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Krise bei Opel: "Eine Insolvenz ist kein Todesurteil"

Von Politikern wird eine Insolvenz der Traditionsmarke Opel offen diskutiert. Sie sei hilfreich, um den Konzern zu sanieren, sagen die einen. Das Gegenteil sei der Fall, heißt es aus dem anderen Lager: Sie zerstöre das Vertrauen der Kunden. Im stern.de-Interview sieht Ökonom Michael Hüther in der Insolvenz eine Chance.

Herr Hüther, Opel soll über Jahre seine Gewinne ins Ausland transferiert haben. Bei einem multinationalen Konzern ist das eigentlich gängige Praxis. Können Sie die Aufregung von einzelnen Politikern verstehen?

Die Aufregung ist da, weil der Konzern gleichzeitig Milliardenforderungen an den Staat erhebt. Das bekommt so eine besondere Note. Die Aufregung an sich ist verständlich. Aber das sind Gestaltungsmöglichkeiten, die gerade Konzerne auch gern nutzen.

Sollte der Staat so etwas möglichst verhindern?

Die Konzerne haben nicht extra ein Niedrigsteuerland als Standort ausgewählt. Aber sie versuchen, innerhalb des Konzerns die Steuern zu optimieren. Das ist Steuerwettbewerb. Wir müssen uns fragen: Haben wir ein wettbewerbsfähiges Steuersystem? Was die effektive Belastung angeht, ist das nicht der Fall. Das sehe ich Handlungsbedarf.

Opel hat durch diese Taktik in Deutschland effektiv offenbar keine Steuern gezahlt. Nun ruft Opel nach Staatshilfe. Ist das in Ordnung?

Die Frage, ob Opel Hilfen bekommt, erscheint für mich dadurch nicht in einem anderen Licht. Ganz unabhängig davon halte ich es nicht für begründbar, dass der Staat hier als Unternehmer eingreift. Aber durch diese Steuergeschichte macht Opel es der Politik sicher schwerer, diesen Weg zu gehen.

Einzelne Politiker hatten vorgeschlagen, Opel in die Insolvenz gehen zu lassen und den Betrieb so zu erhalten. Wie sehen Sie das?

Ich finde es richtig, dass die Politik keine Option ausschließt. Und eine Insolvenz ist eine Option. Das Problem ist nur: Die findet nur im nationalen Rechtssystem statt. Dadurch haben sie ausschließlich die deutschen Opel-, beziehungsweise GM-Werke im Blick und nicht jene im europäischen Ausland. Und da sagen die Fachleute: Opel ist allein zu klein, der Weg kann nur über einen gesamteuropäischen Autokonzern gehen. Das ist der Hinkefuß an der Insolvenz.

Sie halten aber eine Insolvenz für möglich und im Zweifel auch erfolgsversprechend?

Die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik kennt hinreichend Fälle, in denen Unternehmen über Insolvenzverfahren wieder eine Chance hatten. Eine Insolvenz ist kein Todesurteil.

Franz Müntefering spricht von einem "systemrelevanten Unternehmen", Kanzlerin Merkel nicht. Was passiert, wenn es Opel nicht mehr gibt?

Die deutsche Volkswirtschaft wird sich auch ohne Opel in seiner jetzigen Struktur gut weiterentwickeln. Die Frage ist: Wie stark sind die Zulieferer belastet? Das Dilemma ist sicherlich, dass wir eine fundamentale Nachfragekrise bei den Autos erleben. "Systemrelevant" ist sicher nicht der richtige Begriff. Bei den Banken ist das so. Denn hier werden vornehmlich nicht die Banken, sondern das Finanzsystem gerettet. Das ist der Blutkreislauf des Wirtschaftskörpers. Für einzelne Unternehmen gilt das nicht. Die Kanzlerin hat da völlig recht.

Welche Auswirkungen hätte eine Opel-Pleite für den Standort Nordrhein-Westfalen?

Das Problem ist: Das Bochumer Werk ist technisch am wenigsten zeitgemäß ausgestattet. Da besteht ein beachtlicher Investitionsbedarf. Rüsselsheim und Eisenach stehen von der Produktivität sehr gut da. Das kulminiert in der insgesamt schwachen Situation im Ruhrgebiet. Macht es wirklich Sinn die Illusion von Arbeit mit einer staatlichen Stütze zu nähren? Die Gefahr, Steuergelder letztlich doch zu vergeuden, ist sehr hoch. Den Druck, den die SPD aufbaut, finde ich nicht wirklich hilfreich.

Interview: Axel Hildebrand