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Telekom Abhör-Affäre: Die Odyssee des René O.

Die Spitzelaffäre bei der Deutschen Telekom weitet sich immer weiter aus, der Imageschaden durch Überwachung und Datenklau ist gewaltig. Auch die wirtschaftlichen Herausforderungen für den hochgelobten Konzernchef René Obermann sind riesig. Bislang schlägt er sich jedoch wacker.

Von Lenz Jacobsen

Sein Jubiläum hatte sich René Obermann bestimmt anders vorgestellt. Auf den Tag genau zwei Jahre nach seinem Antritt als Telekom-Chef machte eine neuerliche Enthüllung seinen Job schwerer: Im Unternehmen wurden nicht nur eigene Betriebsräte und Manager bespitzelt, sondern auch der Chef der Gewerkschaft Verdi, Frank Bsirske. Die Zahl der Überwachungsopfer im Abhörskandal ist auf 55 gestiegen - bis jetzt. In Feierlaune war René Obermann also sicher nicht mehr.

Image-Gau

Die Deutsche Telekom, ehemaliger Staatsmonopolist, später gefeierter Börsenstar, ist zum angeschlagenen, wankenden Riesen geworden. Der Image-Gau durch den Überwachungsskandal ist dafür nur ein Grund. Konzernchef Obermann hat an so vielen Fronten gleichzeitig zu kämpfen, dass es selbst Beobachtern schwer fällt, den Überblick zu behalten.

Da ist zum einen der Rückzugs-Kampf auf dem Festnetz-Markt: Allein in diesem Jahr verliert die Telekom nach eigenen Angaben bis zu drei Millionen Anschlüsse. Der private Festnetzanschluss, jahrzehntelang das Kerngeschäft der Telekom, wird zum Problemfall. Das liegt vor allem daran, dass DSL-Kunden seit knapp zwei Jahren nicht mehr zwingend einen Telekom-Anschluss brauchen. "Das die Regulierungsbehörden ihr Monopol auf dem Festnetz-Markt gebrochen haben, ist das Kernproblem der Telekom", sagt Ulrich Trabert, Telekom-Experte beim Bankhaus Metzler. Bis dahin war quasi jeder DSL-Anschluss, den man bei einem Konkurrenz-Anbieter kaufte, ein versteckter Telekom-Anschluss. Der rosa Riese verdiente immer mit. Nach der durch die EU-Kommission erzwungenen Liberalisierung ist der ehemalige Monopolist zu einem Wettbewerber unter vielen geworden.

Kein Festnetz-Monopol mehr

Daran müssen sich die Bonner erst noch gewöhnen. "Bis Ende 2006 hat man die Bedeutung des DSL-Geschäfts total unterschätzt", kritisiert Analyst Ulrich Trabert. Erst unter Obermann hat man hier wieder Marktanteile zurückerobern können. Für Trabert ein "notwendiger Teilsieg".

Zum anderen gibt es an der Image-Front neben der Überwachungs-Affäre noch einen weiteren GAU: Den Diebstahl von 17 Millionen Datensätzen von Mobilfunk-Kunden.

Kaum Auswirkungen auf die Zahlen

Und doch scheint es, als hätte das schlechte öffentliche Ansehen keinen großen Effekt auf die Unternehmenszahlen. "Der Image-Schaden durch diese Ärgernisse ist wahrscheinlich deutlich größer als der tatsächliche wirtschaftliche Schaden", vermutet Telekom-Experte Trabert. Nur einige Tausend T-Mobile-Kunden haben nach Unternehmensauskunft Kontakt aufgenommen, weil sie sich Sorgen um ihre Daten machten. "Die finanziellen Auswirkungen des Datenklau-Skandals auf die konkreten Geschäftszahlen dürften minimal sein", so Trabert.

Und dann muss sich die Telekom auch noch des größten Anlegerprozesses in der Geschichte Deutschlands erwehren. Seit April diesen Jahres kämpfen 17.000 Kleinanleger gegen den Konzern, es geht um Aufstieg und Fall der berüchtigten T-Aktie. Einst hatte sie als erste "Volksaktie" Millionen an die Börse gelockt, hatte mit explodierenden Kursen für Euphorie gesorgt - nur um dann um so dramatischer einzubrechen und damit die Ersparnisse von Millionen Kleinanlegern zu vernichten. In dem Prozess geht es darum, ob die Telekom ihre Aktionäre immer richtig über ihre Geschäfte informiert hat, oder ihnen negative Details bewusst verschwiegen hat.

Von der "Volksaktie" zur Klagewelle

Es war dieser Börsen-Niedergang und die enttäuschten Hoffnungen der Anleger, die zumeist auch Kunden waren, die das Image der Magenta-Riesen ordentlich ramponiert haben - und in gewisser Weise hat sich der Konzern davon bis heute nicht erholt.

Der jungenhafte Chef Obermann muss sich zudem mit den überlieferten Strukturen eines ehemaligen Staatsbetriebs herumschlagen. Das heißt vor allem mit den erkämpften Pfründen der Staatsangestellten: Angenehme Arbeitszeiten, Beschäftigungsgarantien, gute Gehälter. Obermanns Antwort heißt Sparen. Damit hat er sich viele Feinde gemacht. 2007 setzte er gegen den geballten Widerstand der Gewerkschaft seinen Sanierungsplan durch: 50.000 Mitarbeiter wurden in eine Tochtergesellschaft ausgegliedert, die Löhne um 6,5 Prozent gesenkt, die Arbeitszeit von 34 auf 38 Stunden verlängert. Im Gegenzug versprach er, bis mindestens Ende 2009 niemanden zu entlassen. Stattdessen bietet er den T-Systems-Mitarbeitern einen dicken Abfindungsbonus an, wenn diese bis Ende November freiwillig kündigen.

Kampf den verkrusteten Strukturen

Von einer schweren Prüfung zur nächsten: Es ist eine Odyssee, die René Obermann als Telekom-Chef durchlebt. Oft sind es die Hinterlassenschaften seiner wenig erfolgreichen Vorgänger, die ihm das Leben schwer machen. Die meisten Beobachter sind sich einig, dass er unter diesen Umständen eine hervorragende Figur macht. "René Obermann und sein Team machen wirklich viel richtig zur Zeit", sagt auch Analyst Trabert anerkennend. Deshalb empfiehlt er, wie viele seiner Kollegen, die Telekom-Aktie zum Kauf.

Und wer weiß, vielleicht hat sich Jubilar René Obermann bei so viel Lob doch noch ein Gläschen genehmigt.