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Standard & Poor's-Manager Chambers: Der Mann, der die USA erschütterte

John Chambers ist bei der Ratingagentur Standard & Poor's hauptverantwortlich für die Herabstufung der USA. Der Schritt katapultiert den bisher unbekannten Erbsenzähler in die Schusslinie zahlreicher Kritiker. von Kim Bode, New York

Von Kim Bode, New York

Es ist ein gefundenes Fressen für seine Kritiker. John Chambers, Leiter für Staaten-Bonitätsnoten bei der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P), und damit hauptverantwortlich für die Entscheidung, den USA das "AAA" zu entziehen, hat nicht einmal Wirtschaftswissenschaften studiert, wie sie spöttisch bemerken. Ob daher der vermeintliche 2000 Mrd. Dollar schwere Rechenfehler in der Defizitprognose rühre? In der Tat könnte Chambers' Ausbildung kaum fachfremder sein: Der "Erbsenzähler von der Wall Street", wie die "New York Post" ihn nennt, hat einen Bachelorabschluss in Literatur und Philosophie und einen Master in englischer Literatur von der Columbia-Universität.

Die ätzende Kritik zeigt: Wer die USA herunterstuft und dazu noch einer der großen drei Ratingagenturen angehört, rückt schlagartig in den Fokus der Öffentlichkeit. Das müsste Chambers bewusst gewesen sein. Dennoch ist es eine völlig neue Situation für ihn - bisher hat der 55-Jährige nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Geisteswissenschaftler in der Finanzbranche

Seit 1997 analysierte er bei S&P jahrelang im Hintergrund, erst als Stellvertreter, dann als Chef seiner Abteilung. Zuvor leitete er vier Jahre lang die Ausweitung der Lateinamerika-Abteilung von S&P, nachdem er von 1986 an für die Banque Indosuez gearbeitet hatte. Seinen Weg in die Finanzbranche fand der Geisteswissenschaftler aus Kansas City bei der European American Bank, wo er sich vom Trainee zum Vizepräsidenten hocharbeitete.

Seit der Bekanntgabe der Herabstufung am Freitagabend kommt man nun in Amerika kaum noch an ihm vorbei. Chambers, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Chef des US-Technologiekonzerns Cisco, wird als "Ober-Downgrader" der Nation durch die Medien gescheucht. Dabei tritt er zusammen mit Kollegen auf, auf diversen Fernsehsendern verteidigen und erklären sie ihre Entscheidung - am häufigsten aber spricht Chambers selbst: CNN, ABC, Bloomberg TV steht er Rede und Antwort. "Vielen Dank für die Einladung", sagt er jedes Mal, wohl wissend, dass viele Amerikaner gerade nicht sonderlich gut auf ihn und S&P zu sprechen sind.

USA nur eine von vielen Nationen

Die Anspannung ist ihm dabei jedes Mal deutlich anzumerken: Mit leicht nach links geneigtem Kopf sitzt er etwas zusammengesackt und nahezu unbeweglich auf seinem Stuhl. Über dem Steg seiner rahmenlosen Brille kerben sich zwei deutliche Sorgenfalten in die Nasenwurzel, seine Mundwinkel ziehen auf beiden Seiten tief nach unten. "Ich denke, dass die Schuld reihum geht", sagt er auf die Frage, wer für das Dilemma verantwortlich sei - gemeint sind die US-Politiker. Häufig muss er sich räuspern, um seine abknickende Stimme am Leben zu halten.

Chambers und seine Analysten urteilen über 123 Zentralregierungen sowie zahlreiche öffentliche Finanzinstitutionen. Die USA sind für ihn also nur eine von vielen Nationen, die herab- wie heraufgestuft werden - Alltag in einer Ratingagentur. "Es wird für die USA eine Weile dauern, bis sie das ,AAA' zurückbekommen, weil es normalerweise nicht einfach zurückspringt", sagt er. Bisher hätten sich fünf Regierungen die Bestnote zurückgeholt. Dafür hätten sie zwischen neun und 18 Jahren gebraucht.

FTD