INDUSTRIE Schlechtes Jahr für US-Tourismus


Durch die vergangenen Terroranschläge haben die Amerikaner das Vertrauen ins Fliegen verloren - besonders Geschäftskunden bleiben aus. Mit einer Erholung wird erst 2003 gerechnet.

Gut eine Stunde Wartezeit an der populären Achterbahn »Space Mountain« im Disney-Erlebnispark in Orlando - die Betreiber im US-Bundesstaat Florida frohlocken. »Der Markt erholt sich nach dem Einbruch durch die Terroranschläge, weil die Leute ihrem Alltagsleben entfliehen und mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen wollen«, sagt Disney World-Medienchef Tony Altobelli. Besucherzahlen veröffentlicht das Unternehmen nicht. Nach Angaben von Disney-Präsident Robert Iger blieb in Florida zeitweise ein Viertel der Gäste aus. An diesem Novembertag herrscht in den Disney-Parks in Orlando zwar reger Betrieb, aber längst nicht soviel wie zu dieser Jahreszeit üblich.

Vorteil: kurze Wartezeiten

Diejenigen, die Warnungen vor Flugreisen, Wartezeiten an Flughäfen und möglichen weiteren Terroranschlägen in den Wind geschlagen haben, amüsieren sich prächtig. »Es lohnt sich richtig. Wir können an einem Tag viele Attraktionen auch zwei Mal besuchen, weil die Wartezeiten kurz sind«, sagt Jim Coogler, ein langjähriger Disney-Fan, der mit seiner Familie aus dem Bundesstaat Maine angereist ist. Wer will, kann sich mit seinem Eintrittsticket bei den meisten Fahrten elektronisch einen Platz reservieren und die Wartezeit für andere Aktivitäten nutzen. In diesen Tagen ist das praktisch nicht nötig.

Hohe Verluste

Der US-Tourismusverband TIA schätzt, dass die gesamte Industrie in diesem Jahr 43 Milliarden Dollar (48,7 Mrd Euro/95,2 Mrd DM) einbüßen wird. Die Zahl der amerikanischen Touristen dürfte um 3,5 Prozent auf 962 Millionen zurückgehen, die der ausländischen Besucher um 13 Prozent auf 44 Millionen. Frühestens im übernächsten Jahr rechnet der Verband damit, die Besucherzahlen des vergangenen Jahres wieder zu erreichen.

Schlag gegen die Reiseindustrie

»Die Tragödien von 11. September sind ein bedeutender Schlag für unsere Reise- und Tourismusindustrie«, sagt Verbandspräsident William Norman. Er schätzt, dass fast eine halbe Million Arbeitsplätze verloren geht. Mit 7,8 Millionen direkt Beschäftigten ist der Tourismusbereich einer der größten Arbeitgeber. Weitere 11,5 Millionen Arbeitsplätze hängen in den USA indirekt von der Reiselust der Amerikaner und Ausländer ab.

Kein Vertrauen mehr ins Fliegen

»Danke fürs Reisen« steht auf einem großen Transparent, das jemand am Zaun der Ausfahrtstraße vom Flughafen in Orlando aufgehängt hat. »Wir freuen uns, dass Sie auf Reisen gehen«, sagt auch der Pilot des United Airlines-Fluges. Dass Terroristen es schafften, am 11. September gleich vier Maschinen gleichzeitig zu entführen, hat das Vertrauen der reiselustigen Amerikaner ins Fliegen erschüttert. Jene Dernulc ist selbstständiger Chauffeur in Orlando, in diesen Tagen kein lukratives Geschäft mehr. »Besonders die Geschäftskunden bleiben aus - ich habe Einbußen von 50 Prozent«, sagt er.

Rückgang bei Geschäftsreisen

Orlando hat sich als bedeutender Konferenzort etabliert. Die Vergnügungsparks in der Nähe locken viele Firmen an, die ihren Mitarbeitern und Kunden neben dem Geschäft Vergnügen bieten wollen. Doch gerade die Geschäftsreisen sind stark zurückgegangen. Der Tourismusverband rechnet mit einem Einbruch im 4. Quartal des Jahres um 12 Prozent verglichen mit dem Vorjahreszeitraum. Der Freizeittourismus dürfte um neun Prozent zurück gehen.

Diskret Sicherheit erhöht

In den Disneyparks in Florida sind Mitarbeiter in dicken Plüschkostümen von Mickeymaus, Balu und ihren Freunden im Einsatz wie eh und je. Die heile Welt der Zeichentrickfiguren soll intakt bleiben. Die Disneyparks haben die Sicherheitsvorkehrungen diskret erhöht. Den Besuchern, die hier die Alltagssorgen vergessen und sich in eine Kinderwelt entführen lassen sollen, bleibt das weitgehend verborgen.

Christiane Oelrich


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