Streikende Milchbauern "Wir brauchen leere Regale"


Die Bauern machen der Nation zu schaffen. In einigen Supermärkten geht die Milch bereits zur Neige, Molkereien klagen über ernsthafte Versorgungsengpässe. Die Blockaden durch die Landwirte halten an, und die Streikenden sind fest entschlossen. Ein Ortstermin in Köln.
Von Matthias Lauerer, Köln

Stefan Hagen, 41, steht vor dem Tor des Kölner Campina-Milchwerkes. In blauem Polohemd, Jeans und mit Baseball-Kappe spricht er laut innerhalb einer Menschtraube, die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Der Familienvater ist so etwas wie der lokale Anführer des Milchstreiks in Köln und oft umringt von Kollegen. Eben ist er aus den gut zweistündigen Verhandlungen mit der Campina-Werksleitung gekommen und schildert nun das Ergebnis. "Fünf LKW dürfen das Werk heute bis 15 Uhr verlassen. Danach dürfen bis morgen um 15 Uhr 15 Lkw rein und 21 Lkw raus fahren. Und wir räumen den Posten vor dem Milchlager."

Als er es in die Runde sagt, geht ein Raunen durch die Menge. Das ist es nicht, was die Bauern hören wollen. Denn die totale Blockade seit gestern um 11 Uhr morgens hat ein anderes Ziel: mindestens 43 Cent pro Kilogramm Milch.

Nur so könne man kostendeckend arbeiten, wie es aus dem Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) heißt. In ihm sind über 30.000 der deutschen Milchbauern organisiert. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es nach Aussage des Milchindustrie-Verbandes 102.000 Milch produzierende Betriebe mit vier Millionen Kühen, die im vergangenen Jahr 28.400 Millionen Tonnen Milch lieferten. Nach Aussage des Verbandsvorsitzenden Romuald Schaber "werden jedoch zur Zeit nur zwischen 27 und 35 Cent pro Kilogramm Milch bezahlt."

Weitere BDM-Forderung: die flexible Steuerung des Milchangebotes, um so ein Überangebot zu verhindern und die Einführung einer Umlage von 0,5 Cent pro Kilogramm Milch, um "Marktsteuerungsmaßnahmen" zu finanzieren.

"Unsere Milch ist es wert"

An den drei Campina-Werkseingängen streiken seit gestern 200 Landwirte. 100 Traktoren haben sie mitgebracht und vor dem Werk im Kölner Stadtteil Bilderstöckchen abgestellt. Mit Erfolg, denn seit gut 28 Stunden fährt kein Rohmilch-Laster mehr ins Werk, und kein Frischmilch-Lkw nimmt den Weg heraus. In der Nacht schliefen sie auf dem Boden, oder auf den großen Traktoren. Die Schilder und Plakate, die überall hängen, sind deutlich: "Unsere Milch ist es wert", oder "Bleibt auf dem Lande und wehret Euch täglich". In kleinen Gruppen stehen die Milchbauern aus dem Oberbergischen Kreis, dem Märkischen Kreis, dem Bergischen Land und dem Rhein-Sieg-Kreis zusammen und diskutieren.

Milchbauer Hagen geht immer wieder von einer Gruppe zur nächsten und redet kurz mit den Kollegen. Oder beißt hungrig in einen frischen Berliner, der ihm gereicht wird. Kaum hat er ihn gegessen, bietet ihm eine Frau kostenlosen Kaffee an. "Ich bin seit 25 Jahren Landwirt. Aber so einen Kampfeswillen unter meinen Kollegen habe ich noch nie erlebt. Zehn bis 15 Cent will man uns nun weniger für die Milch zahlen. Wie soll das denn gehen? Wir sind Familienbetriebe, haben Kinder. So kann das nicht weitergehen."

Fest entschlossen, weiter zu machen

Immer lauter wird die Stimme des Milchbauern aus der Nähe von Lindlar und immer mehr Menschen bleiben stehen und sammeln sich um ihn. Zehn sind es erst, dann 15. Dann blickt der 41-Jährige kurz überrascht auf das Resultat seiner Worte. "Mit tut es in der Seele weh, die gute Milch wegzuschütten. Aber 90 Prozent der Menschen, mit denen ich rede, haben Verständnis für uns." Eigentlich müsste er zu dieser Zeit auf seinem Hof die 75 Kühe füttern. Doch dafür bleibt heute keine Zeit. Seit gestern übernimmt diese Aufgabe seine Frau Michaela. Stattdessen eilt er telefonierend schon zur nächsten Kollegengruppe. Sein Handy klingelt sehr oft.

Immer wieder sinniert man in den Gruppen über die Entschlossenheit der Milchbauern, weiter zu streiken. "Alle sind fest entschlossen weiterzumachen. Entweder wir ziehen das jetzt hier durch, oder wir sind verloren," sagt Hagen und erntet Zustimmung. Doch ein Ende mag auch er noch nicht absehen. "Wir haben das hier jetzt begonnen und machen so lange weiter, bis die Milch im Laden fehlt. Wir brauchen leere Regale." Und für die Milchbauern, die sich nicht am Streik beteiligen, findet er Worte: "Die müssen sich vor den Spiegel stellen, ins Gesicht schauen und fragen, ob sie das Richtige tun." Auch der Vorwurf, Tausende Liter Milch wegzuschütten, während weltweit Millionen Menschen hungern, ficht den rheinischen Milchbauern nicht an: "Wir bekommen sogar Unterstützung von Misereor!"

Im nah gelegenen Kiosk "Iso Grill" spricht ein Streikender, der anonym bleiben will, über die finanziellen Einbußen des Streiks: "Seit zehn Tagen schütte ich unsre Milch weg. Das tut weh und kostet mich pro Tag 350 Euro, doch was soll ich machen. Aldi verdient acht Cent pro Liter. Wir müssen kämpfen." Sagt es und sieht dabei nicht glücklich aus. Dann setzt er sich nach draußen zu seinen Kollegen unter den Sonnenschirm, um sich für den weiteren Streik zu stärken.


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