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TOURISMUS: Das Hochwasser spülte die Touristen fort

Reihenweise stornieren Touristen ihren Urlaub, weil Brandenburgs Nordwesten ja noch immer vom Hochwasser der Elbe betroffen sein könnte.

»Nach langer Überlegung und schlafloser Nacht bin ich leider zu dem Entschluss gekommen, dass wir absagen.« Der Brief vom 2. September aus Hagen gehört zu den Hiobsbotschaften, die sich gegenwärtig in den Hotels und Pensionen der Prignitz stapeln. Reihenweise stornieren Touristen ihren Urlaub, weil Brandenburgs Nordwesten ja noch immer vom Hochwasser der Elbe betroffen sein könnte.

Absage wegen Angstzuständen

Dass die Deiche den Fluten standhielten und die Region deshalb kaum Schaden genommen hat, muss sich erst noch herumsprechen. »Ich leide unter Angstzuständen«, gibt die Briefschreiberin an anderer Stelle zu. Und: Sie könne es moralisch nicht verkraften, in einem Landstrich zu entspannen, der »ein so großes Leid erfahren hat«. Mit der Absage bleiben im Hotel »Alte Wassermühle« der Stadt Lenzen wieder ein paar Betten frei.

Fatales Mitleid

Ebenso rührend wie fatal findet Michael Jeroch solche Zeilen, die dem einheimischen Gastgewerbe das Geschäft verderben. »Wir leiden schwer«, stellt der Eigentümer eines alten niederdeutschen Hallenhauses in Unbesandten fest. Dort, im »Alten Hof am Elbdeich«, bewirtschaftet Jeroch Ferienwohnungen, eine Pension und ein Restaurant. Bis die Elbe stieg, seien auch die Umsätze stetig gestiegen, berichtet er. Die bereits geschaffenen sechs Dauerarbeitsplätze sollten zur nächsten Saison um zwei Ausbildungsstellen erweitert werden.

Hauptsaison ruiniert

Nun jedoch gehe es um die nackte Existenz, denn seit dem 18. August - mitten in der kurzen Hauptsaison - blieben die Gäste aus. Obendrein wurden Buchungen bis in den Oktober hinein rückgängig gemacht, so dass Jeroch für dieses Jahr mit einem Umsatzrückgang von 40 Prozent rechnet. »Schon wenn ein Radfahrer erscheint, gehen wir mit einem Glas Sekt auf den Deich.« Auch im 150 Jahre alten »Schützenhaus« der Stadt Lenzen haben etwa 35 Prozent der angekündigten Besucher ihre Reise abgeblasen, wie sein Besitzer Hans-Joachim Klein erzählt. Seine Übernachtungsgäste sind zu 70 Prozent Radler.

Rückläufige Gästzahlen

Die Region sei auf den Fahrrad-Tourismus angewiesen, erläutert der Geschäftsführer des Fremdenverkehrs- und Kulturvereins Prignitz e.V., Uwe Neumann. Normalerweise lockt Brandenburgs ältestes Besiedlungsgebiet Gäste aus Berlin, Niedersachsen und Hamburg an. Es verfügt über etwa 2.000 Gästebetten, und pro Jahr werden rund 350.000 Übernachtungen registriert. Diese Zahl dürfte in diesem Jahr wohl nicht mehr erreicht werden.

Vorschnelle Absage

Statt sich zu erkundigen, wie es vor Ort wirklich aussieht, verzichten viele vorschnell auf die Reise. So musste Pensions-Chef Jeroch in einem Brief vom 22. August die Absage von 21 bereits gebuchten Gästen zur Kenntnis nehmen: Sie hielten es für menschlich nicht vertretbar, »als lustige Gruppe durch Ortschaften (zu) radeln, wo die Menschen um ihr Hab und Gut gebangt haben und mit Aufräumarbeiten beschäftigt sind«.

Kein Katastrophen-Tourismus

»Die sagen sich: 'Wir wollen nicht stören'«, erklärt Diana Landsmann die Zurückhaltung von Besuchern, die auch ihr »Hofcafé« im malerischen Müggendorf trifft. Ähnlich sieht es Fremdenverkehrs-Geschäftsführer Neumann: »Die wollen nicht als Katastrophen-Touristen abgestempelt werden.« Als neue Attraktion kann er sich vorstellen, künftig gründlich über den Hochwasserschutz in der Region zu informieren.