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Breitbandausbau: Landwirte wollen nicht mehr auf die digitale Zukunft warten – und legen Rohre für Glasfaserkabel selbst

Im Münsterland hatten Landwirte das ewige Warten auf schnelles Internet satt – mit einem Buddelverein beschleunigten sie den Breitbandausbau. Ein Feldversuch mit gutem Ende.

Von Rolf-Herbert Peters und Axel Vornbäumen

Münsterland: Landwirte legen in Eigenregie Rohre für Glasfaserkabel

Viel Gegend, wenig Internet: Landwirte bringen in Eigenregie das für Glasfaserkabel nötige Leerrohr unter die Erde. Denn auch im Münsterland gilt: Ohne Glasfaserkabel kein schnelles Internet

Wie ein Finger aus Stahl bohrt sich der Pflug in den Boden. Marc Füstmann, kurze Hose, weißes T-Shirt, kräftige Oberarme, ruft von seinem Bock: "Okay, los!" Dann tritt er gefühlvoll aufs Gaspedal. Die mannshohen Reifen seines 300-PS-Traktors beißen sich in den Acker. Im Schritttempo zieht der Bauer eine Furche in die Scholle. Vom Feldrand schauen zwei Krähen neugierig rüber. Das kennen wir schon? Nein, kennen wir nicht!

Füstmann sät an diesem Mittwoch nicht wie der Landmann von alters her. Füstmann, man muss das so sagen – nicht wahr, Frau Merkel, Herr Dobrindt, Herr Scheuer? –, beackert gerade "Neuland".

"Gigabit-Gesellschaft"

Hinter seinem Trecker verschwindet, von einer riesigen Holzspule abgewickelt wie von Geisterhand, ein orangefarbenes, leeres Plastikrohr in der Furche. Meter um Meter. Neuland soll nicht länger Neuland bleiben, hier im tiefen Münsterland, anderthalb Kilometer östlich von Ottmarsbocholt, was wiederum ein Ortsteil von Senden ist. Flache Scholle, viel Gegend. Harte, ehrliche Arbeit. Die Leute trinkfest und gottesfürchtig.

Internet? Eher nicht. Wenn überhaupt, dann allenfalls tröpfchenweise – 0,7 Mbit, mehr kam über die alte Telefonleitung aus Kupfer nicht auf Füstmanns Hof an. Bis er es vor zwei Jahren satthatte und einen Verein gründete und dann sogar eine Firma, mit der er auch an diesem Tag wieder Geld verdient.

Hinter Füstmanns Traktor steht sein Kunde Franz Ellertmann, lange Hose, kariertes Kurzarmhemd. Mit jedem Meter, den der Traktor rollt, wird sein Lächeln breiter. Denn Ellertmann kommt seinem Wunschziel näher: einem schnellen Internetzugang. Das Plastikrohr wird am Ende jenes Glasfaserkabel bergen, das seinen Hof mit dem High-Speed-Netz verbindet. Willkommen im digitalen Zeitalter. Ottmarsbocholt, im Jahre des Herrn 2018.

Buddel-Pionier: Bauer Füstmann investierte 200.000 Euro. Mittlerweile sind 5000 Höfe versorgt    

Buddel-Pionier: Bauer Füstmann investierte 200.000 Euro. Mittlerweile sind 5000 Höfe versorgt    

Man kann hier im Münsterland die Grenzen der sozialen Marktwirtschaft in einem der reichsten Industriestaaten der Welt besichtigen – und die bisweilen bizarren Schwierigkeiten, sie zu überwinden. Gerade neulich wurde dem Land mal wieder "eine flächendeckende digitale Infrastruktur von Weltklasse" versprochen. Das steht – Zeile 1577 – im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD, unterzeichnet im März dieses Jahres. Ein bisschen spät, gemessen daran, dass die digitale Welt nun seit einiger Zeit existiert. Und der Vertrag lässt Spielraum. Erst bis 2025 soll der Ausbau mit Gigabit-Netzen flächendeckend vollendet sein, und damit der Einstieg in die – Achtung: Worthülse – "Gigabit-Gesellschaft".

Vom 1. Januar 2025 an soll es in diesem Gigabit-Deutschland sogar einen Rechtsanspruch auf schnelles Internet geben, ähnlich wie beim Kita-Platz. Bis zu zwölf Milliarden will die Bundesregierung in den nächsten Jahren an Fördergeldern dafür auswerfen. Geld ist nicht das Problem.

Buddelverein

Und dann – Weltklasse? Wie man's nimmt. Wenn es klappen sollte, dann wäre zumindest der Anschluss an den internationalen Standard geschafft. Im Ranking der Länder mit dem schnellsten Internetzugang lag Deutschland im vergangenen Jahr auf Platz 25.

