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Individuelle Gesundheitsleistungen: Vom Arzt abkassiert

Bei medizinischen Vorsorge-Untersuchungen werden Ärzte zu Verkäufern in eigener Sache. Nun beschweren sich Patienten immer öfter, weil sie sich zu Gesundheits-Checks genötigt fühlen. Dabei sind Tests und Behandlungen oft nutzlos - oder sogar schädlich.

Von Inga Niermann

18 Millionen Kassenpatienten werden inzwischen laut einer Umfrage bei einem Arztbesuch Zusatzleistungen angeboten

18 Millionen Kassenpatienten werden inzwischen laut einer Umfrage bei einem Arztbesuch Zusatzleistungen angeboten

Rita K., 39, aus Hamburg traute ihren Ohren nicht, als sie zur jährlichen Krebsvorsorge bei ihrer neuen Frauenärztin saß: Sie müsse dringend mehr für die Brustkrebsvorsorge tun, mahnte die Gynäkologin. Ein Ultraschall der Brust wäre das Mindeste, besser aber noch eine Mammografie. Die Untersuchungen werden für Rita K. nicht von der Kasse übernommen. Einen Befund hatte die Ärztin nicht. Auf Rita K.s Einwand, dass sie diese Checks selbst zahlen müsste, ohne recht zu wissen, wofür sie gut sein sollen, entgegnete die Ärztin kühl: "Jüngere Frauen bekommen eher einen aggressiven Brustkrebs. Aber Sie müssen ja wissen, was Ihnen ihre Gesundheit wert ist."

"Der Doc will es so"

Rainer T. ging es beim Augenarzt ähnlich: Bevor er ihn überhaupt zu Gesicht bekam, verlangte das Praxispersonal eine Augendruckmessung. Auf Nachfrage von Rainer T., warum die Untersuchung gemacht werden müsse, bekam er nur die knappe Antwort: "Der Doc will es so. Sonst kommen sie nicht dran."

"Fälle wie diese kommen uns immer wieder zu Ohren", sagt Ruth Greiner von der Verbraucherzentrale Hamburg: Individuelle Gesundheitsleistungen (kurz IGeL), die nicht von der Krankenkasse bezahlt werden, werden Patienten beim Praxisbesuch regelrecht aufgedrängt. Immer wieder schüren Ärzte bei Patienten Ängste vor Erkrankungen, die es rechtzeitig zu entdecken gilt. Oder sie machen die zusätzliche Untersuchung auf Privatkosten sogar gleich zur Voraussetzung für eine Behandlung. So mancher IGeL-Verweigerer musste sich schon einen neuen Arzt suchen.

Das Geschäft der Zusatzbehandlungen floriert

18 Millionen Kassenpatienten werden inzwischen laut einer Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) bei einem Arztbesuch Zusatzleistungen gegen private Rechnung angeboten, also jedem Vierten. Am häufigsten bieten Praxen Ultraschalluntersuchungen, Messungen des Augeninnendrucks zur Glaukom-Vorsorge und Tests zur ergänzenden Krebsfrüherkennung an. Das Geschäft floriert prächtig: Dem WIdO zufolge werden jährlich eine Milliarde Euro mit Zusatzleistungen ohne zahnärztliche Leistungen umgesetzt.

Wie viel verschiedene IGeL-Angebote es inzwischen gibt, vermag kaum noch jemand zu überblicken. "Die erste Liste von 1998 bestand aus 70 Leistungen. Heute ist eine solche Liste nicht mehr zu führen", sagt Klaus Zok vom WIdO. "Die Bandbreite an Möglichkeiten pro Facharzt füllen mittlerweile Bücher." Und sie richten sich vor allem an gesunde Menschen: Von Anti-Aging-Checks für Sie und Ihn, über die Messung des Antioxidantien-Status, durch den der Anteil der Substanzen zum Zellschutz im Körper bestimmt wird, Stuhltests für Tumorstoffwechselprodukte und Untersuchungen zur allgemeinen Immunabwehr bis hin zur Erstellung von Stress-Profilen ist alles möglich.

Größtes Objekt der Begierde: die schwangere Frau

Frauenärzte, Hausärzte und Orthopäden igeln besonders fleißig. Größtes Objekt der Begierde ist aber die schwangere Frau: Neben zusätzlichen Ultraschalluntersuchungen bieten Frauenärzte oft eine Vielzahl von Vorsorgeuntersuchungen an. Zum Beispiel einen Ringelröteln-Test oder einen Windpocken-Test, "wenn sie bei Kontakt keine Angst haben wollen", wie es eine Arztpraxis auf ihrer Onlineseite formuliert. Neben medizinischer Vorsorge gibt es also inzwischen auch die vorsorgliche Angstvermeidung.

