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Überwachung: Systematische Bespitzelung im Handel

Die von stern und stern.de aufgedeckte Überwachung von Mitarbeitern gibt es nicht nur bei Lidl. Recherchen des stern haben jetzt ergeben: Weitere Discounter wie Penny, Plus und Norma setzen systematisch versteckte Kameras und Detektive ein, um ihre Beschäftigten zu kontrollieren.

Von Markus Grill

Dem stern liegen Protokolle aus 150 Einzelhandelsfilialen von Firmen aus ganz Deutschland und quer durch die Branche vor. Neben des Discountern wie Penny, Plus, Norma und Netto (Edeka-Tochter) ließen selbst anspruchsvollere Märkte wie Rewe, Edeka, Tegut, Hagebau oder Famila ihre Mitarbeiter bespitzeln und die Beobachtungen schriftlich festhalten.

Die ältesten Protokolle stammen aus dem Jahr 2003, die jüngsten vom Dezember 2007. Sie zeigen, dass die Detektive permanent gegen Gesetze verstoßen haben. Denn erlaubt ist das heimliche Ausspähen von Beschäftigten nur bei begründetem Verdacht einer Straftat und dann auch nur, wenn es kein anderes Mittel gibt, den Sachverhalt aufzuklären.

Interesse für private Beziehungen

Doch die Protokolle zeigen, dass alle möglichen Mitarbeiter bespitzelt werden. Die Detektive interessierten sich für private Beziehungen: "Herr U. hat im Augenblick Probleme mit seiner Ehefrau, die aus Albanien kommt." Und: "Frau Z. ist zum zweiten Mal verheiratet mit einem 11 Jahre jüngeren Mann." Es geht um die Krankheiten wie das Augenleiden und die nötige Brille einer Mitarbeiterin oder den Bandscheibenvorfall eines Ehemannes. Notiert wird die Automarke, die die Mitarbeiter fahren, und wer welche Laster hat: "Herr N. ist ein starker Raucher. Weiter fielen seine stark zitternden Hände sofort auf. Auch der Schweiß auf seiner Stirn während der Ruhephase war ungewöhnlich." Sogar die Hautfarbe kommt zur Sprache. "Frau K. und ihre Kinder sind zerstritten. Frau K. zeigt eine ablehnende Haltung gegen ihre eigenen Kinder, weil ein Schwarzer eingeheiratet hat."

Rechtsanwalt: "Eine neue Qualität"

Für den Bremer Rechtsanwalt Rolf Gössner sind diese Protokolle ein klarer Gesetzesverstoß. Gössner gehört zur Jury des Big Brother Awards, ein Negativpreis, der jedes Jahr an Firmen für die grobe Missachtung der Privatsphäre vergeben wird. Lidl wurde bereits 2004 damit ausgezeichnet. Die Vielzahl der Fälle und die Systematik der Protokolle stellen für Gössner "eine neue Qualität" dar. "Viele Menschen wissen gar nicht, was Unternehmen heute technisch alles können." Alles, was am PC passiere, lasse sich überwachen, sagt Gössner.

Auch das Unternehmen Aldi Süd, dem bisher keine Mitarbeiterüberwachung nachgewiesen werden konnte, hat nach Recherchen des stern in mindestens sieben Fällen in Brandmeldern versteckte Kameras installiert, die die Laderampe überwachen. Aldi versichert, alle Mitarbeiter und langfristige Lieferanten hätten dies gewusst. Warum die Kameras versteckt angebracht wurden, konnte der Discounter nicht erklären.

