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Patriarchengattin gewählt: Ursula Piëch erobert den VW-Aufsichtsrat

Der VW-Aufsichtsrat ist um ein weibliches Mitglied reicher: Ursula Piëch folgt ihrem Mann Ferdinand in das Kontrollgremium des Konzerns. Von Aktionären hagelt es Kritik.

Familienunternehmen Volkswagen: Ursula und Ferdinand Piëch lenken den Aufsichtsrat des Wolfsburger Autoriesen künftig gemeinsam. Die Frau des Konzernpatriarchen folgt ihrem Mann ins Kontrollgremium des europäischen Branchenführers - und gehört nun auch offiziell zum innersten Machtzirkel bei VW. Damit haben die Piëchs das riesige Fahrzeugimperium fester im Griff denn je. Die genaue Prozentzahl, mit der die 55-Jährige für fünf Jahre in das Gremium gewählt wurde, wurde zunächst nicht genannt. Ursula Piëch übernimmt den Aufsichtsratstuhl von Tui-Chef Michael Frenzel, der nicht erneut angetreten war.

Dass Ursula Piëch eine einflussreichere Beraterin ihres inzwischen 75 Jahre alten Gatten ist und im Hintergrund so manche Entscheidung mit anschiebt, war für Insider schon lange unbestritten. Der formale Aufstieg zur Kontrolleurin markiert für die 55-Jährige dennoch einen wichtigen Schritt: Saß sie bisher als Stellvertreterin Ferdinand Piëchs in Stiftungen, auf die der Porsche-Enkel sein Firmenvermögen übertrug, kann sie in strategischen Fragen fortan direkt mitmischen.

Die Wahl der gelernten Erzieherin und die Verlängerung des Mandats von Ferdinand Piëch als Chefaufseher um weitere fünf Jahre galten bei der Hauptversammlung am Donnerstag in Hamburg als sicher.

Auf die Frage nach ihrer tatsächlichen Rolle gibt sich Ursula Piëch bei der Ankunft auf dem Aktionärstreffen bescheiden: "Ich folge ihm in gebührendem Abstand", sagt sie an der Seite ihres Mannes, als beide im Blitzlichtgewitter den umfangreichen Fuhrpark der elf Konzernmarken sowie des Sportwagenbauers Porsche abschreiten. Sie sei "aufgeregt" wegen der großen Aufgabe, aber guter Dinge - mehr ist der Neu-Aufseherin vorerst nicht zu entlocken.

Welche Qualifikation hat eine Kindergärtnerin für den Job?

"Gönnen Sie mir wie jedem anderen die ersten 100 Tage", bittet Ursula Piëch die Journalisten um Verständnis. Ihr Mann glaubt an das Geschick seiner Vertrauten, wenn es darum geht, den mittlerweile umsatzstärksten Autohersteller der Welt mit zu beaufsichtigen: "Sie macht das mit Sicherheit noch besser als ich."

Ein Ehepaar als Kontroll-Duo - das schmeckt jedoch nicht jedem. Zwar stehen die Großaktionäre hinter der Personalie. "Mit Ursula Piëch bekommt der Aufsichtsrat von VW eine weitere kompetente Frau", sagt Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU), der das Land mit einem Fünftel der Anteile im Aufsichtsrat vertritt. Katar (17 Prozent) und Porsche (50 Prozent) unterstützen die Entscheidung für Ursula Piëch ebenfalls.

Anders ist die Stimmung bei vielen der übrigen Anteilseigner. Große Fonds üben heftige Kritik an der Kandidatur. Der Vorwurf: Die entscheidende Voraussetzung sei ihre Ehe mit Ferdinand Piëch. Ein Kleinanleger schimpft: "Ich frage mich, was für eine Qualifikation eine gelernte Kindergärtnerin für einen Sitz im Aufsichtsrat eines technischen Weltkonzerns hat." Ferdinand Piëch schere sich nicht darum, für eine hinreichende Zahl unabhängiger Vertreter zu sorgen. Auch die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) sieht die Ballung der Macht in den Händen der Familie Piëch skeptisch.

"Danke, Ursula"

Mit der Wahl von Ursula Piëch stellen die Mitglieder der Familien Piëch und Porsche jetzt fünf von zehn Plätzen der Kapitalseite im Aufsichtsrat. Auch mehrere Fondsgesellschaften wollten nicht mitziehen. Doch viel ausrichten können sie nicht - die Großeigner verfügen über eine satte Mehrheit von 88 Prozent der Stimmen.

Ursula Piëch kennt die Vorbehalte. Seit 1984 ist sie mit Ferdinand verheiratet. Sie war als Kindermädchen zu den Piëchs gekommen. Vor den Aktionären wirbt sie mit fester Stimme und einem Lächeln um Zustimmung. Sie versichert, dass ihr der Konzern bestens vertraut sei: "Seit 30 Jahren darf ich dieses Unternehmen begleiten." Sie habe auch die schwere Krise in den Jahren 1993/94 hautnah miterlebt.

Lob kommt vom Deutschen Juristinnenbund, der seit Jahren bei den Hauptversammlungen großer Konzerne um einen besseren Zugang von Frauen wirbt. Einen Quereinstieg wie von Ursula Piëch sollte es viel öfter geben, sagt Verbandschefin Ramona Pisal. Wie erfolgreich Frauen das Erbe ihrer Ehemänner vertreten könnten, zeigten Beispiele wie Liz Mohn, Friede Springer oder Maria-Elisabeth Schaeffler.

Die Piëchs bemühen sich jedenfalls, die Übergabe des Mandats von Tui-Chef Michael Frenzel an Ursula Piëch nicht an die große Glocke zu hängen. Dem Hightechflitzer XL1 entstiegen, posieren sie betont gelassen für die Kameras. Ausnahmsweise stapelt der Autovisionär Ferdinand Piëch einmal tief: Es sei "ein Tag wie jeder andere". Doch wie sehr die Familie Piëch VW dominiert, zeigt sich, als Ferdinand seiner Gattin nach deren kurzen Vorstellungsrede sagt: "Danke, Ursula."

fro/DPA / DPA