HOME

Konjunktur: Kabeljau-Boom machte Isländer zu reichen «Seefürsten»

Reiche Fischvorkommen und hohe Weltmarktpreise haben den Wikinger-Nachfahren seit Mitte der neunziger Jahre eine lange und heftige Boomphase beschert.

Der Kabeljau entscheidet auf Island mitunter über Wahlen. So sah es auch Ministerpräsident Davíd Oddsson, als er bei einem Auftritt vor der Althings-Wahl am Samstag enormes Aufsehen mit der Ankündigung erregte, für das kommende Jahr sei mit noch besseren Kabeljau-Fängen zu rechnen. Dabei ist diese für die wirtschaftliche Grundstimmung auf der nordatlantischen Insel absolut zentrale Information ein noch streng gehütetes Geheimnis der alljährlich mit Prognosen aufwartenden Meeresbiologen. Aber darauf wollte der konservative Ministerpräsident wohl nicht warten, denn eine frohere Botschaft als die Aussicht auf richtig viel Fisch in den Netzen kann kein Politiker den 280.000 Isländern übermitteln.

Hohe Weltmarktpreise

Schließlich haben reiche Fischvorkommen und hohe Weltmarktpreise den Wikinger-Nachfahren seit Mitte der neunziger Jahre eine lange und heftige Boomphase beschert. In der einst von Holzhäuschen geprägten Hauptstadt Reykjavik schossen plötzlich zu Hauf Glaspaläste in die Höhe, deren Finanziers im Volksmund wegen ihres plötzlichen Reichtums aus der Fischerei spöttisch «Seefürsten» genannt werden.

Geringe Erwerbslosenquote

Im letzten Jahr aber gab es einen Knick mit leicht negativem Wachstum und wieder steigender Arbeitslosigkeit. Allerdings von einer anderswo kaum vorstellbaren Basis: Die Erwerbslosenquote hat von knapp unter 2 Prozent nach dem Jahrtausendwechsel auf derzeit leicht über 3 Prozent angezogen. Doch schon kündigen Finanzministerium wie Zentralbank den nächsten Boom an, der eben gerade nicht von der Ertragsfähigkeit der heimischen Fischgründe abhängig sein soll.

Aluminium-Schmelze

Nach heftigen jahrelangen Konflikten mit Umweltschützern gab Oddssons Mitte-Rechts-Regierung Anfang des Jahres grünes Licht für den Bau einer Aluminium-Schmelze an der Ostküste, die Islands wirtschaftliche Abhängigkeit vom Fischfang deutlich vermindern soll. Allein die Bauphase für die Anlage des US-Konzerns Alcoa mit einer geplanten Jahreskapazität von 322.000 Tonnen wird die Arbeitslosenquote in dem kleinen Land wieder um 1,5 Prozentpunkte senken. Wenn von 2007 an in der Anlage produziert wird, gegen deren Bau die Mutter von Islands berühmtestem Popstar Björk drei Wochen vergeblich im Hungerstreik stand, sinkt der Anteil der Fischerei an Islands Exporten von 62 auf 48 Prozent. Der von Aluminium steigt von 19 auf 30 Prozent.

Aluminium wird wichtiger als Fisch

Chefökonom Maur Gudmundsson von der wohl nicht zufällig direkt am Fischereihafen gelegenen Zentralbank drückt die zu erwartende Veränderung noch plastischer aus: "Das Aluminium wird dann wichtiger sein als der Kabeljau, aber nicht so wichtig wie der Fisch insgesamt." Gudmundsson sorgt sich beim Blick auf die kommenden Jahre vor allem um einen möglichen Inflationsschub aus dem Aluminium-Projekt, der mit Abstand größten Investition in der Landesgeschichte. Die Zentralbank ist mit ihren Wachstumsprognosen eine Kleinigkeit vorsichtiger als das Finanzministerium, dass pünktlich drei Wochen vor den Wahlen seine frühere Prognose für dieses Jahr gleich um einen Prozentpunkt auf 2,75 Prozent anhob.

EU-Mitgliedschaft kein Thema

Für 2004 wird mit einem Wachstum des Bruttonationalprodukts von 3,75 Prozent gerechnet, womit die Isländer erneut klar vor ihren wichtigsten Handelspartnern auf dem europäischen Festland liegen. Vom zeitweise diskutierten Anlauf in Richtung EU-Mitgliedschaft ist im Wahlkampf nichts zu hören. Auf die Frage nach dem Warum antworten Beobachter in Reykjavik gern mit hintergründigem Lächeln: "Jeder sieht doch, dass es so bestens läuft."

Themen in diesem Artikel