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Konjunktur: In den USA herrscht Ernüchterung über fehlenden Aufschwung

Erst waren es die Terroranschläge, dann die Bilanzskandale, später die Unsicherheit über den bevorstehenden Krieg und seine Dauer - es mangelte nicht an Begründungen für die lahmende Konjunktur.

Erst waren es die Terroranschläge, dann die Bilanzskandale in US-Unternehmen, darauf die Unsicherheit über den bevorstehenden Krieg und schließlich die Sorge vor einem langen Kampf - an Begründungen für die schwache US-Konjunktur mangelt es seit vielen Monaten nicht. Doch jetzt, nach dem unerwarteten Blitzsieg in Bagdad, macht sich in den USA Ernüchterung breit. Die große Aufbruchstimmung ist bislang ausgeblieben. Verbraucher und Unternehmer machen keine Anstalten, mit dem Abzug der dunklen Kriegswolken die Geldbörsen und Firmenschatullen wieder zu öffnen. Zwar fielen die Ölpreise und die Aktienkurse gingen hoch, doch die meisten Volkswirte haben ihre Prognosen für das Wachstum dennoch auf rund drei Prozent zurückgenommen.

Wachstum lahmt noch immer

"Nach Kriegsende finden Verbraucher und Unternehmer sich immer noch in einer bleischweren Wirtschaft wieder", meinte der Chefökonom der Ratingagentur Standard & Poor's, David Wyss. "Das Wachstum wird in den USA und im Rest der Welt wohl ziemlich lahm bleiben."

Nicht nur der Krieg ist schuld

Zum einen rückt jetzt wieder ins Bewusstsein, dass nicht nur die düstere Wolke eines Krieges mit unbekanntem Ausgang die Wirtschaft hemmte. Nach wie vor sind die Produktionsstätten im Schnitt nur zu 75 Prozent ausgelastet. "Es gibt jede Menge Überkapazitäten in der Fertigungsindustrie", räumte Finanzminister John Snow ein. "Die Firmen brauchen erst Aufträge, bevor sie wieder investieren."

Trübe Geschäftsaussichten

Zum anderen bergen die Folgen des Irak-Kriegs eine Reihe neuer Gefahren. Hass und Wut in der arabischen Welt und schwere Verstimmung in Europa über den US-Alleingang könnten die Geschäftsaussichten amerikanischer Unternehmen im Ausland trüben. "Die Nachkriegsperiode wird eine echte Herausforderung für die Welt und die Globalisierung", mahnt der Chefökonom von Morgan Stanley.

USA stark isoliert

Auch die weitere Liberalisierung des Welthandels könnte unter den schweren diplomatischen Verstimmungen leiden, fürchten Wissenschaftler. "Ich kann mich nicht an einen Zeitpunkt erinnern, zu dem die USA so isoliert waren wie heute", sagte Mark Weisbrot vom Washingtoner Institut «Center for Economic and Policy Research», der Zeitschrift «Business Week». "Das ist der Suche nach Konsens bei Freihandelsverhandlungen wohl kaum zuträglich."

Probleme vor dem Wahljahr

Wenn die US-Wirtschaft nicht bald kräftig anzieht, könnte es für Präsident George W. Bush eng werden. Rechtzeitig vor dem Wahljahr 2004 muss er das Konjunkturruder rumreißen, will er dem Schicksal seines Vaters entgehen. Den ließen die Amerikaner 1991 nach gewonnenem Krieg gegen den Irak nach nur einer Amtszeit fallen, weil die Wirtschaft nicht brummte.

Ökonomen skeptisch bei Bush-Plänen

Bush wirbt deshalb aggressiv für seine Steuersenkungspläne, die der Senat beschneiden will. Der Präsident verkauft dies zwar als Wachstumsimpuls, doch sind die meisten Ökonomen äußerst skeptisch. "Dieser Vorschlag hat nichts mit Arbeitsplätzen oder Wachstum zu tun", schrieb Steven Pearlstein in der «Washington Post». "Hier soll der Anschein erweckt werden, es werde etwas für die Wirtschaft getan. In Wirklichkeit geht es ums Gewinnen."

Greenspan soll weiter bleiben

Sollte der Senat Bushs Steuerpläne wie angedroht kippen oder scharf beschneiden, hätte er wenigstens einen Sündenbock. Bushs Vater schob die Schuld an der Niederlage damals dem Notenbankchef mit in die Schuhe. Alan Greenspan habe angesichts der Rezession 1990-91 nicht schnell genug die Zinsen gesenkt. Denselben Greenspan will Sohn Bush sich jedoch warm halten. Vergangene Woche bot er dem 77-jährigen eine weitere Amtszeit an der Spitze der Fed an.

SARS als neuer Sündenbock

Die Fed lieferte vorsorglich schon einen weiteren Grund, warum es mit dem Aufschwung möglicherweise doch nicht klappen könnte. In ihrer Regionalbetrachtung der US-Wirtschaft (Beige Book) machte sie jetzt erstmals die Lungenkrankheit SARS als möglichen Wachstumshemmer aus.