Ärzte und IGel: Vom Beratungs- zum Verkaufsgespräch

Ärzte und IGel: Vom Beratungs- zum Verkaufsgespräch

Für Ingrid Mühlhauser, Professorin der Fachrichtung Gesundheit an der Universität Hamburg sind die IGeL-Angebote pure Abzocke: "Es gibt überhaupt keine notwendigen IGeL-Leistungen. Wenn ihr Nutzen durch Studien belegt wäre, würden sie von den Krankenkassen bezahlt werden. Die wissenschaftliche Grundlage für die angebotenen Leistungen fehlt", kritisiert die Medizinerin. "Die Menschen denken, sie tun sich mit diesen zusätzlichen Untersuchungen und Behandlungen etwas Gutes. Das ist aber leider ein Irrtum."

Viele Tests sind überflüssig

Den gleichen Standpunkt vertritt auch der Medizinjournalist und Buchautor Klaus Koch. "Es gibt keine Früherkennungsuntersuchung, die wirklich notwendig ist und privat gezahlt werden muss. Das Typische an einer IGeL-Leistung ist aber, dass ihr Nutzen nicht bewiesen ist. Damit ist unklar, ob sie etwas taugt."

Koch, der vor allem über Krebsvorsorge publiziert hat, kennt viele Beispiele: Etwa die erweiterte Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs durch eine verbesserte Abstrichtechnik: Den so genannten Thin-Prep-Test für rund 50 Euro bieten viele Gynäkologen an. Koch hält diesen Test jedoch für überflüssig: "Diese Variante ist kaum besser als der herkömmliche Zellabstrich in der Gebärmutterwand, den die Kassen zahlen. Die Ausgabe lohnt sich also nicht."

Test können zu falschen Befunden führen

Auch bessere Heilungschancen bei Prostatakrebs durch den PSA-Test zur Früherkennung für rund 25 Euro sieht er nicht. Der Nutzen des umstrittenen Tests wird derzeit noch erforscht. "Ohne diesen Nachweis ist der Test höchst fragwürdig", so Koch. Viele Männer trügen harmlose Veränderungen in der Prostata, die aber wie bösartiger Krebs aussehen.

Solche Tests zur Krebsvorsorge können sogar zu falschen Befunden und unbegründeten Verdachtsmomenten führen, die dem Patienten schaden. Der PSA-Test, der bereits fleißig angewendet wird, führt beispielsweise immer wieder dazu, dass Tumore gefunden werden, von denen die Männer ansonsten nie etwas erfahren hätten. "Solche Überdiagnosen haben dann trotzdem Prostataoperationen und andere komplikationsreiche Behandlungen zur Folge, von denen die Männer dann keinen Nutzen haben", kritisiert Koch.

Hoch konzentrierte Vitamine sind oft ungesund

Gerade Ultraschalluntersuchungen bei Schwangeren enden zu häufig mit Fehldiagnosen, mahnt auch Mühlhauser: "Wie viele werdende Mütter mussten sich schon fälschlicherweise anhören, dass ihr Ungeborenes möglicherweise eine Missbildung hat." Zugleich können Tests auch das genaue Gegenteil von Prävention bewirken: Zum Beispiel dann, wenn starke Raucher für eine Lungenkrebs-Früherkennung einen Sputum-Test, einen Labortest mit Sekret aus den Bronchien, machen lassen, der dann unauffällig ist. Die Getesteten könnten sich in einer trügerischen Sicherheit wiegen und munter weiterqualmen.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass gut gemeinte Vorsorge auch vollkommen falsch sein kann, sind hoch konzentrierte Vitamine. Eine Zeit lang wurde Rauchern das Vitamin Betakarotin als Schutz vor Lungenkrebs empfohlen, was sich dann als sehr schädlich für sie erwies: Sie erkrankten sogar häufiger an Lungenkrebs. Inzwischen wurde durch Studien bewiesen, dass auch Vitamin E in hoher Dosierung die Sterblichkeit steigert, anstatt sie zu senken.

Aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen ist viel rausgefallen

Selbst der Deutsche Ärztetag mahnt inzwischen zum verantwortungsvollen Umgang mit IGel-Leistungen. Bei seinem letzten Treffen beschloss das Gremium Empfehlungen zum Umgang mit IGeL. Jegliche Beratung über individuelle Gesundheitsleistungen müsse so erfolgen, dass die Patienten nicht verunsichert oder gar verängstigt würden, hieß es.

