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Medien: Schärfere Regeln für Wirtschaftsjournalisten

Wirtschaftsjournalisten machen Schlagzeilen - allerdings nicht nur als Autoren, sondern neuerdings auch als mutmaßliche Straftäter.

Der Verdacht der Kursmanipulation lässt Wertpapieraufsicht und Staatsanwälte auch Redakteure ins Visier nehmen. Schärfere Gesetze und das Börsenfieber deutscher Anleger bringen die Verfasser von Aktientipps und Unternehmensberichten in eine brisante Situation.

Seit die Anleger massenhaft die Empfehlungen der Magazine und TV- Sendungen beherzigen und damit die Börsenkurse bewegen, wächst auch bei Journalisten die Versuchung, diesen Effekt für den eigenen Wohlstand auszunutzen. »Gierige Zocker findet man freilich nicht nur unter Lesern, sondern auch unter Journalisten«, stellte bereits das Fachblatt »journalist« fest. »Für manche Redakteure gehören Berichterstattung und privates Börsengeschäft längst zusammen.«

Zum spektakulärsten Fall wurde der Frankfurter Börsenjournalist Egbert Prior, der Ende 1998 wegen des Verdachts verbotener Insidergeschäfte angeklagt wurde. Die Staatsanwaltschaft war überzeugt, Prior habe Aktien gekauft und anschließend mit Empfehlungen in der Börsensendung von 3sat die Kurse hochgetrieben. Zu einem Prozess kam es wegen der schwierigen Beweislage aber nicht. Prior habe nicht nachgewiesen werden können, dass er schon im Moment des Aktienkaufes eine spätere Empfehlung im Fernsehen beabsichtigte, argumentierten die Richter gegen die Staatsanwälte. Anfang 2001 kam Prior in einem weiteren Fall mit einer geringen Geldbuße davon. Ein Verfahren wegen vermuteter Kursmanipulation wurde eingestellt.

Nach dem Sündenfall

Der erste Haftbefehl in Deutschland wegen des Verdachts auf Insidergeschäfte wurde im Herbst ebenfalls gegen einen Finanzjournalisten erlassen: Der stellvertretende Chefredakteur der Zeitschrift »Der Aktionär«, Sascha Opel, musste für kurze Zeit in Untersuchungshaft. Er soll zusammen mit einem Finanzdienstleister Aktien als heiße Tipps empfohlen haben, um den Kurs in die Höhe zu treiben.

Das Magazin »Focus Money« kam - bereits wenige Tage nach dem Start im Frühjahr 2000 - in die Schlagzeilen. Der damalige Chefredakteur Manfred Schumacher musste das Blatt verlassen. Der Verdacht, Insiderwissen zu verwenden, stand im Zusammenhang mit der Tätigkeit seiner Frau als Chefin einer Unternehmensberatung. »Focus«-Chef Helmut Markwort beteuerte allerdings, es sei zu keiner »Verquickung von Privatem und Geschäftlichem« gekommen.

In anderen Ländern selbstverständlich

Die grundsätzliche Problematik noch vor der strafrechtlichen Schwelle wird innerhalb des Berufsstandes hier zu Lande erst seit kurzer Zeit mit Nachdruck diskutiert. In den USA und Großbritannien gelten schon längst scharfe Standesregeln. Der Pressecodex des Deutschen Presserates enthält zwar schon lange die Mahnung, dass »redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter« beeinflusst werden dürfen. Erst im Mai 2000 wurde noch hinzugefügt, dieses Gebot gelte auch für »persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten«.

Weil der Pressecodex im Journalistenalltag selten eine wichtige Rolle spielt, greifen einzelne Verlagshäuser nun selbst zu schärferen Mitteln. So verlangen Publikationen der »Handelsblatt«- Gruppe von ihren Redakteuren Angaben über den Aktienbesitz. Damit soll verhindert werden, dass die Berichterstattung über Firmen vom eigenen Anlageinteresse beeinflusst werden könnte.

Forderung nach Offenlegung »abwegig«?

Forderungen nach Offenlegung oder gar Verzicht auf Wertpapiere werden in der Zunft aber nicht einhellig geteilt. So etwas sei »abwegig«, argumentiert der Chefredakteur von »Börse Online«, Johannes Scherer. »Einem Redakteur des ADAC-Magazins verbietet man doch auch nicht das Autofahren, oder dem «Feinschmecker»-Redakteur, dass er Wein trinkt.« Er nimmt sogar eine konträre Position ein. Wer über Geld und Aktien schreibe, müsse »die Börse spüren«, indem er Aktien besitze und »dadurch ganz nah am Markt ist«. Thomas Kaufner

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