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Reportage hinter den Kulissen: Zu Besuch im geheimen Prüflabor der Stiftung Warentest

Niemand prüft Produkte so gewissenhaft wie die Stiftung Warentest. Der stern hat ein geheimes Prüflabor besucht und sich angesehen, welche Härtetests Bohrmaschinen, Hochdruckreiniger oder Astscheren überstehen müssen.

Stiftung Warentest Prüflabor

Dieser Testraum schirmt jegliche Strahlung von außen ab: Hier werden zum Beispiel Elektrofahrräder auf elektromagnetische Verträglichkeit getestet

Das Geheimlabor liegt fernab der Berliner Stiftung-Warentest-Zentrale, mitten auf dem platten Land, irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Es gibt einen kleinen Bahnhof in der Nähe, wo ab und zu ein Regionalzug vorbeikommt. Dort muss man sich von einem Mitarbeiter mit dem abholen lassen. Denn wer das Prüfinstitut nicht kennt, der findet auch nicht her.

Diese Abgeschiedenheit kommt nicht ungelegen, denn den genauen Standort hält die  streng geheim. Sie befürchtet, dass das Prüfinstitut von den Herstellern unter Druck gesetzt werden könnte, wenn diese wüssten, wo ihre Geräte getestet werden. Wenn ein Unternehmen nicht einverstanden mit einer Testnote ist, soll es sich bitteschön mit der Rechtsabteilung der Warentester herumschlagen. Die Prüfer in der Provinz aber sollen unbehelligt und unabhängig testen können. Daher dürfen in diesem Artikel auch weder der Ort noch die Namen der Mitarbeiter genannt werden.

Prüfstände für Staubsauger, Elektroräder, Werkzeuge

Das Prüfinstitut besteht aus sieben weißen Hallen mit insgesamt 8200 Quadratmeter Laborkapazität. Hier werden Staubsauger, Waschmaschinen, Elektrofahrräder und vieles mehr getestet. Es gibt Testküchen, in denen normierte Muffins gebacken werden und ein Chemielabor für Schadstoffprüfungen. Es gibt einen Raum, der jeden Schall schluckt und einen, in dem man jede Stecknadel fallen hört. Eine weitere Halle, noch größer als alle anderen, ist gerade im Bau. Dort soll nach Fertigstellung die Energieeffizienz von Haushaltsgeräten getestet werden. Auf den Rasenflächen zwischen den Gebäuden stehen friedlich ein paar Rasenmähroboter herum, natürlich ebenfalls zu Testzwecken.

160 Mitarbeiter arbeiten in dem Prüfinstitut, die meisten von ihnen mit ingenieurswissenschaftlichem oder einem anderen technischen Hintergrund. Viele sind auch privat begeisterte Heim-Handwerker. "Wir können hier keinen gebrauchen, der keine halten kann", sagt ein Wirtschaftsingenieur, der seit  während er durch sein Reich führt, die Abteilung für Werkzeuge und Gartengeräte. Weil Mensch und Natur so schrecklich unzuverlässig sind, übernehmen Maschinen die meisten Tests. Viele der Prüfstände sind von den Experten selbst entwickelt. 

Stiftung Warentest Prüflabor

Bohrmaschine im Dauertest: 33 Stunden läuft ein Gerät, um eine Lebensdauer von zehn Jahren zu simulieren. Die entstehende Energie bringt die Wand aus Glühbirnen zum Leuchten.

Extremtests simulieren zehn Jahre Lebensdauer

In einem Raum etwa knackt sich eine Zweihand-Astschere unermüdlich durch einen hölzernen Prüfstab: 6000 Mal müssen die Klingen durch das Holz schneiden, um eine Lebensdauer von zehn Jahren zu simulieren. Ein Mensch würde das niemals so kontrolliert hinbekommen, weshalb das Werkzeug in eine Vorrichtung eingespannt ist, die immer mit der gleichen Kraft zudrückt. Bei Billiggeräten bricht irgendwann die Klinge oder der Griff, die guten halten durch.

