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Spitzel-Affäre: Paranoia bei der Telekom

Die Spitzel-Affäre bei der Deutschen Telekom schlägt hohe Wellen und trifft den Konzern doppelt hart. Die Kernfrage lautet: Wer hatte von der Überwachung Kenntnis, und wer hat sie veranlasst? Ricke? Zumwinkel? Konzernkenner ziehen in Zweifel, dass es sich lediglich um einen kleinen Zirkel gehandelt hat.

Von Marcus Gatzke

"Es ist eine Katastrophe", sagt die Mitarbeiterin der Deutschen Telekom und fügt seufzend und mit leicht gestresster Stimme hinzu: "Man sucht es sich nicht aus." Nein, sie meint nicht den Spitzel-Skandal, sondern den laufenden Umzug der Pressestelle. Der findet gerade an einem Tag statt, an dem die Telefondrähte heißlaufen. Massen von Journalisten bitten um Auskunft über die konzerninterne Spionage.

Die Affäre hat es in sich: Bei der Telekom soll über längere Zeit hinweg festgehalten worden sein, wann und mit welchen Journalisten bestimmte Mitglieder des Managements und des Aufsichtsrates telefoniert haben. Quasi ein konzerninterner Einzelverbindungsnachweis ohne Wissen der Betroffenen.

"Ein starkes Stück"

Für den ehemaligen Staatskonzern, der vom Fernmeldegeheimnis lebt, ist ein solcher Skandal doppelt schmerzhaft. Es steht der Verdacht im Raum, dass es die Telekom, wenn es drauf ankommt, mit dem Geheimnis nicht so genau nimmt. Ganz so, als ob bei einer Bank die Überweisungen und Kontostände der Mitarbeiter und Kunden ausspioniert worden wären. "Das ist schon ein starkes Stück", sagt ein Konzernkenner stern.de. Das gleiche ja schon einer "Paranoia".

An Baustellen hat es bei der Telekom noch nie gemangelt. Sei es das Milliardengrab UMTS, der Verfall des Aktienkurses, die Kundenflucht im Festnetz oder die Ausgliederung von Zehntausenden Mitarbeitern, der Konzern überraschte selten mit positiven Nachrichten. Der neuerliche Gau sprengt aber alle bislang dagewesenen Dimensionen.

Gespitzelt wurde in den Jahren 2005 und 2006, zu der Zeit war noch Kai-Uwe Ricke Vorstandsvorsitzender und René Obermann nur einfaches Mitglied im Vorstand. Ziel der Überwachungsaktion: Das mutmaßliche Leck zu finden, über das immer wieder vertrauliche Informationen an die Öffentlichkeit gelangt sind. In manchen Fällen sei das Protokoll der Aufsichtsratssitzung noch nicht einmal hausintern verbreitet, aber schon auf einer Nachrichtenagentur zu lesen gewesen, beschreibt ein hochrangiger Mitarbeiter die Situation

Vertrauen erheblich gestört

Bereits im Sommer 2007 wurde ein Überwachungsfall aus dem Jahr 2005 bekannt, dem die Telekom jedoch nur intern nachgegangen ist. "Es handelte sich um einen Einzelfall", sagt ein Sprecher der Telekom. Damals habe noch nicht die Notwendigkeit bestanden, Strafanzeige zu stellen. Jetzt reiche der Fall aber deutlich weiter und wiege schwerer, so dass eine Anzeige notwendig geworden sei.

"Ich will deutlich machen, wie sehr wir uns anstrengen, den Wert des Unternehmens zu steigern", gab sich Vorstandschef Obermann Anfang Mai mit Blick auf die eigenen Aktionäre noch optimistisch. "Das ist Kärrnerarbeit, die braucht Vertrauen und Geduld." Das Vertrauen ist jetzt erst einmal - vorsichtig formuliert - gestört. Wie überrascht Obermann über die Spähoperationen mit den Decknamen "Clipper" und "Rheingold" war, zeigt sein unsicherer Auftritt auf der eilig am Sonntag einberufenen Mini-Pressekonferenz. Da stotterte der Vorstandchef und hatte sichtlich Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden.

Und gerade hier liegt die Schwierigkeit bei der Aufklärung der Affäre. Wer wusste von der Überwachung, und wer hat sie veranlasst? Was wurde mit den Daten gemacht, und wer hat sie bekommen? Nach einem Bericht des "Handelsblatt" soll die Anweisung vom damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Zumwinkel ausgegangen sein. Sowohl der ehemalige Vorstandschef Ricke als auch Zumwinkel bestreiten jedoch, die Überwachung in Auftrag gegeben zu haben. Konzernkenner ziehen auch in Zweifel, dass die Aktion allein von einer oder vielleicht zwei Personen ausgegangen ist. "Das kann kein kleiner Kreis gewesen sein, davon müssen mehr Leute Kenntnis gehabt haben", heißt es in informierten Kreisen.

Bei der Telekom wird zugegeben, dass das Informationsleck ein Thema war: Der Vorstand habe darüber diskutiert, dass immer wieder vertrauliche Informationen aus dem Aufsichtsrat an die Öffentlichkeit gelangt seien. Dabei sei es aber niemals um eine Überwachung gegangen. Jetzt sei zu klären, wie aus dieser "Diskussion" eine illegale Überwachungsaktion werden konnte.

Obermann selbst bestreitet jegliche Verwicklung in die Affäre. "Ich bin zutiefst erschüttert", sagte er am Wochenende. In den kommenden Monaten wird sich Obermann an den "harten Konsequenzen", die er angekündigt hat, messen lassen müssen.