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MUSIKBRANCHE: Ratlose Musik-Manager tief in der Krise

Die Plattenindustrie steckt in einer hausgemachten Krise. Schuld sind fehlende Nachwuchsförderung und Fixierung auf die CD als Trägermedium.

Der deutsche Musikmarkt steckt in einer tiefen Krise. Das Internet, die massenhafte Verbreitung von CD-Brennern, die schwache Konsumkonjunktur und eigene Fehler setzen der Branche zu. Die folge: CD-Läden müssen schließen und schon 50.000 verkaufte Alben reichen für Platz 1 der Charts. Vor zwei Jahren waren dafür noch über 200.000 Stück notwendig. Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft in Hamburg meldete für das erste Halbjahr 2001 bei den Stückzahlen ein Minus von 9,8 Prozent. Der wertmäßige Umsatz ging sogar um 12,8 Prozent zurück. Im vergangenen Jahr erreichte der deutsche Tonträgermarkt noch einen Absatz von 262 Millionen Stück mit einem Gesamtumsatz von 4,8 Milliarden DM (2,44 Milliarden Euro).

Umsätze im Sommertief

Bei einigen Plattenfirmen sackten in den Sommermonaten die Umsätze im Vergleich zum vergangenen Jahr sogar um 40 Prozent ab. Deutschland als drittgrößter Tonträgermarkt der Welt steht vor einer radikalen Strukturveränderung, die nach Einschätzung vieler Beobachter schmerzhafte tiefe Einschnitte in den Firmen nach sich zieht. Dazu gehören auch Entlassungen. Die Manager der Musikfirmen sind ratlos, welcher Weg aus der Krise wieder herausführen könnte.

Alternativen zur CD

Für Tim Renner, Chef der Universal Deutschland in Hamburg, neigt sich die Lebenserwartung der CD dem Ende zu. »Leider hat die Musikindustrie viel zu lange geglaubt, dass die CD immer weiter Trägermedium Nummer 1 für Musik sein würde«, sagt Renner. »Sie hat versäumt, über echte Alternativen nachzudenken.«

Allgemeine Umbruchsphase

Für Bernd Dopp, Präsident Warner Music Deutschland in Hamburg, haben ungünstige wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu einem negativen Konsumklima für Tonträger geführt. »Wir sind in einer Umbruchphase«, sagt Dopp. »Die physischen Tonträger gehen zurück, aber die Online-Aktivitäten der großen Medienkonzerne greifen noch nicht.« Michael Karnstedt, Europa-Präsident von Peermusic in Hamburg, sieht als Grund für den Absturz des Marktes, dass die Käufer zu wenig attraktive neue Produkte vorfinden. Die Nachwuchsförderung wurde von den Konzernen zu sehr vernachlässigt.

Böse Online-Tauschbörsen

Jochen Leuschner, Sony Music Präsident in Berlin, sieht den deutschen Markt als ein Opfer der gut funktionierenden Online-Tauschbörsen und des explodierenden Marktes für private CD-Kopien. »Alle Medien in Deutschland haben in den letzten Jahren in Kampagnen detailliert beschrieben, wie man sich umsonst seine Lieblingsmusik besorgen kann«, sagt er. »Jetzt bezahlt die gesamte deutsche Tonträgerindustrie dafür eine hohe Rechnung.«

Wirksamer Kopierschutz gefordert

Sorgen um den deutschen Tonträgermarkt macht sich der Vorsitzende des Fachverbandes Tonträger, Michael Huchthausen, in Schleswig. Durch das CD-Brennen hat die Musik an Wertigkeit verloren. Darum müssen sich die Tonträgerfirmen jetzt auf Klasse statt Masse konzentrieren und nicht noch weiter durch eine Flut von Öffentlichungen bei den Käufern für Verwirrung sorgen. So müssten zum Beispiel Käufer in den Geschäften beim CD-Thema »Ballermann« und »Ibiza« zwischen 15 verschiedenen Produkten wählen. Der Tonträgerfachhändler forderte einen wirksamen Kopierschutz für die CD.

Generelle Kreativkrise der Industrie

Die Händler kritisieren immer wieder, dass die Industrie sich in einer Kreativkrise befindet, weil sie keine Trends mehr auslöst und die Produktionen nicht interessant genug sind, um die Käufer in die Geschäfte zu locken. Diese Kritik an mangelnder Kreativität weist Dopp zurück. Er sieht ein ungebrochenes Interesse der Endverbraucher an Musik. »Das beweisen schon allein die ungeheuren Zahlen der illegalen Downloads, der physischen Piraterie und der privaten Vervielfältigung.« Dopp bedauert jedoch, dass große Radiosender in Deutschland in ihren Programmen fast keine Musik-Neuheiten vorstellen. Newcomer hätten es dadurch besonders schwer. Der Kunde kann gar nicht hören, welche Vielfalt auf ihn wartet.

Wolf Jensen

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