HOME

WERFTEN: Countdown für Vulkan-Prozess

Fünf Jahre und sieben Monate nach dem Konkurs sollen diesen Freitag endlich die Urteile fallen. Wie es ausgehen wird, weiß selbst nach 100 Verhandlungstagen niemand.

Im Vulkan-Prozess vor dem Bremer Landgericht ist nach dem Konkurs des einst größten deutschen Werftenverbundes, der Bremer Vulkan Verbund AG (BVV AG), ein vorläufiges Ende in Sicht. An diesem Freitag sollen die Urteile gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Friedrich Hennemann und zwei Vorstandskollegen im Untreue-Verfahren gesprochen werden. Sie sind angeklagt, 854 Millionen DM (437 Mio Euro) Fördergelder für die Ost-Werften zweckentfremdet eingesetzt zu haben. Nach mehr als 100 Verhandlungstagen wagt kein Insider eine Prognose über den Ausgang.

Angeklagte erwarten Freispruch

Selbst die Fortsetzung der Beweisaufnahme ist wie vor einem Jahr möglich. Denn auch diesmal haben die Verteidiger für den Fall einer Verurteilung Hilfsbeweisanträge gestellt. Dennoch rechneten sie mit einer Urteilsverkündung am Freitag, sagt Anwalt Prof. Reinhold Schlothauer. Für die Verteidiger der drei Angeklagten kann das Urteil allerdings nur Freispruch lauten.

Es geht nicht um den Untergang

In ihren Plädoyers machten sie dies deutlich. Den Tatbestand der Untreue sehen sie nach der Beweisaufnahme nicht erfüllt. Die Verträge mit der Treuhand zur Übernahme der »desolaten« Ost-Werften waren »reine Unternehmenskaufverträge, glasklare Privatisierungsverträge«, sagte Hennemann-Verteidiger Walther Graf in seinem Plädoyer. Eine Vermögensbetreuungspflicht, nach der die Gelder ausschließlich für die Ost-Werften hätten verwendet werden dürfen, habe es nach diesen Verträgen nicht gegeben. Die Staatsanwaltschaft sucht einen Schuldigen für den Untergang des Vulkan Konzerns und steht unter Erfolgsdruck, meint Graf. Der Untergang ist jedoch »gerade nicht Gegenstand des Verfahrens«.

»Normale« Kaufverträge?

Für Staatsanwalt Burkhard Quick sind Hennemann, Günter Smidt und Johannes Schnüttgen schuldig. Er forderte vier, dreieinhalb und drei Jahre Haft wegen gemeinschaftlich begangener Untreue. Die 1992 geschlossenen Verträge sind keine normalen Kaufverträge. Sie haben vielmehr zu einer Vermögensbetreuungspflicht der Konzernmutter gegenüber ihren Tochtergesellschaften geführt. Außerdem hat sich der Vulkan verpflichtet, Arbeitsplätze im Osten zu sichern und die Werften zu modernisieren. Letztlich hat der Vorstand das Geld zum Stopfen von Löchern im Westen verwendet.

Kein Ende in Sicht

Die drei Angeklagten haben während des Prozesses auf Anraten ihrer Verteidiger geschwiegen. Nur Schnüttgen machte am vorerst letzten Prozesstag von seinem Recht des letzten Wortes Gebrauch und beteuerte seine Unschuld. Egal, wie es am Freitag ausgeht, endgültig abgeschlossen ist der Fall dann immer noch nicht. Gibt es keinen Freispruch, geht die Verteidigung in Berufung, andernfalls die Staatsanwaltschaft. Da die schriftliche Urteilsbegründung erst im Sommer 2002 vorliegen muss, vermutet Anwalt Schlothauer: »Dann sind wir Weihnachten 2002 noch nicht fertig.«

Vera Jansen

Themen in diesem Artikel