HOME

Stromanbieter am Pranger: Verbraucherschützer wollen niedrigere Preise erzwingen

Ausgerechnet in der Grundversorgung geben die Anbieter sinkende Strompreise nicht an ihre Kunden weiter. Das hat die Verbraucherzentrale NRW in einer Studie herausgefunden. Sie fordert Konsequenzen.

Die Verbraucherzentrale NRW fordert Strompreissenkungen in der sogenannten Grundversorgung, über die bundesweit mehr als ein Drittel der Haushalte ihren Strom beziehen. Der Stromeinkauf der Unternehmen an der Börse sei seit 2010 im Branchenschnitt um ein Viertel billiger geworden. Viele Versorger hätten dies aber nicht ausreichend an die Kunden weitergegeben, kritisiert die Verbraucherzentrale. Die Verbraucherschützer schlagen vor, die Versorger mit einer Änderung der einschlägigen Verordnung künftig zur schnelleren Weitergabe von sinkenden Kosten zu zwingen.

Die Grundversorgung ist der Tarif, in dem automatisch alle Kunden landen, die nicht aktiv einen Versorgungsvertrag abgeschlossen haben. Darunter sind laut Verbraucherzentrale vielfach schutzbedürftige Menschen, denen ein Wechsel schwer fällt oder sogar unmöglich ist. Die Grundversorgung sei damit kein Tarif wie jeder andere, sondern diene in besonderer Weise der staatlichen Daseinsvorsorge, sagte der Vorstand der Verbraucherzentrale, Wolfgang Schuldzinski. Die Preise müssten deshalb in diesem Segment möglichst günstig sein und sich an den tatsächlichen Kosten orientieren.

Die NRW-Verbraucherschützer hatten in einer Langzeituntersuchung die Strompreise aller 106 Grundversorger in NRW zwischen Ende 2010 und Juni 2014 verglichen und dabei sämtliche Steuern und staatliche Abgaben herausgerechnet. Das Ergebnis: Die von den Versorgern selbst beeinflussbaren Preisanteile für Einkauf, Vertrieb und Marge seien mit im Schnitt 8,6 Cent pro Kilowattstunde seit Dezember 2010 fast konstant geblieben. Dabei hätten sie wegen der günstigeren Beschaffung eigentlich sinken müssen, argumentieren die Verbraucherschützer.

article

Verbraucherzentrale will Kartellbehörden einschalten

Ein Sprecher des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sagte, eine alleinige Analyse der Grundversorgungstarife sei wenig aussagekräftig, da die Mehrheit der Kunden inzwischen andere Tarife habe. Strom werde vielfach mehrere Jahre im Voraus eingekauft. Deshalb könnten Preisrückgänge an der Börse nicht zeitgleich an die Kunden weitergegeben werden. Die Stromunternehmen hätten den von ihnen beeinflussbaren Kostenanteil seit 2009 relativ konstant gehalten. Durch den starken Steuer- und Abgabenanstieg sei dies aber mehr als wettgemacht worden.

In der Auswertung der Verbraucherzentrale zeigen sich große Unterschiede: Bei einigen Versorgern liegt der selbst zu gestaltende Preisanteil um 25 Prozent unter dem Branchenschnitt, bei anderen um bis zu 25 Prozent darüber. "Bei Anbietern mit hoher Unternehmensspanne sehen wir großen Erklärungsbedarf", sagte Schuldzinski. Die Verbraucherzentrale werde die Kartellbehörden einschalten, um prüfen zu lassen, ob Versorger eine marktbeherrschende Stellung für überhöhte Entgelte ausnutzen.

Strom kostet den Bürger aktuell im Bundesdurchschnitt knapp 30 Cent pro Kilowattstunde, 2008 waren es noch 21,4 Cent. Für einen vierköpfigen Haushalt (4000 Kilowattstunden) stiegen damit die Stromkosten von rund 840 auf 1130 Euro im Jahr. Mehr als die Hälfte der Kosten sind Steuern, Abgaben und Umlagen. Allein die EEG-Umlage kostet 6,24 Cent pro Kilowattstunde.

bak/DPA / DPA