Was die Statistik eher bemäntelt, wie das Plastikrohr das Kabel: Insbesondere der ländliche Raum ist abgehängt. Mitte vergangenen Jahres konnten lediglich 36 Prozent der Haushalte Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 50 Mbits nutzen. Für den unterversorgten Rest heißt das in der Regel: Videos streamen – Fehlanzeige. Größere Datensätze an Geschäftspartner verschicken – dito. Es ist das, wofür die Politik den Begriff "digitale Spaltung" gefunden hat. Die Folge: eine Verstärkung der ohnehin massiven Landflucht. Verblühende Landschaften.

Es drängt sich nicht der Eindruck auf, dass in der Vergangenheit "Deutschland einig Digitalland" als ein ganz besonders erstrebenswertes Ziel angesehen worden wäre, allen Lippenbekenntnissen zum Trotz. Zu mühsam der Weg dahin, zu dickärschig die Bürokratie, die den Weg zur Breitbandversorgung frei machen soll. Zu kompliziert der Förderkram. Von den zugesagten Bundesmitteln in Höhe von fast einer halben Milliarde Euro wurden in Nordrhein-Westfalen bis vor Kurzem erst 1,7 Millionen abgerufen. Ein Witz.

Buddel-Profiteur: Bauer Ellertmann hat vor Kurzem den Anschluss an das digitale Zeitalter geschafft

Buddel-Profiteur: Bauer Ellertmann hat vor Kurzem den Anschluss an das digitale Zeitalter geschafft

Im Münsterland brennt die Maisonne vom Himmel. Marc Füstmann macht Pause und flüchtet in die kühle Tenne des Bauernhofs. Mit glänzenden Augen erzählt er, wie das war, als er vor zwei Jahren zum Pionier wurde. Es war der Moment, als er beim örtlichen Kabelanbieter, der Deutschen Glasfaser GmbH, angefragt hatte, was ein Glasfaseranschluss für seinen Hof kosten würde. "Die verlangte von uns 8000 Euro", sagt Füstmann. "Da stand fest: Das machen wir selbst."

So gründete der gelernte Landwirt mit anderen Bauern den ersten Buddelverein der Republik, um den Netzausbau im ländlichen Raum in die eigene Hand zu nehmen – und machte sich gleich mal auf die Suche nach geeignetem Baugerät. Ein Pflug, den er für seine Zwecke brauchte, sollte im Handel 150.000 Euro kosten, "deshalb habe ich ihn mit einem befreundeten Schmied selbst gefertigt". Einen geeigneten Traktor erwarb er gebraucht, einen Bagger ebenso. "Insgesamt hat mich das 200.000 Euro gekostet." Wie sich nach der Firmengründung herausstellen sollte: gut angelegtes Geld.

"Ganzpflanzendusche"

Im Münsterland funktioniert das Modell, grob gesagt, seitdem so: Jeweils rund 30 Landwirte tun sich zusammen und lassen sich von Marc Füstmann für drei Euro den Meter die Rohre verlegen, in die der Netzbetreiber später seine Kabel zieht. Um Kabel und Anschluss zu bezahlen, muss jeder an die 2500 Euro aufbringen – was nicht gerecht ist, weil Städter so etwas schließlich frei Haus bekommen. Fast alle Bauern sind trotzdem begeistert dabei.

Ja, es gab auch Nachbarschaftsstreitigkeiten, räumt Füstmann ein. "Der eine wollte nicht, dass das Kabel des anderen durch sein Grundstück läuft." Solche Sachen. Und immer wieder ging es um die 2500-Euro-Investition: "Da sagten die Alten: 'So was brauchen wir nicht.' Die Jungen aber wollten unbedingt Glasfaser, hatten allerdings nicht das nötige Geld." Unterschiedliche Welten. Füstmann hat die Alten schließlich mit dem Hinweis auf die Segnungen der Telemedizin überzeugt.

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Apropos unterschiedliche Welten. Der Deutsche Bauernverband macht sich ernsthafte Sorgen, dass die heimische Landwirtschaft im internationalen Vergleich abgehängt werde, weil die Datenversorgung für die Anforderungen der modernen Landwirtschaft nicht ausreiche. Die Zahl der Bauern, die mit ihrem Internet zufrieden sind, nimmt ab, weil der Arbeitsalltag immer größere Datenvolumen erfordert.

