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Steigende Hopfenpreise: Warten auf die Bier-Revolte

Die steigenden Rohstoffpreise haben konkrete Folgen für die bayerische Lebenskultur: In München droht das einstige Grundnahrungsmittel Bier zum Luxusgut zu werden. Grund: die Hopfenpreise explodieren. Noch bleiben die Biertrinker friedlich. Doch zum Oktoberfest soll die Maß schon acht Euro kosten. Ein Streifzug durch die Münchner Biergärten.

Von Tobias Lill, München

An solchen Tagen, weiß der Münchner, was er an seiner Stadt liebt: Der See im Englischen Garten schimmert in der Sonne. Zwei Verliebte schippern mit dem Boot in Sichtweite vorbei. Die Gäste des Seehauses sitzen am Ufer, direkt neben den Enten und Schwänen. Die Tische sind voll mit golden leuchtenden Maß- und Weißbierkrügen und es duftet nach Schweinshaxe. Hier spürt man sie noch: die bayerische Lebensfreude.

Doch der Schein trügt. Einer der letzten Bastionen der „Mir san mir“-Mentalität droht Gefahr. Vom „Bierpreisschock“ ist seit Wochen in den Boulevardzeitungen die Rede. Bis zu 7,40 Euro zahlen mittlerweile die Gäste in Münchens Biergärten für die Maß Helles und für den halben Liter Weißbier oft schon über vier Euro. Auch hier im Seehaus kostet die Maß 40 Cent mehr als noch im vergangenen Sommer. Billige Biergärten sind in der Landeshauptstadt mittlerweile beinahe so selten wie Braunbären in den bayerischen Alpen.

Die Weltmarktpreise für Hopfen sind explodiert

Hauptursache ist der gestiegene Einkaufspreis, weshalb die Münchner in diesem Jahr auch an der Ladentheke durchschnittlich einen Euro mehr pro Kasten bayerischen Biers hinblättern müssen.

"Die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt sind explodiert", sagt Walter König. Der Sprecher des Bayerischen Brauerbundes residiert in einem schicken Bürobau unweit des Odeonsplatzes. König blättert durch einige Statistiken mit dem Titel "Hopfen und Malz – Gott erhalt's" und zitiert daraus: "Es gibt eine strukturelle Unterversorgung mit Hopfen."

Tatsächlich schrumpfte innerhalb von zehn Jahren die Anbaufläche weltweit um gut ein Drittel. Gleichzeitig nahm der globale Bierdurst rasant zu. Allein 2006 stieg der weltweite Ausstoß um sechs Prozent, die Hälfte des Wachstums kam aus China. Der Marktpreis für Hopfen hat sich als Folge laut dem Bayerischen Brauerbund 2007 mehr als vervierfacht.

Auch Braugerste kostete Anfang 2008 zwischenzeitlich rund drei Mal so viel wie noch im Jahr 2006. "Die gestiegene Anbaufläche für Biosprit und -energie spielen hier eine Rolle", sagt König. Um weiter steigende Preise zu verhindern, fordert er von der Politik ein Überdenken der Subventionspolitik und eine Senkung der Biersteuer.

Bierpreise sollen mittelfristig um 40 Prozent steigen

Die nächste Runde bei den Biergartenpreisen steht jedenfalls schon an. Die bevorstehenden Hopfenernten sind laut König bis zum Jahr 2015 bereits größtenteils verkauft. Um 40 Prozent schätzt der Deutsche Brauereiverband, werden die Bierpreise in den nächsten fünf Jahren ansteigen.

Für eine Stadt wie München ist das ein Horrorszenario. Schließlich gilt hier der Gerstensaft als Grundnahrungsmittel, und das Volk revoltierte in der Vergangenheit sogar mehrmals wegen zu hoher Bierpreise gegen die Brauereien und die Obrigkeit. So etwa bei den Bierkrawallen 1844: Ein Mob verwüstete rund zwanzig Bräuhäuser. Wer keinen Krug hatte, trank aus dem Hut oder der hohlen Hand. Am Ende gab es zwei Tote. Der alte Preis musste wieder eingesetzt werden.

Und selbst im vergangenen Jahrhundert war der Preis des Gerstensafts in der Isarmetropole stets ein Politikum. So protestierten 1910 vor allem Gewerkschafter gegen dessen Verteuerung – in der Folgezeit kam es zu Unruhen. 1934 punktete Hitler bei den Münchnern, indem er den Bierpreis um ein paar Pfennige senkte. Fast vier Jahrzehnte später, als der Preis für die Wiesn-Maß um 15 Prozent auf 2,75 Mark steigen sollte, reichte die Bierpreiswut immerhin noch für Boykottaufrufe und Drohbriefe an die Wirte aus, viele davon mit Trauerrand.

Noch scheint der hohe Bierpreis die Menschen nicht zu stören

An diesem Frühlingstag 2008 im Seehaus dräuen die dunklen Wolken aber nur von ferne. Die meisten Gäste hier scheint der hohe Preis für den Gerstensaft – die Halbe Helles kostet 3,80 Euro – wenig zu stören. Eine junge Blondine im kurzen Sommerkleid stöckelt mit Weißbier in der Hand durchs Kiesbett und stellt Glas und Gucci-Täschchen auf einem der Tische ab. "Die paar Cent interessieren doch keinen", sagt sie und wirft ihre Haare nach hinten. Ein Münchner Mitte 40 meint: "Die Gemütlichkeit lässt man sich nicht nehmen." Nur ein älteres Pärchen, das ein Körbchen mit mitgebrachten Radieschen, Käse und anderen Leckerein auf dem Tisch ausgebreitet hat, sieht das anders. Der Mann poltert: „Es ist schon sehr teuer geworden“ und ergänzt: „Aber man trinkt's trotzdem“.

