Interview "Es wird weniger Banken geben"


Postbank-Chef Wulf von Schimmelmann über die Krise des heimischen Geldgewerbes, den Reiz des Sparbuchs und den Trick mit den Zinsen auf die Tore der Fußball-Nationalmannschaft.

Herr von Schimmelmann, warum soll die Postbank eine attraktive Aktie für Anleger sein?

Wulf von Schimmelmann: Unsere Kombination aus Substanz und Wachstumschancen ist fast einmalig. Wir sind kein Hoffnungswert, sondern haben etwas vorzuweisen: 11,5 Millionen Kunden, 57 Milliarden Euro Einlagen. Und wir können noch kräftig wachsen. Täglich kommen zwischen zwei und drei Millionen Menschen in die Filialen der Post. Nur etwa jeder Fünfte ist Postbank-Kunde. Das ist ein riesiges Potenzial.

Von Ihren 11,5 Millionen Kunden sind nur 4,5 Millionen aktiv. Der große Rest hat lediglich ein Sparbuch und hebt einmal im Jahr Geld ab oder zahlt etwas ein.

Das ist doch super. Sieben Millionen Kunden, die uns kennen, bei denen wir Vertrauen aufgebaut haben und die wir jetzt gezielt ansprechen können. Hätten wir das schon ausgeschöpft, würden Sie mich fragen: Wie wollen Sie überhaupt noch wachsen?

Wenn es so einfach wäre, hätten Sie's ja längst machen können.

Viele Menschen - auch solche, die bei uns ein Konto haben - dachten bis vor kurzem noch, die Postbank sei nichts anderes als das alte Postgiroamt. Erst durch den Börsengang erkennen sie, dass wir weit mehr bieten als ein Sparbuch. Und wir sind jetzt auch technisch in der Lage, den Kunden passende Angebote zu machen, etwa Kredite und Aktienfonds.

Ist Ihr Personal, vorwiegend Mitarbeiter der Post, dafür überhaupt ausgebildet?

Wir nutzen 9000 Postfilialen auch als Bank. Darunter sind 780 so genannte Postbank-Center mit jeweils mindestens drei Finanzberatern. Aber ich will ehrlich sein: Wir sind erst zu zwei Dritteln mit so guten Leuten besetzt, wie ich mir das vorstelle. Da haben wir noch Ausbildungslücken, die wir bis Ende 2005 schließen wollen.

Die Postbank gilt als kundenfreundlichste Bank Deutschlands. Müssen Sie Ihr Aldi-Image aufgeben, sobald Sie an der Börse sind?

Unsere Preispolitik heißt: einfach und günstig. Daran werden wir nichts ändern. Wir wollen noch kundenfreundlicher werden.

Aber Investoren wollen Gewinne sehen. Und die ließen sich leicht steigern, indem Sie wie andere Banken auch Kontoführungsgebühren erheben, die Sparbuchzinsen senken oder den Menschen neue teure Geldanlagen andrehen.

Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen, und unsere Kunden sind überwiegend sehr zufrieden mit uns. Das ist das Letzte, was wir gefährden werden. Außerdem entwickelt sich unser Gewinn doch beeindruckend. Ob Girokonten, Sparbücher oder Privatkreditgeschäft - bei uns ist jede einzelne Sparte profitabel. Und wenn wir etwas Neues anbieten, etwa Aktienfonds, sollen die auch für die Kunden attraktiv sein. Darüber hinaus werden wir mit unseren Vermögensberatern auf alle Kunden, deren Einkommen über 2.500 Euro liegt, zugehen und ihnen Angebote machen.

Längst nicht alle Ihrer Finanzangebote sind gut. Bei einem Garantiefonds haben Sie den Bonus mit der Rendite verwechselt...

…...das war ein Fehler, für den wir uns entschuldigt haben.

Zur Fußball-Europameisterschaft haben Sie mit "Bonus Volltreffer" ein zweifelhaftes Sparangebot gemacht, dessen Verzinsung sich am Abschneiden der deutschen Mannschaft orientiert. Gewinnen kann nur die Bank, nicht der Fan.

Das Angebot hat etwas Spielerisches, ja. Aber mit Nepper, Schlepper, Bauernfänger hat das nichts zu tun: Wenn es gut läuft für die Deutschen bei der EM, läuft es schlecht für uns. Ab Erreichen des Halbfinales verdienen wir an "Bonus Volltreffer" nichts mehr. Dafür steigt der Werbewert mit jedem Sieg, denn wir sind ja auch Sponsor der Nationalmannschaft. Wir können also bei der EM nicht verlieren.

