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Lieferstopp: Warum die Milch so billig ist

Deutschlands Milchbauern machen Ernst. Mit einem Lieferstopp wollen sie höhere Preise erzwingen. Doch warum erzielen die Landwirte überhaupt so niedrige Vergütungen - wo doch seit Monaten über steigende Lebensmittelpreise geredet wird.

Von Annette Berger

Zahlreiche Milchbauern in Deutschland liefern nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) aus Protest gegen zu niedrige Preise den Molkereieren seit Dienstagmorgen keine Milch mehr.

Der Lieferstopp soll so lange fortgesetzt werden, bis die Milchindustrie und der Genossenschaftsverband einlenken. Es gibt mehrere Gründe, warum die Landwirte keine höheren als die derzeitigen Vergütungen durchsetzen können.

Was verlangen die Bauern?

Die Bauern forderten die Molkereien auf, ihnen mehr Geld zu zahlen. Ziel sei eine Erhöhung des Literpreises für Milch auf mindestens 43 Cent, sagte eine Sprecherin vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) der Nachrichtenagentur "Reuters".

Zum Vergleich: Kunden zahlen bei Aldi Nord derzeit 61 Cent für einen Liter Vollmilch mit 3,5 Prozent Fett. Erst vor knapp einer Woche hatte der Discounter den Preis von 73 Cent auf dieses Niveau gesenkt.

Nach Angaben des Milchbauernverbandes BDM liegt der Preis, den die Landwirte von den Molkereien bekommen, derzeit bei 27 Cent im Norden Deutschlands und 35 Cent im Süden. Teils würden auch nur 25 Cent gezahlt. Durch die gestiegenen Energie- und Futterpreise wirtschaften viele Milchbauern am Existenzminimum, beklagt der Verband.

Ihm gehören nach eigenen Angaben rund 32.000 Milchbauern an, die täglich rund 45 Prozent der deutschen Milchproduktion erzeugen. Pro Tag sind dies 1400 LKW-Ladungen beziehungsweise 35 Millionen Liter Milch. Beliefert werden die Molkereien, die ihrerseits den Einzelhandel mit Milchprodukten versorgen.

Insgesamt gibt es in Deutschland nach Angaben des Milchindustrieverbandes rund 100.000 Milchbauern. Diese haben rund vier Millionen Kühe in ihren Ställen.

Warum steigt der Milchpreis nicht?

Seit Monaten wird in Deutschland über hohe Lebensmittelpreise diskutiert. Vor allem steigende Preise für Rohstoffe und Öl verteuern die Produktion von Nahrungsmitteln.

Bei der Milch ist der Fall komplexer. Denn Hintergrund der derzeit niedrigen Preise sind paradoxerweise die Preissteigerungen vom Frühjahr 2007. Teurer wurde die Milch damals unter anderem, weil weltweit die Nachfrage stieg. Immer mehr deutsche Milch wird beispielsweise mittlerweile auch nach Asien geliefert.

Dies stachelte die deutschen Milchbauern an, mehr zu liefern - und die Misere nahm ihren Lauf. "Mit immer neuen positiven Prognosen für Marktentwicklung und Milchpreise haben viele Molkereien und landwirtschaftliche Berater die Milcherzeuger dazu animiert, ihre Kapazitäten auszuweiten und sehr viel mehr Milch zu produzieren, da der Markt diese Milch benötigen und 'aufsaugen' würde", moniert der Milchbauernverband BDM. Nordmilch beispielsweise habe eine Wachstumsprämie für die Genossenschaftsmitglieder angekündigt, die die Vorjahresmilchmenge um mehr als fünf Prozent überschreiten würden.

Doch auf den Höhenflug der Milchpreise folgte der Verfall. Nicht nur die steigende Produktion machte die Milch günstiger. Zusätzlichen Druck übte der wachsende Wert des Euro aus - denn dieser bremste den Milchexport. Deutsche Milch wurde außerhalb Europas immer teurer - das Angebot hierzulande wuchs weiter. Zusätzlich stieg die Milchquote.