Und so verwundert es nicht, dass der Seehaus-Verantwortliche Dominik Le Maire später berichten wird, dass die Besucherzahl unter den Erhöhungen der vergangenen Jahre nicht leide. Immerhin, die Klofrau Michelle bekommt die Auswirkungen zu spüren: "Das Trinkgeld ist von Jahr zu Jahr immer weniger geworden", sagt sie. Nur wenige Münzen liegen auf ihrem Teller. Sie macht eine Handbewegung. "Da kann man nichts machen."

Irgendwann hört auch für den Bayern der Spaß auf

Doch irgendwo hier in der Geburtsstadt von Franz Josef Strauß muss es ja sein: das Heer der Unzufriedenen. Schließlich kann das Rütteln an der bayerischen Lebenskultur – und dazu gehört bekanntlich auch ein bezahlbarer Bierpreis – auch heute noch aus konservativen Einheimischen aufgebrachte Stadtguerilleros machen. Mitte der 90er Jahre, als irgendwelche Richter im fernen Karlsruhe beschlossen hatten, die Kruzifixe aus den Klassenzimmern zu verbannen, demonstrierten sie zu Zehntausenden. Und auch als zur selben Zeit die Biergartenöffnungszeiten auf 21.30 Uhr begrenzt werden sollten, trieb es das Volk auf die Straßen.

Vorbei geht es also am Seehaus-Parkplatz, auf dem so manche Luxuskarosse steht. Auf einem Mercedes-Cabriolet klebt neben dem Rücklicht der Schriftzug "A Bayer derf des". Vom Englischen Garten aus ist es nicht weit zur U-Bahnstation Münchner Freiheit.

Im Untergeschoss trinken ein paar Obdachlose Augustiner aus der Flasche. "Sauerei", sagt einer kaum verständlich. Ob er weiß, dass der Bierpreis steigen soll? Er lallt weiter. "Beim Pakistaner, gleich bei der Feilitzstraße – da gibt’s das Bier zu jeder Zeit noch für einen Euro", sagt schließlich seine Begleiterin.

Die glamourösen Zeiten sind längst vorbei

Ausgerechnet hier in Schwabing. Dort, wo einst die Münchner Schickeria rauschende Feste feierte, findet man nun reihenweise Kneipen und Stehverkäufe, in denen die Halbe zum Teil weit weniger kostet als in Münchens volkstümlichen Biergärten. Das liegt natürlich auch daran, dass die glamourösen Zeiten längst vorbei sind.

Damals in den 80er Jahren, als auch Prominente, stets im Blickwinkel der Journalistenikone Michael Graeter, später Vorlage für die Kultserie "Kir Royal", hier ihr Unwesen trieben. Die Schickeria ist in die Innenstadt-Clubs und die Biergärten gezogen, Graeter macht mittlerweile selbst Schlagzeilen.

Und auch im Weißen Bräuhaus am Marienplatz, wo der Mob 1844 seine Randale begann, stört sich kaum einer am Bierpreis. Vielleicht wegen der vielen Touristen, die dort andächtig sitzen. Doch in den großen Biergärten, wie dem Augustinerkeller an der Hackerbrücke, sieht es anders aus. Ein Mann im grauen Trachtenjanker mit Hirschhornknöpfen und grünem Filzhut wittert eine Verschwörung. Ein "Kartell" sei das, "was die Brauereien, Wirte und Politik da machen". Am Ende sagt er: "Wie lange ich mir den Biergartenbesuch angesichts meiner Rente noch leisten kann, weiß ich nicht."

"Die nehmen es von den Lebenden!"

Auch für Helge Duna, der im Augustiner gerne mittags im Schatten der Kastanienbäume seine Zeitung bei einem kühlen Hellen liest, ist klar: "Die nehmen es von den Lebenden." Die Maß im Biergarten könnten jedenfalls immer weniger Münchner bezahlen, ist er überzeugt. Dann deutet er auf mehrere leere Bankreihen. Zumindest für die fast 90 000 Münchner, die 2007 auf staatliche Unterstützung angewiesen waren, scheint ein Biergartenbesuch unerschwinglich.

Vor dem rustikalen Unionsbräu an der Einsteinstraße klagen ebenfalls zwei Gäste über steigende Bierpreise. Das Unionsbräu ist eine der schönsten Münchner Gaststätten und beherbergt gleichzeitig wohl kleinste Brauerei der Landeshauptstadt. An der Wand des Wirtshauses hängt neben vielen Fotos aus der Königszeit ein sorgfältig geknüpftes Stoffgemälde. Es zeigt eine in den schwarz-gelben Stadtfarben umhüllte Frau, die in ihrer Hand eine Schrotflinte hält.

Beim nächsten Oktoberfest wird die Maß schon 8 Euro kosten

Unionsbräu-Chef Wiggerl Hagn sitzt an einem der Tische und sagt: "Der Bayer war schon immer ein Revoluzzer. Das sieht man bei der Umgehung des Rauchverbots." Allerdings glaubt der 69-jährige Hausbrauer und Wiesnwirt mit Zwirbelbart nicht, dass die Münchner wegen der Gerstensaftpreise wieder auf die Straße gehen würden. "Früher war das Bier Lebensziel und Heimat vieler – das ist jetzt anders", glaubt er. Ob sich Hagn da mal nicht irrt: Schließlich wurde gerade erst bekannt, dass beim 175. Oktoberfest die Maß in keinem der großen Zelte weniger als acht Euro kosten soll.

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