Klassenkampf von oben

Gelegentlich geht es den Arbeitgebern nicht nur um die Aufklärung von Diebstahl, sondern um Klassenkampf von oben: Die Manager der Discounter wollen wissen, ob Mitarbeiter der Gewerkschaft nahe stehen. "Alles wird in Bewegung gesetzt, um einen Betriebsrat zu verhindern", verriet ein ehemaliger Discount-Manager, der dem stern Interna aus seiner Branche preisgegeben hat. "Wenn eine Betriebsratsgründung ansteht, wird bei den Rädelsführern im Dreck gewühlt. Die Frage ist: Findet der Detektiv was, um ihn loszuwerden? Wenn das nicht funktioniert, wird ein eigener Betriebsrat aufgebaut." Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass der Lebensmitteldiscounter Aldi Nord die unternehmerfreundliche Arbeitnehmerorganisation AUB heimlich mitfinanziert hat, um sie gegenüber Verdi zu stärken.

Echte, also nicht gekaufte Betriebsräte sind den Discountern ein Gräuel, weil sie angeblich die Geschäftszahlen verhageln. "Wenn Sie in einer Filiale einen Betriebsrat haben, explodieren Ihre Personalkosten", behauptet der Manager. Denn wo ein Betriebsrat existiert, werden plötzlich Arbeitszeiten eingehalten, Überstunden aufgeschrieben. Die Filiale muss also mehr Leute beschäftigen, das macht den ganzen Betrieb teurer als in Filialen ohne Betriebsrat.

Jeder dritte Bürocomputer wird kontrolliert

Nicht nur im Lebensmittel-Einzelhandel ist die Überwachung gang und gäbe. Mehr als jeder dritte Bürocomputer wird mittlerweile kontrolliert, wie eine Untersuchung der Unternehmensberatung Mummert Consulting von 2005 zeigt. Und der Bundesverband der Detektive räumt ein, dass 60 bis 70 Prozent der Aufträge aus der Wirtschaft stammen, wobei der häufigste Auftrag laute: das Verhalten der Mitarbeiter zu überwachen.

So wurde beim Autobauer Daimler in Stuttgart am runden Tisch mit Abteilungsleitern, Meistern, Werkärzten und Betriebsräten besprochen, was mit kranken Mitarbeitern zu geschehen habe. Die Meister sollen dort von Scheidung, Alkoholproblemen und psychiatrischen Behandlungen ihrer Untergebenen erzählt haben. Diese Informationen wurden dann in den Unterlagen der Personalabteilung schriftlich festgehalten. Für Daimler-Betriebsrat Tom Adler ist das "ein Ort der Bespitzelung".

Daimler gibt jedoch an, dass keine vertraulichen Mitarbeiter-Daten von den Werksärzten an Führungskräfte weitergegeben werden. Die runden Tische würden auf einer Vereinbarung mit dem Betriebsrat beruhen.

Überwachung wurde meist nicht abgestritten

Die Handelskonzerne leugneten gegenüber dem stern in den meisten Fällen die Überwachung nicht. Rewe (Penny) teilte auf Anfrage mit, dass die Detektive auch Mitarbeiter überwachen sollten, allerdings ausschließlich, um Diebstähle aufzuklären. "Eingriffe in die Privatsphäre unserer Mitarbeiter" wolle man nun aber "vorbehaltlos aufklären". Edeka erklärte: "Einen Auftrag für die Erstellung von Protokollen über das Verhalten der Beschäftigten in den Pausenräumen gab es nicht." Tegut bestätigte dem stern, dass mit einer Detektei vier Aufträge vereinbart wurden. Allerdings "hatte der Dienstleister keinen Auftrag, Mitarbeitende zu observieren". Famila teilte auf Anfrage mit, dass sich die Aufträge an die Detekteien "ausschließlich auf das Aufdecken von Ladendiebstählen" bezogen hätten. Geschäftsführer Torsten Hauschild: "Wir können nicht gänzlich ausschließen, dass es in Einzelfällen zu Fehlverhalten gekommen sein kann."

Plus räumte ein, dass es "einzelne Fälle aus Norddeutschland" gebe, in denen Notizen "zu einzelnen Filialmitarbeitern erscheinen". Aber: "Diese haben wir weder ausgewertet noch genutzt." Künftig würden derartige Notizen "nicht mehr akzeptiert", so Plus-Geschäftsführer Alfred Glander zum stern.