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Gesundheitssystem: Rechnung folgt!

Mit so genannten IGel-Angeboten machen viele Ärzte Kasse. Die Therapien sind oft wirkungslos - und die Patienten müssen sie selbst bezahlen.

Patienten, die zu Dr. med. Rainer Spichalsky zum "Check-up in der Früh" kommen, wird nicht nur ein Frühstück serviert - in der neuen Praxis des Allgemeinmediziners in Friedberg gibt es noch etliche Extras. Zum Beispiel die üppigen Angebotsmappen von Spichalsky und seinen drei Kollegen: Im Leistungskatalog stehen mehr als 50 Heilofferten. Alles, was irgendwie gesünder machen soll: von der Aufbauinfusion bis hin zur Modetherapie Kinesiology.

"Wer als Arzt nicht unternehmerisch denkt, wird keine Überlebenschance haben", sagt der Doktor und verweist auf seinen finanziellen Erfolg. 3.000 Kassen- und 1.000 Privatpatienten strömen pro Quartal in seine "kundenorientierte Dienstleistungs-Praxis" und den angegliederten Gesundheitsladen voller Tees, Vitamine und Fischölkapseln. Seinen Stundenlohn beziffert er auf 180 Euro, seine leitenden Arzthelferinnen fahren Dienstwagen. Der Geschäftssinn des Medizinmannes wurde jetzt mit einem Siegerpreis im "Ärztezeitungs"-Wettbewerb "Deutschlands beste IGel-Praxen" honoriert.

IGel sind "Individuelle Gesundheitsleistungen", die jeder Praxiskunde selbst bezahlen muss. Die Krankenkassen übernehmen nur, was "medizinisch sinnvoll, notwendig, ausreichend und wirtschaftlich" ist. Viele Doktoren wollen sich damit nicht zufrieden geben und suchen nach Zusatzeinkommen. Sie pilgern zuhauf zu Spichalsky, um auch Behandeln gegen Bares zu lernen.

Mit IGeln haben niedergelassene Ärzte im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Euro zusätzlich erwirtschaftet, schätzen Branchenexperten. 30.000 bis 50.000 Euro pro Praxis extra seien jährlich drin - routinierte IGel-Verkäufer schaffen gut das Doppelte. Wie Uwe Tippmar, Facharzt für Innere Medizin aus Wesendorf, der auf einem Verkaufskongress in Bad Homburg mit seinem IGel-Jahresumsatz von 132.660 Euro prahlte. Tippmars Gewinnmaximierung begann bescheiden mit Diätberatung. Inzwischen betreibt er ein Vital-Center mit Verkaufsausstellung, propagiert sein eigenes Schlankheitsprogramm und bietet Anti-Aging-Beratung an.

Nicht jedem Arzt fällt es leicht, mit den Patienten beim Magenabtasten über Moneten zu reden. Über diese Hemmschwelle helfen IGel-Kongresse hinweg. "Raus aus der Ethikfalle", "Beauty und Wellness für den Hausarzt" oder "Leichter IGeln bei erektiler Dysfunktion" heißen die Themen für das "neue Praxismarketing mit System". Pharmawerber, Praxis-Coaches, Abrechnungsexperten und Zeitmanager weisen dort den versammelten Ärzten den Weg in die Welt der Selbstzahlermedizin. Die reine Behandlung auf Kassenkarte gilt in diesen Kreisen nur noch als "solidarische Wohltätigkeitsveranstaltung".

In angegliederten Verkaufsausstellungen wird für IGel-Seminare geworben: "Anti-Aging: heute gelernt, morgen angewendet". Oder "Thymus-Therapie, ein idealer Einsteiger-IGel". Weil "Wartezeit auch Werbezeit" ist, sollen die Patienten bereits im Wartezimmer mit Videos und TV-Spots animiert werden. Labore, die danach beim Diagnostizieren von Hormondefiziten, Stressschäden, allgemeiner Lustlosigkeit oder Haarausfall mit dem Arzt gemeinsam Kasse machen wollen, ködern wiederum die Mediziner: Nach Abrechnung der Laborkosten seien - beispielsweise beim Basis-Check - "noch mehr als 40 Euro für Sie" drin.

Medwell, eine Serviceagentur "für innovatives IGeln", trainiert seit Jahren Doktoren aufs Abkassieren. Erfunden wurden die Zusatzleistungen 1998 von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, um den Ärzten nach der Gesundheitsreform des damaligen Ministers Horst Seehofer (CSU) ein Schlupfloch für Zusatzeinnahmen zu öffnen. Seine derzeitige Nachfolgerin im Amt, Ulla Schmidt (SPD), hält das zunehmende IGeln für "eine Unsitte", der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses Klaus Kirschner für "üble Abzockerei".

