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Ursula Piëch: Ein Kindermädchen für Volkswagen

Ursula Piëch ist in den Aufsichtrat von VW gewählt worden. Die Frau von Patriarch Ferdinand Piëch ist gelernte Erzieherin. Jetzt passt sie auf den zweitgrößten Automobilhersteller der Welt auf.

Im Jahr 1982 las die junge österreichische Provinzdame Ursula Plasser ein Kindermädchen-Gesuch der Familie Piëch. Sie bewarb sich spontan. Gut mit Kindern umgehen, das konnte sie. Plasser leitete ja schließlich einen Kindergarten. Dreißig Jahre später passt sie nicht mehr auf Kinder auf. Sondern auf die Geschäfte des zweitgrößten Automobilherstellers der Welt. Plasser heißt heute Piëch und sitzt nun bei VW im Aufsichtsrat.

Natürlich galt Ursula Piëch schon vor ihrer Kür zur VW-Kontrolleurin als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in Europas größtem Autokonzern, schließlich heiratete das Kindermädchen nach nur zweijähriger Anwesenheit in der Familie Piëch den Patriarchen, den mächtigen Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch. Ein offizielles Amt bekleidete die heute 55-Jährige im VW-Konzern zwar nicht, aber auch so war sie eine zentrale Figur im riesigen Mehrmarken-Geflecht der Wolfsburger. In der Vorbereitung vieler Entscheidungen sei sie ein wichtiger Faktor gewesen, heißt es unter Insidern. Bei öffentlichen Auftritten wie dem Genfer Autosalon sitzt sie mit ihrem Mann stets in der ersten Reihe, neben sich die Vorstände.

Piëchs Spielraum im Unternehmen wächst

Nun wächst der Spielraum von Ursula Piëch noch einmal um ein Vielfaches: Als neue VW-Aufsichtsrätin setzen die Aktionäre Ursula Piëch auch formal an die Seite ihres 75 Jahre alten Gatten.

Damit entscheidet nun künftig ein Ehepaar in entscheidenden Positionen über wichtige strategische Weichenstellungen des Unternehmens. Die Großaktionäre Porsche, Katar und Niedersachsen stehen hinter der Personalie. Einige Kleinaktionäre und die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger sehen die Ballung der Macht in den Händen der Familie Piëch jedoch kritisch.

"Eine kompetente Frau"

Bei der Regelung des Familienerbes hatte Ursula Piëch bereits vor der Wahl in das Kontrollgremium eine starke Rolle inne. In Stiftungen, auf die Ferdinand Piëch sein Firmenvermögen übertragen hat, ist sie die Stellvertreterin ihres Mannes. Dass sie Wirtschaftskompetenz und Erfahrung im Umgang mit Konzernthemen hat, zweifeln viele Beobachter und auch der VW-Betriebsrat keineswegs an:

Während ihrer Ausbildung zur Erzieherin belegte sie das "Prüfungsfach Wirtschaft und Recht", und sie setzt sich nach eigenen Angaben seit Längerem intensiv mit den unternehmerischen Beteiligungen bei Volkswagen auseinander. VW-Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn sieht in ihr "eine kompetente und unternehmerisch denkende Frau."

Lebenslustig und machtbewusst

Ursula Piëch wird von Kennern als lebenslustige und eloquente Frau geschildert, die "eine hohe Affinität" zu Autos habe und wisse, wie der VW-Konzern mit seinem komplizierten System "tickt". Sie sei "natürlich" geblieben und hebe nicht ab. Machtbewusst sei sie, sagen einige. Das allerdings ist im VW-Aufsichtsrat kein Ausnahmephänomen.

feh/DPA / DPA