Xing-Bilanz Im Nebel der Visionen


Erstmals hat Xing, formerly known as Open BC, eine Bilanzpressekonferenz abgehalten. Die Zahlen, die Gründer Lars Hinrichs präsentierte, waren wenig erbaulich: Allein im zweiten Halbjahr 2006 fielen 1,5 Millionen Euro Miese an. Dafür malte Hinrichs die Zukunft umso rosiger aus.
Von Mathias Schlosser

Wörter wie "Virales Marketing", "virales Wachstum" und "virale Effekte" gehören zu den Lieblingsbegriffen von Lars Hinrichs. Auf die Tugenden der kleinen Krankheitserreger lässt der 30-Jährige nichts kommen. Sie erreichen fast jeden, vermehren sich explosionsartig und verbreiten sich wie von selbst. So soll es auch mit den Mitgliedern der Internet-Business-Plattform "Xing" sein, die Lars Hinrichs im Dezember 2006 als "Open Business Club AG" an die Börse gebracht hat. Bei "Xing" kann jeder, der in irgendeiner Form Geschäfte betreibt oder einen Job sucht, kostenlos ein Profil anlegen und die Plattform als Kontaktbörse nutzen. Fast 1,7 Millionen Menschen haben das bis zum Jahresende 2006 getan. 221.000 zahlen 5,95 Euro pro Monat extra für die Premium-Mitgliedschaft und dürfen dafür zahlreiche Zusatzangebote nutzen.

Lars Hinrichs sieht sich als Vorreiter des Web 2.0. Auf den Börsengang ist er mächtig stolz, auch wenn der Kurs mit aktuell 31 Euro um den Ausgabekurs von 30 Euro herum dümpelt. "Ein Kurs ist immer fair", schwadronierte er bei der ersten Bilanzpressekonferenz des Unternehmens am heutigen Donnerstag in Frankfurt. Das klang wie auswendig gelernt. Und statt einer echten Einschätzung legte der Held vieler "Netzwerker" lieber Blumiges nach: "Wir haben nach dem nuklearen Winter im Internet einen echten Börsenwert geschaffen."

Fehlbetrag von 1,5 Millionen Euro

Der Börsengang kostete allerdings erst einmal viel Geld; laut Geschäftsbericht mehr als 2,3 Millionen Euro. So etwas drückt bei einem Gesamtumsatz von 6,377 Millionen Euro im so genannten Rumpfgeschäftsjahr 2006 (1.7. - 31.12.2006) natürlich auf das Ergebnis: Unterm Strich steht in der Gewinn- und Verlustrechnung ein Fehlbetrag von 1,566 Millionen Euro. Lars Hinrichs und Finanzvorstand Eoghan Jennings wurden bei der Vorstellung der Zahlen aber nicht müde zu erläutern, dass man ohne den Börsengang selbstverständlich Gewinn gemacht hätte.

Und da haben sie Recht. "Xing" oder "OpenBC" - wie es früher hieß - ist eine profitable Angelegenheit: Die 221.000 Mitglieder zahlen ihre 5,95 Euro brav per Vorkasse. Weil pro Monat etwa 10.000 neue Premium-Mitglieder hinzukommen, freut sich Kassenwart Eoghan Jennings darüber, dass er viel Geld sieht, bevor Xing eine Leistung erbringen muss. Die variablen Kosten schlucken gerade einmal 22 Prozent des Umsatz und der Börsengang spülte einen Nettoerlös von 37,3 Millionen Euro in die Firmenkasse. Was will man mehr?

Shoppingtour durch Europa

Wachstum! Mit dem vielen Geld von der Börse will Xing auf Einkaufstour gehen. Anfang dieser Woche kaufte Lars Hinrichs die spanische Plattform "eConozco" mit 150.000 Mitgliedern, von denen allerdings kein einziges für die Leistungen bezahlt. Weitere Deals in Europa und Übersee sollen in Kürze folgen.

Der Optimismus in der Firmenzentrale am Hamburger Gänsemarkt kennt kaum Grenzen: "Eine Verdopplung des Umsatzes in 2007 ist absolut realistisch", prahlte "Xing"-Gründer Hinrichs bei der Pressekonferenz. 800.000 neue zahlende Mitglieder will er "in den nächsten Jahren" gewinnen oder durch Übernahmen einkaufen. Die Antwort, was er mit "nächsten Jahren" genau meint, blieb er jedoch trotz zahlreicher Nachfragen schuldig.

Hinrichs verschweigt konkrete Zahlen

Überhaupt verschwamm bei der Bilanzpressekonferenz vieles im Nebel der Visionen. Da schwärmte Lars Hinrichs von der "rasanten Entwicklung in Peking", konnte aber keine konkreten Zahlen nennen. Da redete er von neuen, profitablen Diensten, musste dann aber eingestehen, dass diese noch nicht einmal getestet sind. Da feierte er den Zukauf in Spanien, wollte aber partout den Kaufpreis nicht verraten.

Die Bewertung von "Xing" und der Aktie der "Open Business Club AG" bleibt auch nach dem ersten Schaulaufen als Börsengesellschaft eine Glaubensfrage. Entwickelt sich die Plattform zu einer Marke wie Google oder landet sie im Mülleimer der Marktwirtschaft, in den Firmen wie BenQ ihre freigestellten Mitarbeiter als so genannte "Alumnis" entlassen? Ist der Börsenwert von rund 150 Millionen Euro angemessen oder handelt es sich bei dem Unternehmen nur um eine mittlere Internetfirma?. Und schließlich: Glaubt man an einen Kurs von 42 Euro? Oder vielleicht doch nur 17 Euro?


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