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Schlachtabfälle: Unfassbare Sicherheitslücken

Der Skandal um ungenießbare Schlachtabfälle, die in großen Mengen an Lebensmittelhersteller verschoben wurden, geht weiter. Am Montag wurde der Geschäftsführer der "Deggendorfer Frost" verhaftet .

Am Anfang herrschte Skepsis. Als der stern vergangene Woche auf deckte, dass ausgehend von Bay ern tonnenweise Schlachtabfälle zu Lebensmittelherstellern geschleust worden waren, titelte die "Augsburger Allgemeine" zunächst: "Nicht vorschnell urteilen" und unkte, "dass sich der ,Skandal" am Ende als Pedanterie bei der Auslegung von Vorschriften entpuppt". Das gleiche Blatt tags drauf: "Wie kann das sein? Handelt es sich um einzelne Kriminelle? Gibt es eine Fleischmafia?" Nach einer Woche Ermittlungshektik lautet die Antwort: sowohl als auch.

Natürlich wussten Behörden bis hin nach Berlin schon länger, dass wegen der Schlachtabfälle Ermittlungen im Gange waren. Doch erst nach der Veröffentlichung meldete sich auch die Politik zu Wort. Bayerns Verbraucherminister Werner Schnappauf setzte sich mit der Bemerkung "Ekel erregendes Dreckszeug" an die Spitze der Bewegung und ließ seine Kontrolleure ausschwärmen. Die fanden zusätzliche 500 Tonnen Schlachtabfälle, die illegal in einem Lebensmittelbetrieb lagerten. Einen weiteren Tag später waren die vom stern allein für den Betrieb "Deggendorfer Frost" angegebenen "mindestens 1700 Tonnen Geflügelkarkassen und Schweineschwarten" auf "bis zu 2600 Tonnen" gestiegen. Am Montag wurde schließlich Frost-Geschäftsführer Rolf Keck wegen Verstoßes gegen das Fleischhygiene-Gesetz in U-Haft genommen.

Auch der zuständigen

Staatsanwaltschaft Memmingen war nicht in den Sinn gekommen, die Verbraucher frühzeitig zu warnen. Wäre von Beginn der Ermittlungen an vorbeugend eingeschritten worden, so wären nach Unterlagen, die dem stern vorliegen, rund 400 Tonnen "Ekel erregendes Dreckszeug" weniger in Umlauf geraten. So wurden bei den jetzigen Nachkontrollen nur noch ganze vier Tonnen Restmaterial bei einer Firma in Bamberg sichergestellt.

Die Namen jener Firmen, die - bewusst oder unbewusst - die Abfälle zu Lebensmitteln verarbeitet haben, sind in Bayern, bei den Landesregierungen und in Berlin bekannt, aber aus Furcht vor drohenden Schadensersatzforderungen werden sie bislang nicht veröffentlicht.

Nach stern-Recherchen sind an einen Geflügelverarbeitungsbetrieb in Niederbayern rund 60 Tonnen Karkassen gegangen, ein Betrieb in Thüringen erhielt etwa 400 und ein Betrieb in Niedersachsen gut 100 Tonnen (die er aber nicht verarbeitet haben will). Ein Bamberger Betrieb kaufte zwischen 300 und 400 Tonnen Karkassen und Schweineschwarten in Deggendorf ein, die er zum großen Teil nach Polen weitergehandelt haben soll. Ein Betrieb in Rheinland-Pfalz wurde mit sechs Lkw-Fuhren Schweineschwarten beliefert, rund 120 Tonnen, von denen er aber zwei Fuhren wegen Qualitätsmängeln zurückgehen ließ. Nach Ungarn gelangten etwa 250 Tonnen Schlachtabfälle, nach Frankreich 200 und nach Italien 180 Tonnen, die dort angeblich noch auf Lager liegen.

Nach der stern-Veröffentlichung folgte auch in der Gelatine-Branche eine Krisensitzung der nächsten. Mindestens 500 Tonnen der ungenießbaren Schweineschwarten waren von europäischen Gelatineherstellern zu Speisegelatine verarbeitet worden - die als Zugabe etwa bei Joghurt oder Gummibärchen breite Verwendung findet. "Wir werden uns nun auf europäischer Ebene neue Richtlinien geben, damit so ein Schlamassel nicht noch einmal vorkommt", sagt Uwe Seybold, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Gelatinehersteller.

Allein in Bayern werden jährlich 400000 Tonnen ungenießbare Schlachthofabfälle, so genanntes K3-Material, weitgehend unkontrolliert frei gehandelt. Die Verbraucherschutzorganisation "foodwatch" geht bundesweit von mindestens einer Million Tonnen aus, wobei "die Sicherheitslücken bei der Verwendung skandalös" seien. Schon 2004 war der Verbleib von 124000 Tonnen Tiermehl "ungeklärt", so foodwatch. Angesichts dieser gewaltigen Mengen wird nun erwogen, Schlachtabfälle durchgehend einzufärben, damit es nicht schon bald wieder heißt, wie es ein Behördensprecher gegenüber dem stern ausdrückte: "Der größte Teil des Problems ist gegessen."

Georg Wedemeyer / print