Welche Rolle spielt die Milchquote?

Die Regel schreibt jedem Bauern vor, wie viel er maximal liefern darf. Um die Quote gibt es seit Jahrzehnten Ärger, derzeit ist die Aufregung aber besonders groß. Denn für den jüngsten Preisverfall bei der Milch machen die Bauern auch die Europäische Kommission verantwortlich, die die EU-Milchquote zum 1. April um zwei Prozent angehoben hatte, also zu einem Zeitpunkt, als in 11 EU-Mitgliedsländern ohnehin eine Erhöhung um ein halbes Prozent in Kraft getreten sei.

Überproduktion sei hiermit gefördert anstatt gedrosselt worden, klagen die Bauern und rechnen vor: "Dies bedeutet eine zusätzliche Milchmenge von rund 2,8 Millionen Tonnen gegenüber einem prognostizierten Verbrauchswachstum von gerade mal knapp 1 Millionen Tonnen."

Die Milchindustrie hält dagegen, die Bauern müssten ihre Quote ja nicht ausreizen - sie sei schließlich nur ein maximales Produktionsrecht, aber keine Verpflichtung. Wer seine Quote überschreitet, büßt dafür finanziell. Insgesamt dürften die deutschen Milchbauern 2008 rund 80 Millionen Euro Strafe zahlen müssen, weil sie ihre Quote überliefert hätten, sagt die Milchindustrie.

Ende März 2015 läuft das Milchquotensystem aus, mit dem die EU seit 1984 erfolglos versucht, Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht zu bringen. Die EU-Kommission will nun, dass von 2009 an jährlich ein Prozent mehr Milch produziert werden darf, da sie eine steigende globale Nachfrage vor allem in Schwellenländern erwartet.

Die deutsche Regierung ist angesichts des Preisdrucks strikt gegen eine Erhöhung der Produktion, wenn nicht ein Begleitprogramm für die heimische Milchwirtschaft aufgelegt werde. Dies könnte aus verschiedenen Töpfen der EU, aber auch aus nationalen Haushalten finanziert werden, argumentiert Berlin.

Welche Rolle spielen die Molkereien?

In Deutschland gibt es knapp 100 Molkereien, die fünf größten - gemessen am Umsatz - sind nach Angaben der Branche Nordmilch, die Unternehmensgruppe Humana Milchunion, die Molkerei Alois Müller, Hochwald, Campina und Hochland.

Die Preise, die die Molkereien den Bauern zahlen, sind nicht einheitlich. Jede Molkerei habe aufgrund ihrer Struktur ihren eigenen Milchpreis, der saisonal und regional schwanke, erklärt die deutsche Milchindustrie. In genossenschaftlichen Molkereien lege diesen der Vorstand fest, in der privaten Milchwirtschaft gebe es Vertragsbedingungen.

Die Molkereien handeln mit den großen Einzelhandelsketten in regelmäßigen Abständen Preise aus, die dann für sechs Monate gelten. "Aldi macht dabei immer den Anfang", sagt ein Sprecher des Milchindustrieverbandes. Dann kämen die anderen großen Ketten. Aufgrund ihrer Marktmacht können Aldi, Lidl und andere Discounter die Preise drücken - derzeit umso mehr, da in Deutschland ohnehin zu viel Milch auf dem Markt ist. Von "Raubtierkapitalismus" sprach Bauernverbandschef Helmut Sonnleitner bereits in diesem Zusammenhang.

Die Einzelhändler wähnen sich allerdings selbst unter Druck. Nachdem im vergangenen Jahr die Preissteigerungen bei Lebensmitteln ein großes Thema in den Medien war, gelobten die Discounter öffentlich, die Preise möglichst bald wieder zu senken. Die Gelegenheit dazu kam rascher als gedacht.

FTD