"Die meisten IGel sind schlicht überflüssig", urteilt Professor Jürgen Windeler vom Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen. "Die Kassen zahlen sie nicht, weil der Nutzen nicht wissenschaftlich erwiesen ist." Wie Störfeldmessung des Körpers oder eine Bioresonanztherapie, bei der angeblich negative Körperschwingungen in harmonische umgewandelt werden. "Diagnoserituale auf Schamanenniveau", sagt Ellis Huber, Ex-Präsident der Berliner Ärztekammer. Die Stiftung Warentest stuft in ihrem neuen Sonderheft "Gesundheit" einen Großteil der IGel als "umstritten" und "nicht geeignet" ein.

Doch schon wegen der hohen Kosten - für manche IGel-Früherkennungstests sind bis zu 300 Euro fällig - glauben viele Patienten an die Wirkung obskurer Therapien. Die kostenlosen Präventionsangebote der Kassen - Vorsorgeuntersuchungen, Ernährungsberatung oder Bewegungstraining - nehmen hingegen nur 0,5 Prozent der Versicherten wahr.

Dabei kann man beim IGeln an den Nebenwirkungen erkranken, warnt Professor Windeler. Sauerstofftherapien, bei denen Eigenblut entnommen, bearbeitet und wieder eingespritzt wird, haben schon zu Hepatitisinfektionen und Embolien geführt. Und Hormonpräparate, die Gynäkologen und Anti-Aging-Doktoren gern verordnen, können Tumorrisiken erhöhen.

Inzwischen ist das Angebot so unübersichtlich, dass "kaum einer da noch durchblickt", klagt Thomas Isenberg vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Es gibt keine neutrale Bewertungsinstanz wie den TÜV für die Qualität von IGel-Leistungen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung äußert sich "grundsätzlich nicht mehr zu dem Thema", offensichtlich um das Geschäft der Kollegen nicht zu stören. Den Patienten bleibt nur eine Rückfrage bei ihrer Kasse.

Oft lohnt sich das, denn clevere Ärzte verkaufen auch Kassenleistungen als IGel. Wie die Glaukom-Augen-Untersuchung, die in begründeten Fällen von AOK & Co. übernommen wird. "Patienten müssen lernen, auch mal nein zu sagen", meint Verbraucherschützer Isenberg.

Das jedoch wird immer schwerer, denn Deutschlands Doktoren lassen sich neuerdings durch Kommunikationstrainer schulen. Auf "verkaufsunterstützende Wohlfühlfaktoren" setzt etwa die medizinisch erfahrene Diplompsychologin Andrea Schuhmacher aus Köln, die in Halbtagesseminaren zu 1.500 Euro lehrt, den Patienten als Kunden zu umgarnen, "sonst kauft er die Leistung woanders". Sie trainiert mit den Ärzten patientengerechte Verkaufskommunikation. Dabei werden - maßgeschneidert für jede Fachrichtung - Nutzargumente für IGel gepaukt. Die "Gelenkschmiere" Hyaluronsäure etwa preisen Orthopäden mit dem Versprechen an: "Damit können Sie wieder schmerzlos Fahrrad fahren, Tennis spielen oder joggen."

Damit die Mediziner ihre neue Therapie nicht vergessen, bekommt jeder ein Skript als Drehbuch für das gesamte Praxisteam mit. Denn mit verteilten Rollen sollen Arzt und Angestellte gemeinsam auf die Geldbeutel der Patienten zielen. Die Helferin am Empfangstresen wirft die ersten Köder aus. Sie weist die Kunden freundlich auf Zusatzangebote "für Ihre Gesundheit" hin. Das macht sie umso lieber, wenn es dafür vom Praxischef Provision, Gutscheine oder gar einen Firmenwagen gibt.

Manchmal geht es auch ungenierter ans Portemonnaie. So schwätzte ein Essener Hausarzt einer 85-jährigen Krebspatientin wenige Wochen vor ihrem Tod noch eine obskure Thymuskur mit 15 Spritzen zu 750 Euro auf. Als er mit der siebten Spritze auftauchte, hatte ein Rettungswagen die Todkranke gerade ins Hospiz gebracht. "Aber diese Spritze muss ich Ihnen auf jeden Fall noch in Rechnung stellen", erklärte der Doktor den weinenden Angehörigen und entschwand im roten Cabrio.

Brigitte Zander / print