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Lidl-Chef zu Bespitzelungsskandal: "Wir sind doch keine Zombies"

Die Lidl-Bespitzelungsaffäre, die der stern und stern.de aufdeckten, hat im Frühjahr für Empörung und wochenlange Diskussionen gesorgt. Im stern-Interview erläutert Frank-Michael Mros, Deutschlandchef des Discounters, welche Lehren Lidl gezogen hat und wie er seinem 13-jährigen Sohn den Skandal erklären musste.

Von Malte Arnsperger und Nikola Sellmair

Wann und wie oft geht ein Mitarbeiter auf die Toilette, wer ist wo tätowiert und welche Angestellte haben ein Verhältnis miteinander: Private Details über Mitarbeiter wie diese wurden von Ladendetektiven im Auftrag des Lebensmitteldiscounters Lidl protokolliert. Im Frühjahr deckten der stern und stern.de diese illegale systematische Bespitzelung auf. Der Lidl-Skandal sorgte für wochenlange Diskussionen über Datenschutz, die Rechte von Mitarbeitern und die Arbeitsbedingungen im Handel.

Selbstkritik bei Deutschland-Chef

"Ihre Geschichte hat einen Misstand aufgedeckt." Dieser Satz stammt nicht etwa von Datenschützern oder von Gewerkschaftern, er kommt von dem viel kritisierten Discounter selber. In einem exklusiven Interview mit dem stern zeigt sich Frank-Michael Mros, Deutschland-Chef von Lidl, am Jahresende selbstkritisch. Die Bespitzelung sei ein "ganz dunkler Fleck" in seinem Unternehmen, sagt der 45-Jährige, der seit 2005 verantwortlich für die rund 3000 Lidl-Filialen in Deutschland ist.

Mros spricht offen über die Auswirkungen, die der Bespitzelungsskandal auf sein Privatleben hatte. Denn nicht nur vor der aufgebrachten Öffentlichkeit oder entsetzten Kollegen habe er sich erklären müssen: "Zu Hause fand mein 13-jähriger Sohn deutliche Worte", gibt der Manager in dem Interview zu. "Dem konnte ich nicht sagen: Ich wusste von nichts, glaub mir Junge." Zusammen mit seiner Familie habe er, ähnlich wie mit seinen Kollegen, die Affäre aufgearbeitet. Mros gesteht: "Wenn man verantwortlich ist und nicht weiß, was in seiner Organisation los ist, dann ist das ein entscheidender Fehler."

Bei aller Selbstkritik bleibt die Lidl-Führung aber bei ihrer Sprachregelung, die sich seit dem Bekanntwerden der Überwachungsaffäre nicht geändert hat. Verantwortlich für die Detektiveinsätze sei nicht die Lidl-Zentrale in Neckarsulm sondern die Geschäftsführer der jeweiligen Regionalgesellschaften gewesen. "Das ist kein System Lidl", sagt Mros im stern. "Das ist eine Ausnahme Lidl."

Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache. Nicht nur, dass Lidl bereits 2004 wegen eines ähnlichen Bespitzelungsfalles in die Kritik geraten war und schon damals Besserung gelobt hatte. Die Recherchen von stern und stern.de sowie die folgenden Untersuchungen der Datenschützer hatten gezeigt, dass die Mitarbeiterüberwachung über Monate andauerte, die Detektive von der Lidl-Zentrale bezahlt wurden und 15 von 34 Regionalgesellschaften involviert waren.

Lidl: Detektive sind notwendig

Wie auch der Lidl-Aufsichtsrat Klaus Gehrig wirbt Mros für Verständnis für den Einsatz von Detektiven. Dies sei in der Branche üblich und notwendig, um auf die großen Inventurverluste zu reagieren. "Wir verlieren viel Geld durch Ladendiebstahl", sagt Mros.

Dem Discounter war wegen der Datenschutzverstöße von den Datenschutzbehörden ein Bußgeld in Höhe von knapp 1,5 Millionen Euro aufgebrummt worden. Lidl musste also reagieren. "Wir wollen nicht in einer Firma arbeiten, die so unterwegs ist", sagt Mros. "Wir sind doch keine außerhalb der Gesellschaft stehenden Zombies".

Deshalb habe Lidl in der Folge die gesetzlich vorgeschriebenen Datenschutzbeauftragten eingestellt und klare Regeln für Detektiveinsätze festgelegt, sagt Mros in dem Interview. Aber der Wandel in der Unternehmenskultur hat Grenzen. Denn: Personelle Konsequenzen aus der Affäre hat der Discounter nicht gezogen. Keiner der angeblich verantwortlichen Regionalmanager wurde entlassen. Schließlich würden neue Leute auch Fehler machen, meint Mros.

Aber die Manager hätten sich persönlich bei den bespitzelten Angestellten entschuldigt. Eine Aussage, die offensichtlich nicht vollständig zutrifft. Denn eine der betroffenen Mitarbeiterinnen hatte dem stern gesagt, dass sich bei ihr niemand persönlich entschuldigt habe. Mros dazu: "Wenn das wirklich stimmt, wäre es bitter. Diese Mitarbeiterin soll ihren Geschäftsführer anrufen, ihm einen schönen Gruß von mir bestellen und eine persönliche Entschuldigung verlangen."

Von:

Malte Arnsperger und Nikola Sellmair