Heinrich von Pierer "Mr. Siemens" Pierer unter Beschuss

Wegen der Schmiergeldaffäre kommen die Einschläge um Heinrich von Pierer, jetzt Chef des Aufsichtsrats, näher. Immerhin stand er als Vorstandschef jahrelang an der Spitze dieses Systems. Kritiker fragen, ob bei Siemens überhaupt korrekt gearbeitet wurde.

In der Siemens-Schmiergeldaffäre gerät jetzt der langjährige Vorstandsvorsitzende und aktuelle Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer zunehmend unter Beschuss. "Er hat jahrelang in diesem System an der Spitze gestanden", sagte Klaus Schneider, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger SdK, am Donnerstag der dpa. So langsam müsse man sich fragen, ob bei Siemens überhaupt korrekt Geschäfte gemacht worden seien. "Es scheint eine gewisse Kultur gewesen zu sein, dass man unsauber arbeitet." Aktionärsschützer fordern daher, dass Pierer zumindest sein Amt ruhen lässt, falls er nicht von selbst zurücktritt.

Erst von Pierer brachte Siemens auf Kurs

Pierer war lange Zeit einer der angesehensten Manager in Deutschland. Mit seinem legendärem Zehn-Punkte-Programm mit der Abspaltung der Halbleitersparte Infineon hatte er den einst verschlafenen Industrie-Dampfer Ende der 90er Jahre auf Kurs gebracht. Auch zu den Arbeitnehmervertretern hatte er ein insgesamt gutes Verhältnis. Im Erfurter Generatorenwerk wurde er einmal zum Ehrenbetriebsrat ernannt. "Jetzt bin ich unkündbar", witzelte er hernach.

Doch nun ist bekannt geworden, dass in seiner Amtszeit Millionenzahlungen an den Ex-Siemens-Betriebsrat Wilhelm Schelsky geflossen sind, der als Gegenpol zu den Gewerkschaften die Arbeitnehmerorganisation AUB gegründet hatte. Die IG Metall bereitet deshalb eine Strafanzeige gegen Siemens vor. "Ich gehe davon aus, dass alle Mitglieder des Zentralvorstands gewusst haben, dass es da eine Verbindung zwischen Siemens und der AUB gab", sagt Michael Leppek von der IG Metall.

Was wusste von Pierer wirklich?

Auch das System schwarzer Kassen, mit dessen Hilfe hohe Schmiergelder im Ausland gezahlt wurden, wurde während Pierers Amtszeit aufgebaut. Obwohl Pierer immer wieder öffentlich den Kampf gegen die Korruption ausrief, flossen in den vergangenen Jahren möglicherweise bis zu 420 Millionen Euro in dunkle Kanäle. "Das ist definitiv unter seiner Ägide passiert, sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Bei Siemens habe offenbar die Regel gegolten: "Geld macht alle gefügig." Der Aufsichtsratsvorsitzende müsse jetzt die Frage beantworten: "Was hast Du gewusst?" Sie sei noch nicht soweit, einen Rücktritt zu fordern, sagte Bergdolt. "Aber es fehlt nicht mehr viel."

Pierer hat bisher einen Rücktritt strikt abgelehnt. "Ich würde es als eine Art Fahnenflucht empfinden, wenn ich mich nicht an der Aufklärung beteiligen würde", sagte er auf der Hauptversammlung. Zudem wies er darauf hin, dass er als Vorstandsvorsitzender weit weg gewesen vom operativen Geschäft. Die Übernahme einer politischen Verantwortung lehnte Pierer zudem ab. Der Begriff sei "überstrapaziert" und auf die Wirtschaft nicht zu übertragen.

Unternehmen "nimmt Schaden"

Wie der Konzern nach den Affären aussehen wird, wagt im Moment niemand zu beantworten. "Es ist soweit, dass das Unternehmen Schaden nimmt", sagte Bergdolt. Die Staatsanwälte haben sich in den vergangenen Monaten bei Siemens in der Hierarchie systematisch hochgearbeitet. "Wenn ich ein ehrgeiziger Staatsanwalt wäre, würde ich mich als nächstes im Aufsichtsrat umsehen", sagte ein ausgewiesener Experte.

Axel Höpner/DPA DPA

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