Einen Raum weiter läuft die Dauerprüfung für Bohrmaschinen. Auch hier muss kein Mensch Tausende Löcher in eine Wand bohren, um herauszufinden, wie lange ein Gerät hält. Die Bohrmaschinen sind in eine elektrische Vorrichtung eingespannt, die die Geräte immer wieder gegen einen normierten Widerstand anheulen lässt - 33 Stunden je Prüfgerät. Als Bremse dienen Lichtmaschinen aus dem Pkw-Bereich. Die entstehende Energie wird auf kreative Weise umgewandelt - sie wird an eine Wand aus Glühbirnen abgegeben, die an der Rückseite des Prüfstands angebaut ist und anfängt zu leuchten, wenn die Bohrer richtig auf Touren kommen. Manche Bohrmaschine wird hier bis zum Exodus gequält: Mit lautem Peng gibt ein Prüfling den Geist auf, der beißende Qualm wird von der Entlüftungsanlage aufgesaugt. 

Stiftung Warentest Prüflabor

Mit Hilfe von genormten Muffins wird getestet, welcher Backofen gleichmäßig gut backt.

Testen bis die Feuerwehr kommt

Bei der örtlichen Feuerwehr ist das Prüflabor gut bekannt. So gingen kürzlich beim Dauertest drei Hochdruckreiniger komplett in Flammen auf. Sowas kann passieren. Daher sind die Räume feuerfest gebaut, sodass ein mangelhaftes Testgerät nicht gleich das ganze Gebäude in Brand steckt. Der durch das Hochdruckreiniger-Inferno verursachte Rußschaden war dennoch erheblich. Am meisten ärgerten sich die Tester allerdings darüber, dass sich nicht mehr feststellen ließ, welches Gerät zuerst gebrannt und die anderen angesteckt hatte. Alle drei waren gleichermaßen zu Klump geschmolzen.

Das Institut ist nur eines von vielen, mit denen die Stiftung Warentest zusammenarbeitet. Denn selbst 8200 Quadratmeter Laborkapazität reichen nicht aus, um alle Themen abzudecken, die sich die Warentester vornehmen. Umgekehrt prüft das Institut auch für andere Verbraucherschutzorganisationen, zum Beispiel für "Consumentenbond", das niederländische Pendant der Stiftung Warentest. Aber auch Hersteller, die für neue Produkte ein GS-Siegel (geprüfte Sicherheit) benötigen, gehören zu den Auftraggebern. Daher stehen in vielen Räumen auch Prototypen herum, die noch gar nicht auf dem Markt sind. Hier dürfen auch eingeladene Besucher weder fotografieren noch filmen.

Stiftung Warentest Prüflabor

Im Akustik-Testraum wird geprüft, wie viel Dezibel Lärmbelastung dieser Staubsauger verursacht

Friedhof und Fußballplatz werden zum Testgelände

Top Secret ist zum Beispiel das Elektrofahrrad, das einsam in einem riesigen würfelförmigen Raum steht, dessen Wände und Decke mit 80.000 futuristisch anmutenden Platten ausgekleidet sind. Die Ferritplatten schirmen jegliche elektromagnetische Strahlung ab. Im Kontrollraum nebenan sitzt ein Tester vor einem  Monitor und prüft, welche Strahlung von dem E-Rad ausgeht und ob es sich von anderen Strahlungen stören lässt. "Selbst ein Funkthermometer für fünf Euro muss geprüft werden, weil es andere Geräte stören kann", sagt einer der Tester. Legendär ist der Fall eines Bekannten, dessen elektrischer Fensterheber am Auto sich regelmäßig selbständig machten, nachdem der Nachbar sich ein Funkthermometer aus China besorgt hatte.

In der kontrollierten Testumgebung des Prüfinstituts lässt sich vieles simulieren. Ab und zu aber braucht es auch den Realitätscheck. Daher gibt es ergänzend zu den Labortests auch Prüfungen in freier Wildbahn. Für den Gartenscheren-Test musste die stattliche Hecke des nächstgelegenen Friedhofs herhalten. Die Hochdruckreiniger säubern nicht nur genormte Testplatten im Labor, sondern auch echte Garageneinfahrten. Und für den Rasenmäher-Feldversuch stellte der lokale Fußballverein seinen Sportplatz zur Verfügung. Die Rentner, die eigentlich gekommen waren, um sich das Training anzuschauen, staunten nicht schlecht über die ungewohnten Protagonisten auf dem Rasen. Auch sie kannten das geheime Prüfinstitut aus dem Nachbarort nicht.