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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne: 200 Professoren gegen eine Kanzlerin

200 Professoren kritisieren Merkels Handeln in der Krise. Öffentlich zu diskutieren, das ist gut, findet Thomas Straubhaar. Doch so zu tun, als gäbe es die eine Lösung - das sei falsch.

Ein öffentlicher Aufruf deutschsprachiger Ökonomen wirft der Bundeskanzlerin vor, eine rote Linie überschritten zu haben. Sie sei bei den letzten EU-Gipfelverhandlungen schwach geworden und eingeknickt. Sie habe ja gesagt zu einer kollektiven Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems. Damit vernachlässige sie auf fahrlässige Weise deutsche Interessen. Denn nun gehe es um Bankschulden. Sie "sind fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und liegen in den fünf Krisenländern im Bereich von mehreren Billionen Euro".

Dürfen Ökonomen das?

Ist es richtig, dass sich Ökonomen mit einem kritischen Aufruf an die Medien wenden, der in der Politik für Wut und Verärgerung und auch in der eigenen Zunft für Widerspruch sorgt? Ja, selbstverständlich, sollen und dürfen, ja müssen Wirtschaftswissenschaftler(innen) ihre Meinung öffentlich kundtun. Und da genügt es eben nicht, im Elfenbeinturm zu sitzen und mit abstrakten Fachpublikationen ein kleines Publikum von Gleichgesinnten anzusprechen.

Will die Ökonomik nicht vollends zu einem Glasperlenspiel der realen Welt entrückter Modellbauer degenerieren, muss sie zeigen, dass ihre Erkenntnisse relevant, aktuell und für die Gesellschaft von Nutzen sind. So gesehen, konnte der Zunft nichts Besseres geschehen, als ein in den Medien ausgetragener Streit. Das sorgt für Wahrnehmung und Öffentlichkeit.

Es gibt keine allgemeingültige Lösung

Interessant ist, dass der Aufruf damit wirbt, dass er mittlerweile von über 200 Professoren unterschrieben worden sei. Erstens unterstellen die Unterzeichner (beziehungsweise jene die damit werben) also, dass Professoren die Euro-Krise besser verstehen als alle Übrigen. Was die wissenschaftliche Analyse betrifft, mag diese Erwartung der Öffentlichkeit zutreffen. Allerdings zeigen ja gerade die Reaktionen anderer Professoren, dass es keine Einheitsmeinung gibt. Und das ist doch der entscheidende Punkt: in der Ökonomik existieren – anders als beispielsweise in der Physik, die eindeutig definieren kann, was mit einem vom Stamm fallenden Apfel passiert - keine absolut und objektiv geltenden Grundgesetze, die zweifelsfrei bestimmen, was richtig und was falsch ist.

Das hat damit zu tun, dass die Bewertung ökonomischer Analysen immer von der Perspektive des Beobachters abhängig ist. Ein reifer Apfel fällt in Nord- und Südeuropa gleichermaßen vom Baum auf die Erde. Ob die Euro-Rettung gut oder schlecht ist, wird jedoch im Norden Europas völlig anders bewertet als im Süden. Das ist der Unterschied, der zeigt, dass Ökonomik eine Geistes- und Sozialwissenschaft ist. Entsprechend sind ihre Erkenntnisse nicht allgemeingültig, sondern was als gut und richtig beurteilt wird, unterscheidet sich von Ort zu Ort und von Jahr zu Jahr.

Eine Expertenmeinung ist auch nur eine Meinung

Wenn Professoren den Elfenbeinturm verlassen und beginnen, Politik zu machen, was – wie bereits gesagt – durchaus zu ihren Aufgaben gehört, dann ist ihre Meinung nicht mehr und nicht weniger wert als jene aller anderen. Ihr Expertenwissen hilft hier nur soweit weiter, dass sie mit ihren Argumenten stärker überzeugen mögen oder dass die Bevölkerung ihrem Urteilsvermögen eher vertraut.

Dann aber darf der Professorentitel keine Rolle spielen. Denn er wurde nicht wegen besonderer Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit oder Überzeugungskraft verliehen. Er ist das Ergebnis akademischer Forschungsleistungen, die durchaus richtigerweise nicht etwa von Außenstehenden, der Öffentlichkeit oder gar der Politik beurteilt werden, sondern von einem kleinen inneren Fachzirkel. Von da her gesehen, gehört das Werben mit dem Professorentitel in den Elfenbeinturm und nicht in die Öffentlichkeit. Er sagt rein gar nichts darüber aus, ob eine Meinung (beziehungsweise deren Bewertung) besser oder schlechter als jene anderer Menschen ist.

Je mehr desto wahr

Und damit zum zweiten Punkt. Die Initiatoren werben mit der Quantität. Dass mehr als 200 Professoren unterschrieben haben, wird als besonderes Merkmal herausgestrichen. Soll damit suggeriert werden, dass die Argumente umso richtiger werden, je größer die Zahl der Unterstützer ist? Haben Wissenschaft und Erkenntnisgewinn etwas mit Quantität zu tun? Ist eine (Lehr-)Meinung "wahr", nur weil sie von allen akzeptiert wird?

Wo würde die Menschheit heute stehen, wenn sich die Sicht durchgesetzt hätte, dass wissenschaftliche Debatten per Mehrheitsbeschluss entschieden werden! Wenn die Maße der Unterstützung als Maßstab für die Qualität eines Arguments verstanden wird, dann verlassen Ökonomen das Spielfeld der Wissenschaft und betreten den Boden der Politik. Das können, sollen und müssen sie tun. Aber dann sollten sie den Professorentitel nicht als Werbemittel nutzen.

Von Thomas Straubhaar
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