Auch die Landwirtschaft wird digitalisiert. Die "Ganzpflanzendusche" kann bald der Vergangenheit angehören; eine Sensortechnik soll eine "punktgenaue Behandlung" möglich machen, wie es heißt. Drohnen und Roboter sollen im Feld eingesetzt werden, sollen das Düngen und die Schädlingsbekämpfung übernehmen. Alles soll effizienter werden. Analog geht das nicht.

In Ottmarsbocholt kündigt einstweilen eine Staubwolke über dem Feldweg den Lkw an, der an diesem Tag Bauer Ellertmann 500 neue Ferkel anliefert. Nachdem die Tiere im Stall angekommen sind, wird Ellertmann sie in seinem kleinen Büro hinter der Tenne, wo seine Kegel- und Fußballpokale im Regal stehen, amtlich registrieren beim "Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere". Per Computer, logisch. "Als Landwirt macht man heute sehr viel online", sagt Ellertmann. Abrechnungen per Onlinebanking, das Prüfen der Futtermittelpreise – nichts geht mehr ohne das Netz.

Bandbreitenaufgreifschwelle

Von Ellertmanns Hof ist es eine gute halbe Autostunde zu Jochen Wilms, der an einem Besprechungstisch in einem kühlen Glasbüro sitzt. Wilms ist Breitbandkoordinator der Wirtschaftsförderung des Kreises Coesfeld. In einem Roman über das Scheitern eines flächendeckenden Internetausbaus wäre er der Erzähler. Er vermittelt das öffentliche Fördergeld. Er kümmert sich darum, dass es aufwärtsgeht in der Gegend, und er weiß, warum das nicht so einfach ist – auch weil "Bürger bislang nur ein Recht auf Telefon haben, nicht aber auf ein schnelles Internet". In den vergangenen Jahren hat die Politik allzu sehr gehofft, dass die ehrgeizigen Internetziele durch "marktgetriebenen Ausbau im Wettbewerb erreicht werden", sagt Wilms. Hat aber nicht geklappt. Nicht nur in Ottmarsbocholt nicht.

Im Kreis Coesfeld, sagt Wilms, waren bislang besonders viele Einwohner unterversorgt, weil dort jeder Zehnte außerhalb der Dörfer und Städte lebt. Doch welcher private Kabelkonzern zieht schon kilometerlange, teure Strippen für ein paar potenzielle Kunden? Und die Zeiten, in denen die Regierung die Bundespost hätte anweisen können, die Versorgung zu garantieren, sind vorbei. In Ortschaften können die Kabelfirmen laut einer Studie alle 13 Meter mit einem zahlenden Neukunden rechnen – im Außenbereich nur alle 300 Meter. "Das rechnet sich nie, und das kann man ihnen nicht vorwerfen", sagt Wilms.

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Gut, dass es die privaten Buddler gebe. Die Kraft ihres unorthodoxen Handelns hat Wilms überrascht: "Alle, auch wir, sagten damals, das klappt nie. Und dann haben es die Landwirte einfach getan." 5000 der 8500 Höfe des Kreises sind inzwischen versorgt. Am liebsten würde Wilms jedem Bauern, der mitmacht, pauschal 2500 Euro Fördergeld in die Hand drücken.

Und? Wilms schüttelt resigniert den Kopf: Geht nicht.

Das Fördersystem. Zu kompliziert. "Wer zum Beispiel bereits jetzt bescheidene 30 Mbit Download-Geschwindigkeit erreicht, hat überhaupt keinen Anspruch auf Förderung", sagt Wilms. Und drückt sich dabei noch ziemlich verständlich aus. Im Regeldeutsch geht es an dieser Stelle nämlich um die förderrechtlichen Grundlagen der Bandbreitenaufgreifschwelle.

Neuland im Münsterland

Man würde gern mal den Menschen kennenlernen, der sich so etwas ausgedacht hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Nach zwei Stunden Arbeit ist Füstmann fertig in Senden. Das orangefarbene Rohr ist gezogen – von der Hauptstraße, wo das Hauptkabel liegt, bis zum Hof Ellertmann. 230 Meter. Gerade Linie. Saubere Arbeit. Hier und da mussten sie einem Felsbrocken oder einer Baumwurzel ausweichen und einen Wirtschaftsweg passieren, was die Behörden aber anstandslos genehmigten. Amtliche Vermesser? Unnötig. Füstmann zeigt auf die Spitze des Pflugs: "Da oben sitzt eine GPS-Antenne, die hat automatisch auf 20 Zentimeter genau aufgezeichnet, wo das Kabel verläuft." Bald wird das Glasfaserkabel geliefert und mit Hochdruck in das Leerrohr geschossen. Moderne Zeiten. Neuland im Münsterland.

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