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Konjunktur: Deutschland wächst stärker als USA

Überraschend hat das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal des Jahres um ein Prozent zugelegt. Am Zuwachs der Binnennachfrage aber liegt das nicht.

Selbst Optimisten waren überrascht: Die deutsche Wirtschaft ist dank eines kräftigen Exportschubs Anfang 2005 so stark wie seit vier Jahren nicht mehr gewachsen. Trotz des starken Euro bewiesen die Exporteure ihre gute Wettbewerbsfähigkeit. "Die Wirtschaft bleibt aber störanfällig, weil sie nur auf einem Bein steht, den Exporten", sagt Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. Eine Abschwächung der Weltkonjunktur würde Deutschland empfindlich treffen. Gleichzeitig sanken im ersten Quartal die Importe - das ist ein Ausdruck der schlechten Binnennachfrage. Und die Experten mahnen zur Vorsicht: Statistische Effekte haben die positive Entwicklung überzeichnet. Von einem selbst tragenden Aufschwung ist Deutschland ganz weit entfernt. "Das erste Quartal ist keine Trendwende. Der Konjunkturmotor in Deutschland stottert weiterhin", sagt der Chefvolkswirt der Dresdner Bank, Michael Heise.

Exporte sind nicht alles

Im ersten Quartal legte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) saison- und kalenderbereinigt um 1,0 Prozent zum Vorquartal zu, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. "Die wirtschaftliche Belebung im ersten Quartal 2005 im Vergleich zum vierten Quartal 2004 wurde ausschließlich vom Außenbeitrag getragen", sagten die Statistiker. Die Binnennachfrage sank dagegen, wofür Volkswirte vor allem den wetterbedingten Einbruch bei der Bauwirtschaft verantwortlich machten. Allerdings legten die Investitionen zu.

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Für die Volkswirte ist das Ergebnis ein "Strohfeuer" und ein "Ausreißer" - ebenso wie das schlechte Jahresendquartal 2004 mit minus 0,1 Prozent. Weil Weihnachten 2004 auf ein Wochenende fiel, korrigiert die saisonbereinigte Statistik das Wachstum im vierten Quartal um zusätzliche Arbeitstage zwischen den Feiertagen. Da aber trotz mehr Arbeitstagen die Beschäftigten de facto kaum mehr arbeiteten, wurde auf diese Weise die Wachstumsrate auf diese Weise künstlich gesenkt - und im ersten Quartal künstlich erhöht. "Betrachtet man die letzten drei Quartale zusammen, ergibt sich ein durchschnittlicher Zuwachs von 0,3 Prozent. Das ist ein vernünftiges Wachstum", sagt der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater.

Regierung bestätigt eigene Prognose

Während erste Ökonomen auf Grund des unerwartet starken Wachstums bereits ihre Prognosen für das Gesamtjahr erhöhten, sprach die Bundesregierung von einer Bestätigung ihrer bisherigen Voraussage von bis zu 1,25 Prozent. Zuletzt war die deutsche Wirtschaft Anfang 2001 so stark gewachsen. Der Zuwachs lag sogar über dem in den USA, wo die Wirtschaft am Jahresanfang um rund 0,8 Prozent gewachsen war.

Trotz des starken Wachstums mahnten die Experten, einen kühlen Kopf zu bewahren. "Die deutsche Wirtschaft hat einen guten Start ins Jahr hingelegt", sagte Andreas Rees von der Hypo-Vereinsbank, der seine Prognose für das Gesamtjahr auf 1,1 von 0,8 Prozent erhöhte. Doch Aussagen der Statistiker zu den Details trübten das Bild: Während die Exporte kräftig zulegten, seien die Importe gesunken. Im Inland wuchsen allein die Investitionen. "Die Wachstumsaussichten sind immer noch sehr labil", sagte Niklasch. "Mir wäre es lieber gewesen, wenn nicht der Export, sondern der Konsum für das Wachstum verantwortlich gewesen wäre."

Rückfall ins Angstsparen

Nach dem ersten Hoffnungsschimmer hat die Wirtschaft im zweiten Quartal wegen der hohen Ölpreise bereits wieder an Schwung verloren. Die Stimmung ist in den Keller gerutscht. Aufs Jahr hochgerechnet würde die Wachstumsrate der ersten drei Monate gigantische 4,0 Prozent Plus ergeben - die führenden Forschungsinstitute erwarten aber nur 0,7 Prozent. Das wäre weniger als halb so viel wie im Vorjahr. "2005 bleibt eine Zitterpartie für die deutsche Konjunktur", sagt Citibank-Chefvolkswirt Jürgen Michels.

Zu groß sind die Risiken. Die Binnenkonjunktur kommt nicht in Schwung, die Unternehmen investieren nur sehr vorsichtig. Der private Konsum bleibt ein Sorgenkind. Entgegen allen Erwartungen haben die Verbraucher seit Jahresbeginn nicht mehr, sondern weniger Geld ausgegeben. Beim Friseur und Handwerkern, bei Autohändlern und an den Tankstellen sank der Umsatz. Angesichts der Horrorzahlen vom Arbeitsmarkt mit 5,2 Millionen Arbeitslosen sind die Menschen wieder ins Angstsparen verfallen. Die Sparquote in Deutschland liegt mit 10,8 Prozent extrem hoch.

Ölpreis bleibt ein Risiko

Einen Konsumaufschwung sehen die Experten für dieses Jahr nicht. Mit der Umfinanzierung der Krankenversicherung kommen im Sommer neue Belastungen auf die Verbraucher zu, was die Nachfrage bremsen wird. "Alles hängt nun davon ab, wie sich das Verbrauchervertrauen entwickelt", warnt Volkswirt Heise. Ein Risiko bleiben auch die hohen Ölpreise, die Anfang März auf knapp 54 Dollar je Barrel schnellten. Im Gesamtjahr werden sie das Wachstum in Deutschland um 0,3 Prozentpunkte bremsen und den Verbrauchern Kaufkraft entziehen.

Reuters, AP, DPA / AP / DPA / Reuters