiekonzern Gasprom, der im Zentrum der aktuellen Auseinandersetzung steht, hat seine Übernahmen mit Auslandskrediten bezahlt. "Der russische Aufschwung", so Meister, "wurde durch Kredite finanziert." Aber um diese zu bedienen, brauchen die Unternehmen nun neue. Und die gibt es in diesen Zeiten kaum noch, denn in der Finanzwelt traut zurzeit kaum einer dem anderen über dem Weg. Vor allem nicht russischen Unternehmen.

Das Land, sagt Meister, habe sich bislang nicht glaubwürdig als rechtsstaatlich und sicher präsentieren können. "Im Moment sind Investoren weltweit vorsichtig, bei Russland sind sie es besonders", sagt Meister.

Dazu kommt: Bislang waren die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft die verlässlichste und wichtigste Geldquelle der Regierung. Doch der Preis für Öl ist eingebrochen: Mit 50 Dollar pro Barrel (159 Liter) kostet es nur noch ein Drittel so viel wie auf dem Höchststand 2008. Nun will Gasprom wenigstens mit Gas Geld machen.

Die Ukraine ist pleite

Also verlangt Russland von Kiew mehr Geld. Statt 179 Dollar wie im vergangenen Jahr sollen nun 250 US-Dollar je 1000 Kubikmeter Gas bezahlt werden. Zeitweise wurden sogar Preise von 450 Dollar kolportiert. Dies wäre immer noch unter dem Marktpreis: Europäische Staaten zahlen bis zu 500 US-Dollar. "Die Russen wissen, dass sie soviel niemals bekommen werden", sagt Meister. Sie würden das Maximum verlangen, und am Ende werde man sich wohl auf einen mittleren Wert einigen.

Denn in Moskau, wo Gasprom seinen Sitz hat, weiß die Führungsetage, dass in der Ukraine nicht viel zu holen ist. Auch hier hat die Finanzkrise gewütet. "Die Ukraine ist von der Finanzkrise stark betroffen", sagt Kirsten Westphal, Energieexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik zu stern.de.

Die Landeswährung verliert immer weiter an Wert

Das Land ist fast pleite, zudem bei Gasprom stark verschuldet. Verschärfend kommt nun hinzu: Die Schulden gegenüber Gasprom werden in US-Dollar bezahlt. Und das erweist sich gerade jetzt als Problem. Denn gegenüber dem Dollar hat die Landeswährung Hrywnja stark an Wert verloren. Die Ukraine muss also immer mehr Landesgeld herbeischaffen, um die Ausstände zu bedienen. Der Konflikt trifft das Land zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

Das Land kann die Schulden bei Russland nicht begleichen und wird nun von der Lieferung abgeschnitten. Dabei ist es - stärker als andere Länder - auf russische Lieferungen angewiesen. Während der Anteil von Erdgas am Energiemix in Deutschland bei knapp 23 Prozent liegt, sind es in der Ukraine knapp 50 Prozent - eine überdurchschnittlich hohe Abhängigkeit.

Sie brauchen das Geld

Dem Ansehen beider Länder schadet der Streit, egal wann er beigelegt werden kann. "Die Reputation beider Länder ist angekratzt: Bei Russland als zuverlässiger Energielieferant, bei der Ukraine als stabiles Transitland", sagt Energieexpertin Westphal. Aus dem Grund werden beide versuchen, das öffentliche Gezänk schnell zu beenden. Auch Russlandexperte Meister glaubt an ein schnelles Ende. Zwar müssten die Russen in den post-sowjetischen Ländern eine harte Hand zeigen. Aber: "Sie haben kein Interesse daran, unpünktlich zu liefern. Sie brauchen das Geld."

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