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Justiz: Bilanzskandale am Neuen Markt

Viele Anleger haben dem Neuen Markt längst den Rücken gekehrt. Die Justiz interessiert sich dagegen zunehmend für das Börsensegment mit seinen Skandalen.

»Wir nehmen an, dass die Fälle zunehmen werden«, sagt Manfred Wick, Leitender Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft München I. Seine Behörde befasst sich derzeit mit zwei der spektakulärsten Fälle: Sie will die Gründer der früheren Börsenstars EM.TV und ComRoad vor Gericht bringen. Die Verfahren könnten Signalwirkung haben, denn oftmals müssen die Staatsanwaltschaften juristisches Neuland betreten.

Neuer Markt ist verkommen

Aus Sicht der Aktionärsschützer ist der Neue Markt schon längst zum Trauerspiel verkommen. »Es gibt inzwischen mehr Strafanzeigen als gute Unternehmensnachrichten«, sagt Markus Straub, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Ein weiterer Ansehensverlust ist durch öffentliche Prozesse nicht zu erwarten. »Den Neuen Markt kann man imagemäßig gar nicht mehr beschädigen.« Im Sinne der Aktienkultur sind die Aktivitäten der Justiz nur zu begrüßen. »Es wäre ein positives Signal, wenn man die Haffas oder Schnabels hinter Gitter bekommt.« Der Chef des Telematikanbieters ComRoad, Bodo Schnabel, kam im April bereits in Untersuchungshaft.

Ähnliche Verdächtigungen

Die Verdächtigungen gegen Unternehmen am Neuen Markt oder gegen ihre Vorstände ähneln sich oft: Verdacht aufgeblasener Bilanzen, Insiderhandel, Kursbetrug. Bei ComRoad ergab eine Sonderprüfung sogar, dass sogar ein Großteil der verbuchten Umsätze zwischen den Jahren 1998 und 2000 nicht existierte. »Wenn sich irgendwo so eine Goldgräberstimmung breit macht, wartet man als Strafverfolger nur auf solche Ereignisse«, sagt Wick mit Blick auf die Euphorie, die lange am Neuen Markt herrschte.

90 Prozent verloren

Seit seinen Höchstständen hat der Neue Markt weit über 90 Prozent verloren. Viele Anleger hoffen, sich auf dem Klageweg einen Teil ihrer Verluste zurückholen können. Bislang schmetterten die Richter nahezu alle Schadenersatzklagen ab. »Bisher sind die Chancen auf Schadenersatz extrem schlecht«, sagt Aktionärsschützer Straub. »Im Moment verdienen an den Klagen ganz klar nur die Anwälte.« Zumindest in den Fällen EM.TV und ComRoad könnten die Chancen auf Schadenersatz im Falle einer Verurteilung wegen Betrugs aber deutlich steigen. Für die Zivilklagen könne der Ausgang der Strafverfahren erfahrungsgemäß große Bedeutung haben, sagt Wick.

Spürbare Strafen wichtig

Gerade bei Fällen der Wirtschaftskriminalität ist nach Einschätzung Wicks eine spürbare öffentliche Strafe wichtig. Auch Straub ist überzeugt: »In weiten Bereichen ist es so, dass man den Eindruck bekommt, dass man mit Wirtschaftskriminalität einfach so davon kommen kann.« Nach Angaben von Wick sind in den Fällen ComRoad und EM.TV als Höchststrafen bis zu fünf Jahre Gefängnis für jede einzelne Tat möglich.

Verfahren mit Pionierfunktion

Bis zu einer möglichen Verurteilung ist es aber noch ein weiter Weg. Zwar ist der Fall EM.TV zur Hauptverhandlung zugelassen. Wick stellt sich aber auf ein schwieriges Verfahren ein, da einige Punke zu entscheiden seien, für die es noch keine obergerichtliche Rechtsprechung gebe. »Da haben wir schon eine gewisse Pionierfunktion.«