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Telekom-Bilanz: Visionsloses Krisenmanagement

Telekom-Chef René Obermann hat schonungslos die Schwächen seines Konzerns offengelegt: Zu schlechter Service, zu wenig Kundenbindung. Doch die Konsequenzen die er daraus zieht, haben den Charme einer Sanierung als den einer großen Vision.

Ein Kommentar von Johannes Röhrig

"Wir segeln knapp über Grund", sagte der neue Telekom-Chef René Obermann heute bei der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens in Bonn - und ebenso ernüchternd fällt auch seine Strategie für die kommenden Jahre aus: Es handelt sich eher um einen Sanierungsplan als um eine große Vision. Das enttäuscht. Anleger reagierten sofort: Die T-Aktie ist am Tag der Verkündung einer der großen Verlierer im Dax.

Was Obermann vorführt, ist die schonungslose Abrechnung mit den Defiziten im Unternehmen. Er hat die Mängel im Service benannt; ebenso ist unübersehbar, dass das Geschäft im Inland lahmt. 2006 verlor die Telekom über zwei Millionen Telefonanschlüsse, und Obermann macht wenig Hoffnung, dass sich die Situation in diesem Jahr bessern könnte. Wachstum kommt nur noch aus dem Ausland.

Bei 61 Milliarden Euro Jahresumsatz machte der Konzern zuletzt gut drei Milliarden Euro Gewinn. "Das sind nur ein paar Prozent Rendite", sagte Obermann. Mit anderen Worten: viel zu wenig. Im letzten Quartal 2006 schrieb die Telekom sogar Verlust.

Das Inlandsgeschäft will Obermann nun mit mobilen Datendiensten, mit neuen Geräten und mit einfacheren Tarifen, die auch ältere Menschen zu mehr Handy- und Internet-Nutzung bewegen sollen, stabilisieren. Ansonsten blieben viele Ankündigungen vage:

- Die Konkurrenz im Telefonmarkt will Obermann mit einer neuen Billigmarke kontern, die ohne das große Telekom-T im Namen auskommen soll: Eine gute Idee, aber er verschweigt Details. Außerdem: Spielt da der Regulierer mit?

Nach Jahren des Schuldenabbaus soll endlich wieder Geld für Firmenkäufe im Ausland zur Verfügung stehen. Auf solche Wachstumsphantasien setzt der Kapitalmarkt. Doch kaum ausgesprochen, dämpft die neue Telekom-Spitze die Erwartungen gleich wieder, bei der Expansion könnte ein großer Wurf gelingen. Die chronisch-schwächelnde Business-Kundensparte T-Systems will sich nach Jahren vergeblicher Bemühungen, es allein zu schaffen, nun mit einem Partner aus der Branche verheiraten. Aber: sie weiß noch nicht, mit wem.

Riskant bleibt aber vor allem ein Manöver, das Obermann derzeit mit den Beschäftigten der Telekom veranstaltet: Rund 50.000 Mitarbeiter der schwindsüchtigen Telefonsparte sollen zu verschärften Arbeitsbedingungen und mit geringeren Löhnen in eine neue konzerneigene Service-Gesellschaft versetzt werden, die Callcenter und technische Dienste zusammenfasst. Das spare jährlich 500 bis 900 Millionen Euro, rechnete die Finanzabteilung aus. Tatsächlich sind die Telekom-Callcenter teurer als die Konkurrenz.

Dennoch ist fraglich, ob sich der Wirbel lohnt, den die Telekom-Spitze durch T-Service produziert: Die Gewerkschaften kündigen Streiks an, der Arbeitnehmerflügel votierte im Aufsichtsrat gestern gegen die Versetzungspläne, die Belegschaft ist tief verunsichert. Es droht die Blockade-Mentalität.

Obermanns hat ein hehres Ziel: 2008 soll die Telekom endlich zu einer Top-Adresse in Sachen Service werden. Wenn die Belegschaft sich nun querstellt, dürfte diese Initiative scheitern, noch ehe ein Kunde sie zu spüren bekam.