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Mexiko: Adios Käfer, adios "Vocho"!

Die Zeit des Käfers geht zu Ende, seine Produktion in Mexiko wird eingestellt - eine Konsequenz von technischer Entwicklung und Freihandel. Damit verliert Mexiko quasi ein Familienmitglied

Die Zeit des Käfers geht zu Ende. Als letzter Volkswagen-Betrieb stellt in diesem Sommer auch das Werk im mexikanischen Puebla die Produktion der legendären Modellreihe ein. Eine Vielzahl neuer Kompaktwagen hat die Nachfrage nach dem "Vocho" ausgedünnt, wie der Käfer von den Mexikanern genannt wird. Der niedrige Preis, die einfache Bedienung und die robuste Technik haben den Käfer in Mexiko in einem weit größeren Ausmaß als in Deutschland zu einem echten Volkswagen gemacht. "Ich denke nicht, dass jemals wieder ein Auto einen solche Bedeutung entfalten kann", sagt der 32-jährige Käfer-Fahrer Raul Ramirz. "Man kann in jedem Laden an der Ecke Ersatzteile finden und sie überall reparieren."

Schwachpunkt Katalysator

Genau das muss Ramirez gerade mal wieder tun. Sein weißer Käfer, Baujahr 1999, ist auf einer Kreuzung im Zentrum von Mexiko-Stadt liegen geblieben, mitten im Kreisverkehr. Aus der Motorhaube dringt Rauch; der luftgekühlte Motor neigt zur Überhitzung. Ramirez öffnet die Haube, lässt die Hitze entweichen und überprüft die Verdrahtungen. "Das muss der Katalysator sein", meint er schließlich und fügt hinzu: "Beim alten Vocho wäre das nicht passiert." In Mexiko seit 1964 eingeführt, wurde der Käfer in den 90er Jahren mit dem Katalysator ausgestattet, um die in Mexiko-Stadt besonders kritischen Standards zur Luftreinhaltung zu erfüllen.

Sind/waren Sie ein Käfer-Fahrer?

Liebstes Taxi-Gefährt

Beliebt war der Käfer bei den Taxifahrern der Hauptstadt. Sie entfernten kurzerhand den Beifahrersitz, so dass ihre Kunden leichter ein- und aussteigen konnten. Aber die zweitürigen Käfer-Taxis waren auch ein bevorzugtes Ziel von Kriminellen - bei einer Entführung gab es auf der hinteren Bank kein Entkommen. Im vergangenen Jahr ordnete die Stadtverwaltung an, dass die Taxifahrer ihre Käfer durch viertürige Wagen ersetzen müssen. Aber was ein echter Käfer-Liebhaber ist, der liebt auch die Mängel des Autos. "Ich denke, dass es innen noch lauter war als außen - und das war schon ziemlich laut", sagt der 37-jährige Leiter eines Käfer-Fan-Clubs in der Stadt Morelia, Teodoro Moreno.

Kaum Änderungen im Design

Seit Beginn der Käfer-Entwicklung im Jahr 1934 hat sich das Design nur unwesentlich verändert. Die Entwicklung der Technik und die Veränderungen im internationalen Handel sind über den Käfer hinweg gegangen. 1977 wurde die Produktion in den USA eingestellt, 1978 in Deutschland und 1996 in Brasilien. Nur in Puebla liefen die Käfer bis jetzt weiter vom Band. Aber mit der Einführung der Nordamerikanischen Freihandelszone (NAFTA) wurden auch die mexikanischen Autohändler ab 1994 mit preisgünstigen Kompaktwagen mit Frontantrieb überschwemmt. Für den Preis eines neuen Käfers von 76.000 Peso (6.500 Euro) boten die neuen Kleinwagen mehr Sicherheit, mehr Platz und mehr PS. Anfang dieses Jahres erreichte der Käfer-Absatz nur noch die Hälfte der früheren Ergebnisse. "Er hatte nie viel Power, auch wenn der Verkauf von der Regierung subventioniert wurde", sagt Marcos Bureau von "Vochomania", einem Magazin für Käfer-Liebhaber. "Als neue Wettbewerber auftauchten, ist der Verkauf eingebrochen."

Legenden sterben nicht

Aber auch wenn die Produktion vermutlich irgendwann nach Juli eingestellt wird, ist die Legende nicht zu Ende. "Fast jede Familie der Mittelschicht in Mexiko hat einen Vocho gehabt", sagt Bureau. "Deswegen ist dieses Auto ein Teil der Familie." Und weiter leben werden auch Geschichten wie die von Bureaus Frau, die auf der Heimfahrt mit einem 68er Käfer einen verstärkten Benzingeruch feststellte. Sie hielt an und sah, dass die Benzinpumpe einen Riss hatte. "Meine Frau nahm ihren Strumpf und wickelte ihn um die defekte Pumpe. Und sie hat es ohne Probleme bis nach Hause geschafft."