Wieso rechnet sich bei Ihnen das Geschäft mit Girokonten, obwohl Sie anders als fast alle anderen Banken ab 1.000 Euro Umsatz im Monat keine Gebühren erheben?

Das geht nur über die Kosten. Drei Viertel unserer Kunden zahlen keine Gebühren, wir können also nur mit dem Geld auf den Konten Erträge erwirtschaften. Deshalb sind wir viel schlanker organisiert als andere Banken. In den Filialen gibt es niemanden, der Akten führt oder Kontoauszüge verwaltet. Alles läuft bundesweit zentral an drei Standorten. Diese hohe Effizienz ist das Geheimnis unseres Erfolgs.

Wenn alles so toll läuft, warum will die Postbank dann unbedingt an die Börse?

Unserem Eigentümer, der Post, bringt der Börsengang Geld, das im Logistikgeschäft investiert werden kann. Und es macht den Wert des Tochterunternehmens Postbank viel sichtbarer. Für uns ist es die Chance, endgültig das Behördenimage abzulegen. Für die Mitarbeiter ist es wichtig, wenn sie täglich sehen können, wo die Firma steht.

Sie haben keine eigenen Filialen, sondern sind Untermieter der Post. Sie haben kaum eigenes Personal, sondern müssen sich oft auf Postbeamte verlassen. Was ist überhaupt das Unternehmen Postbank?

Hochmodern. In zehn oder 15 Jahren werden die allermeisten Banken genau so aussehen. Reine Bankfilialen werden unbezahlbar. Sie einfach zu schließen ist aber keine Lösung, denn Banken müssen flächendeckend präsent sein. Also werden alle versuchen, ihr Filialnetz mit einem anderen Unternehmen zu teilen, den Vertrieb an freie Agenturen ausgliedern oder Bankfilialen zu Erlebnislandschaften ausbauen.

Wird es auf dem Bankensektor in nächster Zeit zu einem großen Schrumpfungsprozess kommen?

Ich hoffe das. Wir haben heute in Deutschland 489 Sparkassen, 1.400 Volks- und Raiffeisenbanken und Dutzende private Geldinstitute. Ich glaube nicht, dass es auf Dauer noch so viele Banken geben wird. Es muss und es wird zu Fusionen kommen. Wir brauchen dringend eine andere Bankenstruktur. Mir leuchtet nicht ein, warum sich nicht private Banken und Sparkassen zusammentun sollten, was bislang gesetzlich nicht geht. Ich wünsche mir einen offenen Markt, damit in Deutschland starke Kreditinstitute entstehen können. Und das muss keine Einbahnstraße sein. Warum sollen nicht auch große Sparkassen private Banken kaufen? Vorbild kann Italien sein: Dort wurden die Sparkassen zu Kapitalgesellschaften umgewandelt, die Mehrheit musste verkauft werden. Heute hat Italien starke Banken, zum Teil auch Mischungen aus Sparkassen und Privatinstituten. Ich verstehe nicht, warum wir in Deutschland nicht endlich mal die Ideologie über Bord werfen und etwas Ähnliches versuchen. Die Welt hat sich geändert, und wir denken immer noch, uns betrifft es nicht.

Treten Sie dann als Käufer auf?

Wir sehen uns das genau an.

Der Bundeskanzler hat die Postbank der Deutschen Bank auf dem Silbertablett serviert. Die Deutsche Bank hat Anfang Mai eine Woche lang den Einstieg bei Ihnen geprüft und sich dann dagegen entschieden, weil die Postbank zu teuer war. Waren Sie in die Gespräche einbezogen?

Natürlich hat man das eine oder andere Gespräch geführt...

...mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann?

...das eine oder andere Gespräch geführt...

Wie liefen die Gespräche mit Herrn Ackermann?

Das müssen Sie ihn fragen, wer mit ihm geredet hat, das dürfen Sie nicht mich fragen.

Würden Deutsche Bank und Postbank nicht gut zusammenpassen?

Ich bin nie in die Situation gekommen, mir das ernsthaft überlegen zu müssen. Aktuelle Planungen gibt es nicht.

Innerhalb der Deutschen Bank gab es sogar Gedankenspiele, Sie nach ein oder zwei Jahren zum Nachfolger des umstrittenen Chefs Ackermann zu machen.

Das halte ich für absurd. Weder hat das jemand an mich herangetragen, noch hätte es etwas mit meiner Lebensplanung zu tun.

Joachim Reuter / Frank Thomsen print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker