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SOFTWARE: Microsoft will Kunden mit Windows XP an sich fesseln

Microsoft hat Technikpuristen in der Vergangenheit immer genügend Anlass zu hämischer Kritik gegeben. Jetzt soll alles anders werden.

Bemängelt wurden die häufigen Systemabstürze bei Windows, überfrachtete Softwarepakete oder nervige Hilfsangebote wie den animierten Assistenten »Karl Klammer«. Das neueste Microsoft-Produkt Windows XP hat bislang jedoch fast überall gute Noten bekommen.

»Stabil und verläßlich«

»Microsoft bietet den Verbrauchern endlich eine Version seines Windows-Betriebssystems an, das stabil und verlässlich ist«, urteilt etwa Walter S. Mossberg, der einflussreiche Kolumnist des »Wall Street Journal«. Und auch Mossbergs Kollege Stephen H. Wildstrom von der »Business Week« empfiehlt seinen Lesern einen Umstieg. Die von Microsoft in den Vordergrund gestellten neuen Funktionen zum Bearbeiten von Fotos, Videos und Musik findet Wildstrom zwar nur »nützlich bis nervend«. Der eigentliche Grund zum Wechsel auf Windows XP ist unsichtbar. »XP ist wichtig, weil es ganz einfach besser funktioniert als Windows 95, 98 oder ME.«

Großer Unterschied für Privatleute

Tatsächlich ist der Unterschied zu den bisherigen Windows-Versionen für Privatanwender besonders groß. Erstmals verzichtet Microsoft in dieser Produktklasse auf die veraltete DOS-Technologie im Systemkern. Daher werden Anwender des neuen XP-Systems künftig viel seltener einen kompletten Systemabsturz (»Blue Screen of Death«) erleben als zuvor. Im Gegensatz zum bisherigen Profi-System Windows 2000 kommt XP auch mit einer deutlich größeren Palette von Hard- und Software klar. Außerdem bietet das neue System eine komplett überarbeitete Benutzerführung, die manchen Kunden als zu bunt erscheinen wird. Wer die schlichtere Oberfläche der bisherigen Windows-Versionen bevorzugt, kann diese auswählen.

Kritik verstummt nicht

Das technisch deutlich verbesserte System wird jedoch die Kritiker nicht verstummen lassen, denn mit einer aggressiven Vermarktungspolitik bietet der Softwaregigant neue Angriffsflächen. Windows XP versucht an verschiedenen Stellen, die Anwender zu Kunden anderer Dienstleistungen aus dem eigenen Haus zu machen. Nach der Installation wird der Kunde beispielsweise aufgefordert, sich beim Microsoft-Identifizierungsdienst »Passport« anzumelden, der in der Internet-Strategie von Microsoft eine zentrale Rolle einnimmt. Nimmt man das Angebot nicht an und klickt das Fenster weg, wird man später insgesamt noch weitere fünf Mal daran erinnert, sich nun doch endlich bei »Passport« einzutragen.

Keiner entkommt Microsoft

Auch bei den neuen Multimediafunktionen von Windows XP betreibt Microsoft unverhohlen Werbung. Mit Hilfe des Betriebssystems versucht Microsoft, das populäre Musikformat MP3 durch das hauseigene Format Windows-Media (WMA) zu verdrängen. Erst durch den Kauf einer weiteren »Plus«-CD von Microsoft kann der Windows Media Player auch MP3- Dateien abspielen. Der Knopf »Musik online kaufen« führt zu einem Microsoft-Angebot im Web und ignoriert die bislang führenden Musik-Sites. Auch das Angebot, Fotoabzüge online zu bestellen, listet nur Microsoft-Partner auf. »Das Unternehmen hat Windows XP in eine Art Trojanisches Pferd verwandelt«, kritisiert Mossberg. »Das Ziel ist es, die Anwender in so etwas wie einen Microsoft-Laden zu stecken.«

Stabilität wird gelobt

Die Computerzeitschrift »c?t« lobt die Stabilität von Windows XP, die auf eine verbesserte technische Grundlage zurückzuführen sei. Allerdings solle niemand mit einem wackeligen PC unter Windows 9x/Me sich durch die Stabilität von XP dazu verführen lassen, das neue System als Allheilmittel zu begreifen. »Viele Probleme unter dem technisch sicherlich unterlegenen Vorgänger sind heute auf defekte Speichermodule (...) und andere Hardware-Schwächen zurückzuführen. Ein Update auf XP kuriert solche Hardware nicht, die Probleme werden anhalten.«

Christoph Dernbach