Zugleich wies der Deutsche Ärztetag aber auch darauf hin, dass es Ärzten erlaubt sein müsse, insoweit auch ökonomisch zu handeln, "um ihre freiberufliche Tätigkeit und Existenz zu sichern." Das ist berechtigt, stammt die IGeL-Idee doch vom Gesetzgeber, der den Niedergelassenen angesichts von Honorar- und Budgetkürzungen eine zusätzliche Einnahmequelle verschaffen wollte. Doch aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen ist in den vergangenen Jahren weit weniger heraus gefallen, als vielleicht noch in den neunziger Jahren zu erwarten gewesen wäre.

Ein Geschäft mit der Angst

"Es ist ein Geschäft mit der Angst geworden, und die Ärzte treiben das mit voran", räumt der Allgemeinmediziner Eckhard Schreiber-Weber aus ein. Schreiber-Weber bietet als IGeL-Leistungen vor allem Naturheilverfahren an. "Meine Patienten kennen das Problem der Finanzierung ohnehin, deshalb habe ich damit vielleicht weniger Probleme als Kollegen, die vor allem Labor- und Ultraschalluntersuchungen anbieten."

Der verantwortungsvolle Umgang mit Gesundheitsleistungen wird von den Ärzten so frei ausgelegt, dass sich nach den Verbraucherzentralen nun auch die Barmer Ersatzkasse gezwungen sah, etwas zu unternehmen. Bei den Versicherten gebe es einen "hohen Klärungsbedarf bezüglich IGeL-Leistungen", sagt Barmer-Sprecher Axel Wunsch. Die Barmer hat eine Liste mit gängigen IGel-Leistungen auf ihre Onlineseite gestellt und sie bewertet: Die Glaukom-Früherkennung per Messung des Augeninnendrucks, die Knochendichtemessung zu Früherkennung von Osteoporose bei gesunden Patienten, zusätzliche Ultraschalls bei Schwangeren und Hautkrebs-Screenings über den herkömmlichen, von den Kassen finanzierten Vorsorge-Check hinaus, werden mit "nicht sinnvoll", "nicht notwendig" oder "Vorteile nicht erkennbar" bewertet.

Patienten werden nicht über die Kosten informiert

Die Klagen der Versicherten beziehen sich aber nicht nur auf die Vorsorgeleistungen, sondern auch auf die Art der geschäftlichen Abwicklung: Patienten werden nicht vorher darüber informiert, was sie die IGeL-Behandlung kosten wird. Der Behandlung liegt vielerorts auch keine schriftliche Vereinbarung zugrunde, und nach der Untersuchung warten viele Patienten vergeblich auf ihre Rechnung.

Es sind aber nicht nur die niedergelassenen Ärzte allein, die mit Selbstzahler-Leistungen für Verwirrung und Verunsicherung bei Patienten sorgen. Manche Kliniken wollen auch durch Angebote zusätzlicher Vorsorgeleistungen kräftig mitverdienen. Wem es seine Gesundheit wert ist, kann für einen kompletten Körper-Check in manchen Kliniken zwei bis drei tausend Euro investieren.

Nicht jede Kasse grenzt sich fragwürdigen Angeboten ab

Zudem gelingt es auch nicht jeder Krankenkasse, sich von Angeboten deutlich abzugrenzen, deren Nutzen zumindest fraglich sind. Die BKK arbeitet beispielsweise mit der Online-Plattform gesundheitswelt-direkt.de zusammen, die sämtliche Dienstleistungen und Produkte des zweiten Gesundheitsmarktes anbietet. Betrieben wird die Onlineseite von ehemaligen Mitarbeitern der Deutschen BKK.

Die Leistung der BKK besteht darin, dass sie Sonderkonditionen ausgehandelt und unter zahlreichen Angeboten eine qualitative Vorauswahl für ihre Versicherten getroffen hat. Auch auf diesen Seiten finden sich medizinische Vorsorge-Checks in einer Privatklinik für 400 bis 1100 Euro. Wer sich trotz alledem gerne einmal vom Arzt untersuchen lassen möchte, aber keine Beschwerden hat, sollte die kostenlosen Gesundheitschecks der Kassen in Anspruch nehmen, rät Schreiber-Weber: "Wenn Sie zum Arzt gehen und Beschwerden haben, dann muss er sie auf Kassenkosten gründlich durchchecken."

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