Siemens Züge schießen übers Ziel hinaus


Die Probleme bei Siemens wollen nicht enden, die neuesten Hiobsbotschaften kommen aus Australien. Bei Vorortzügen in Melbourne streiken regelmäßig die Bremsen. Teilweise lassen sich Bahnen nur durch Ziehen des Zündschlüssels stoppen.
Von Georg Wedemeyer und Brigitte Zander

Jetzt macht Siemens auch in Australien Negativ-Schlagzeilen. Die vor drei Jahren von dem deutschen Konzern nach Melbourne gelieferten Vorortzüge haben Bremsprobleme. Dutzende Mal schossen sie in letzter Zeit über die Haltestellen hinaus. 31 von 72 Siemenszügen mussten deshalb aus dem Verkehr gezogen werden. Umfangreiche Tests konnten die Ursache noch nicht eindeutig klären.

Drei Fahrgäste stehen am Bahnsteig. Ein Zug rast vorbei. "War das der Express?" fragt einer. "Nein, das war ein Bremsversuch", sagt der andere. Mit dieser Karikatur berichtete die Melbourner Zeitung "The Age" jetzt über die Halteprobleme von "The Siemens", wie der Metro-Zug aus Deutschland down under genannt wird. Es sei "schieres Glück", dass bisher noch kein schwerer oder gar tödlicher Unfall passiert sei, zitiert "The Age" einen Transportexperten der Betreibergesellschaft Connex. Aber Zigtausende von Pendlern mussten wegen "The Siemens" Verspätungen hinnehmen, weswegen der deutsche Konzern nicht nur Hohn und Spott sondern auch jede Menge Ärger auf sich zieht.

Die Pannen passierten immer bei Regen

Im normalen Linienverkehr, wurden schon im vergangenen November 14 Bremspannen der Siemenszüge registriert. Im Januar passierte es laut Statistik zwanzig Mal, dass die dreiteiligen Züge bei der Einfahrt nicht korrekt abbremsten und über den Bahnsteig hinausschossen. Die Pannen passierten immer bei Regen, wenn die Schienen und auf ihnen abgelagerter Staub einen Schmierfilm bildeten. Bei Testfahrten auf mit Seifenwasser besprühter Strecke funktionierten laut "The Age" weder die normalen Zugbremsen noch die Notfallbremsen. Ein Testfahrer konnte die Waggons nur zum Stehen bringen, indem er den Zündschlüssel zog. In diesem Augenblick reagierte wenigstens das Parkbremssystem.

Die Melbourner Nahverkehrsgesellschaft Connex musste aufgrund der Mängel rund 40 Verbindungen streichen. Sie lässt derzeit viele Siemenszüge mit sechs statt mit drei Wagen fahren, in der Hoffnung, dass mehr Räder die Bremswirkung verstärken. Eine Dauerlösung ist das nicht, sondern nur der Versuch, den Verkehr in der Millionenstadt und im weiten Umkreis halbwegs sicherzustellen. Siemens TS (Transportation Systems GmbH & Co KG) hat die Problem-Triebzüge zwischen 2003 und 2005 nach eigenen Angaben mit "neuester Technologie", einem "ausgereiften Konzept" und einem 15-jährigen Wartungsvertrag ausgeliefert.

"Daten sammeln, um die Ursache zu finden"

Die "Bahnsteigvorbeifahrten", wie die Vorfälle bei Siemens in Deutschland heißen, sind den deutschen Ingenieuren trotz umfangreicher Tests noch ein Rätsel. "Die von uns untersuchten Züge hatten kein fehlerhaftes Bremssystem sondern funktionierten gemäß Spezifikation", so ein Sprecher der Siemens-Transport-Sparte etwas unklar zu stern.de. In der jüngsten Pressemitteilung von Connex heißt es, man habe zwar nun "ein verbessertes Verständnis des Bremsproblems" aber man werde fortfahren "Daten zu sammeln, um die genaue Ursache zu finden." Bis dahin dürfen vereinzelte Siemens-Züge als Sechsspänner wieder auf die Strecke, müssen generell aber 25 km/h langsamer fahren und vor den Stationen früher abbremsen.


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