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Lokführer: "Ein Tarifvertrag ist unser Dogma"

Es schien, als seien die Lokführer befriedet, als wäre eine Einigung reine Formsache. Aber spätestens seit Donnerstag droht den Reisenden wieder ein Bahnstreik. Im stern.de-Interview erklärt Frank Schmidt, Bezirksvorsitzender der Lokführer-Gewerkschaft GdL in Nordrhein-Westfalen, weshalb er und seine Kollegen nicht einlenken.

Zu welchen Zugeständnissen wäre die GDL denn bereit?

Alle unsere Forderungen sind absolut verhandelbar, sowohl unsere Gehaltsforderungen von 31 Prozent mehr Lohn, als auch unsere Vorstellungen zu den Arbeitsbedingungen und –zeiten. Aber 4,5 Prozent oder 600 Euro mehr Lohn sind eindeutig zu wenig. Das werden wir nicht akzeptieren. Unser Dogma ist aber ein eigener Tarifvertrag, denn gemeinsam mit der GDBA und Transnet geht es nicht, wir werden da übergangen. Die Bahn sagte, unsere Forderungen würden nicht in ihr Tarifgefüge passen. Das ist lächerlich für ein Unternehmen, das aufgrund ihrer Mitarbeiter 2,6 Milliarden Euro Gewinn einfährt und an einen Börsengang denkt!

Verkehrsminister Tiefensee mahnte an, alle Beteiligten müssten „das Allgemeinwohl im Auge behalten“ und auch an den Schaden für die Volkswirtschaft denken, den ein Streik verursachen würde.

Erstmal muss man sich das Schicksal der Betroffenen vor Augen führen. Außerdem gehen wir sehr verantwortungsbewusst vor: Wir haben bei unseren drei Streiks im Juli, die nur eine halbe, beziehungsweise drei und vier Stunden dauerten, 24 bzw. 12 Stunden vorher Bescheid gegeben. Dazu waren wir nicht verpflichtet.

Haben die Mediationsgespräche mit Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf denn überhaupt etwas gebracht?

Ja, die Bahn hat die Forderung der GDL nach einem eigenständigen Tarifvertrag anerkannt. Bis dahin hatte sie einen Abschluss strikt verweigert.

Transnet-Chef Norbert Hansen sagte, die GDL habe die „Empfehlungen der Vermittler unterlaufen“ und die „Widerspruchsfreiheit“ zu anderen Tarifen ignoriert.

Ich sehe das überhaupt nicht, die GDL ist nach wie vor bereit das Ergebnis der Mediatoren eins zu eins umzusetzen. Außerdem weiß ich gar nicht, ob bislang überhaupt über Gehalt verhandelt wurde. Mann muss sich mal vorstellen, dass die Menschen in der Elektrobranche mit ihrem Mindestlohn gerade mal 50 Euro Brutto weniger verdienen als die meisten Mitarbeiter der Bahn. Als Angestellte eines Unternehmens mit Milliarden- Gewinnen finde ich so was ungebührlich!

GDBA-Chef Klaus-Dieter Hommel warf der GDL zudem vor, einen "Stellvertreterkrieg auf dem Rücken der Eisenbahner" auszutragen auch von Profilierungssucht war die Rede.

Wir haben 1999 eine ganze Gehaltsstufe aufgegeben, um die Bahn sanierungsfähig zu machen. 2004 hat die GDL freiwillig auf einen Tag Urlaub verzichtet und gleichzeitig einer Aufstockung der Arbeitszeit von 38,5 Stunden auf 41 Stunden in der Woche zugestimmt. Dadurch haben wir die Bahn wieder in die Gewinnzone geführt. Damals hatte das Unternehmen noch 3 Milliarden Euro Schulden. Von 1994 bis heute haben die Beschäftigten der Bahn Reallohneinbußen von 9,6 Prozent bei einer Produktivitätssteigerung von 200 Prozent hinnehmen müssen. Jetzt ist es an der Zeit etwas zurückzuverlangen und zwar noch bevor man an einen Börsengang denkt! Wenn Herr Hommel das als Profilierungssucht ansieht, weiß ich nicht in welcher Realität er sich befindet.

Sind denn bereits Mitglieder der anderen Gewerkschaften zur GDL gewechselt?

Ja, von Transnet sind nach eigenen Angaben von Herrn Hansen, schon über 1.000 Mitglieder zu uns gekommen.

Läuft also alles auf einen Streik zum 1. Oktober hinaus?

Das liegt nicht an der GDL sondern an der Bahn, ob es einen Streik geben wird. Wir wollen nicht um jeden Preis streiken. Jetzt hat man sich aber erstmal getrennt, ohne einen neuen Verhandlungstermin vereinbart zu haben. Die Zeit wird knapp, aber wir wollen immer noch bis zum 30.9. zu einem Abschluss kommen. Ich weiß nicht, ob die Bahn es jetzt drauf ankommen lässt.

Interview: Tonio Postel