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Waffen: So helfen Deutsche, Saudi-Arabien aufzurüsten – allen Sanktionen zum Trotz

Deutsche Manager und Firmen liefern weiter Wissen und Waffen nach Saudi-Arabien – trotz des Embargos der Regierung.

Saudi-Arabien wird durch Deutsche aufgerüstet – trotz Sanktionen

Manager Andreas Schwer ist in seiner Heimat in Meersburg am Bodensee als Kirchenorganist bekannt. Jetzt leitet er die neue Rüstungsholding SAMI, die Saudi-Arabien untersteht.

In der katholischen Kirchengemeinde Mariä Heimsuchung in Meersburg am Bodensee vermissen sie ihn. Dort sprang Andreas Schwer bis vor etwa einem Jahr immer wieder als Organist der Stadtpfarrkirche ein. Seine erstaunliche Karriere aber machte der 52-Jährige nicht im Namen der Musik oder des Herrn, sondern in der Rüstungsindustrie.

Laxe Ausfuhrregeln

Bis Ende 2017 diente er dem deutschen Waffenhersteller Rheinmetall und trieb den Bau von Panzern in der Türkei voran. Jetzt führt er die neu gegründete saudische Rüstungsholding SAMI in Riad – zu weit weg, um noch in Meersburg die Register zu ziehen. Der Bundesbürger Schwer arbeitet bis heute ungehindert an der Aufrüstung des Königreichs. Der Fall zeigt, welche Schlupflöcher bleiben, obwohl Berlin wegen des Mordes an dem Journalisten Jamal Khashoggi alle Rüstungsexporte an das Regime gestoppt hat. Kronprinz Muhammad Bin Salman, kurz MBS genannt, gilt als möglicher Anstifter des Mordes an dem Journalisten. Der von ihm geführte Staatsfonds PIF kontrolliert die Rüstungsholding SAMI, was für "Saudi Arabian Military Industries" steht – und dort ist Organist Schwer der Chef.

Der Mann vom Bodensee soll dafür sorgen, dass ein größerer Teil des üppigen saudischen Verteidigungsbudgets von gegenwärtig 56 Milliarden Dollar im Land bleibt. Hubschrauber, Schiffe und Panzer will man künftig selbst bauen, zusammen mit Partnern aus Europa und den USA. "Ziemlich einmalig in der Welt" sei diese Aufgabe, schwärmt Schwer.

In Riad hilft ihm nach Recherchen des stern und des ARD-Magazins "Report München" eine ganze Reihe von Landsleuten. In der Branche spricht man von etwa einem Dutzend Bundesbürgern, die die Saudis für den Aufbau der eigenen Wehrindustrie angeheuert hätten. Laut ihren Angaben auf der Karrierewebsite LinkedIn sind Schwer mindestens drei weitere ehemalige Rheinmetall-Führungskräfte nach Riad gefolgt.

Dass die Saudis so viele Deutsche angeworben haben, könnte auch an den vergleichsweise laxen hiesigen Ausfuhrregeln für Rüstungstechnologie liegen. Deutsche Experten dürfen zwar weder Blaupausen noch Software ohne Genehmigung in Länder wie Saudi-Arabien mitnehmen – aber sehr wohl alles technische Wissen, das sie in ihren Köpfen tragen. In den USA gebe es da "eine weitergehende Regelung", sagt der frühere Präsident des Bundesamts für Ausfuhrkontrolle, Arnold Wallraff. Dort braucht es bereits eine Lizenz für die "mündliche" Weitergabe von Daten.

Munitionslieferungen nach Saudi-Arabien

Zurzeit macht SAMI-Chef Schwer Schlagzeilen in Südafrika. Für eine Milliarde Dollar würde er gern den dortigen Rüstungskonzern Denel übernehmen, bis hin zu dessen Anteilen an einem Gemeinschaftsbetrieb mit Schwers altem Arbeitgeber Rheinmetall. Rheinmetall-Produktionsstätten in Südafrika wie in Italien beliefern nach wie vor Saudi-Arabien mit Munition – offenbar im Wert von mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr. Von dem jüngsten deutschen Exportstopp seien diese Lieferungen "nicht betroffen", bestätigte ein Rheinmetall-Vorstand bei einer Telefonkonferenz mit Bankanalysten.

Das Joint Venture am Kap bewirbt einige Produkte für ihre – so wörtlich – "außergewöhnliche Tödlichkeit". Wie Schwer das alles mit seinem Glauben vereinbart? Fragen des stern ließ er unbeantwortet.

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