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IGeL: Wenn die Arztpraxis zum Basar wird

Die Deutschen sind gesünder, als es vielen Ärzten lieb ist, denn Gesunde bringen kein Geld. Es sei denn, man schürt die Angst vor Krankheiten. In raffinierten Verkaufsschulungen lernen Mediziner, wie sie gesunden Patienten lukrative "Individuelle Gesundheits-Leistungen" (IGeL) aufdrängen.

Von Brigitte Zander

Ärzte versuchen in einer Art "Verkaufsgespräch" ihren Patienten immer öfter so genannte IGeL, "Individuelle Gesundheits-Leistungen", aufzuschwatzen

Ärzte versuchen in einer Art "Verkaufsgespräch" ihren Patienten immer öfter so genannte IGeL, "Individuelle Gesundheits-Leistungen", aufzuschwatzen

Wenn eine 50jährige Patientin demnächst ihren Hausarzt wegen einer Erkältung aufsucht, kann es passieren, dass er sie vor einer drohenden Osteoporose (Knochenschwund) warnt: "In Ihrem Alter sollte man einen Schnell-Check durchführen". Das zahlt zwar die Kasse nicht, aber...". Die verschreckte Patientin geht nicht nur mit einem Grippe-Rezept, sondern auch mit einer zweistelligen Laborrechnung nachhause.

Männliche Patienten ab Mitte Dreißig müssen damit rechnen, dass ihr Arzt plötzlich mit besorgtem Blick von einem möglichen späteren Herzinfarkt spricht und vorbeugend einen PROCAM-Check empfiehlt. Mit einem solchen Labortest lässt sich angeblich ermitteln, wie hoch das Risiko ist, in den nächsten zehn Jahren einen Herzinfarkt zu erleiden. Für den Blick in die Zukunft stellt der Mann in Weiß 70 Euro Laborkosten plus Beratungshonorar in Rechnung. Geschäftstüchtige Mediziner verkaufen auch gleich eine Nierenprüfung per Urin-Teststreifen zu 23 Euro dazu.

Vorsicht IGeL!

Lassen Sie sich nicht verschrecken, wenn Sie beim nächsten Arztbesuch mit ähnlich kostspieliger Gefahrenforschung konfrontiert werden. Sie sind nicht kränker geworden. Der Heiler hat nur eine neue IGeL-Schulung absolviert, oder die Fallbeispiele für geschicktes Verkaufen in den jüngsten Ausgaben der Fachblättern "Igel aktuell" und "Igel plus" studiert. IGeL sind "Individuelle Gesundheits-Leistungen", die der Patient selbst berappen muss. Zwar zahlen die gesetzlichen Kassen alles, was medizinisch notwendig, sinnvoll und wirtschaftlich ist. Für Wellness-Behandlungen wie Vitamin-Aufbauspritzen, Laktat-Tests für Jogger, Lichttherapien gegen saisonale Depressionen, oder chinesisches Yin-Yang ist die Solidargemeinschaft der Kassenversicherten nicht zuständig. Um ihr Einkommen aufzustocken, bieten viele niedergelassene Ärzte ihren Kunden vermehrt zusätzliche Diagnosen, Präparate und Therapien an. In immer raffinierteren Verkaufsschulungen lernen sie, wie man auch Gesunde lukrativ behandelt.

Kommerzfreudige Mediziner auf der Suche nach mehr Verdienst

Seit Gesundheitsreformen die Ausgaben deckeln, fahnden Medizin-Manager nach Marktnischen, um das karge Kassenhonorar durch Nebeneinkünfte aufzubessern. In diesem Jahr feierte die IGeL-Branche das zehnjährige Jubiläum der Geldbeutel-Medikation. Der IGe-Leistungs-Katalog umfasst inzwischen rund 330 Offerten, vom Gedächtnis-Check über Ozon-Therapie bis zu Schönheitseingriffe. Jedes Jahr werden mithilfe der Pharmakonzerne neue innovative IGeL-Ideen kreiert und auf Kongressen oder durch Anzeigen in Medizinerkreisen propagiert. 2007 liegt der Schwerpunkt der kommerzfreudigen Doktoren bei Präventions-Angeboten. Patienten sollen vermehrt animiert werden, eventuell mögliche Erkrankungen Jahrzehnte zuvor zu erkennen. Oder durch viele teure Labor-Ausschluss-Tests die Sicherheit zu gewinnen, gegen dieses und jenes Unbill gefeit zu sein. Der Umsatz mit solchen Individuellen Gesundheits-Leistungen, die irgendwie gesünder machen sollen, betrug im vergangenen Jahr eine Milliarde Euro. In vielen Praxen liegt der IGeL-Anteil am Gesamtgeschäft bei zehn bis 20 Prozent. Tendenz steigend.

Aufgedrängt und Abgezockt

Praxisbesucher merken, dass der Druck wächst. Jeder vierte GKV-Patient hat im vergangenen Jahr Zusatzdiagnosen und -therapien gegen Bares angeboten bekommen, meldet das Wissenschaftliche Institut der AOK. Ähnliches stellte auch die Gmünder Ersatzkasse GEK kürzlich bei einer Umfrage unter 200 Versicherten fest. Den GEK-Mitgliedern wurden 345-mal beim Arzt und 201-mal beim Zahnarzt IGeL angepriesen. "Aufgedrängt", meinen manche Patienten. Die geforderten Preise lagen zwischen 40 bis 150 Éuro.

Die bevorzugte Zielgruppe sind nach AOK-Erkenntnissen Versicherte mit über 3000 Euro Monatsnettoeinkommen und besserer Schulbildung. Doch die Kommerz-Ärzte unterbreiteten auch knapp 15 Prozent der ärmeren Kranken mit einem Haushaltseinkommen unter 1000 Euro ihre kostenpflichtigen Wohlfühl-Offerten. Wer sich die von einem "Gott in Weiß" empfohlenen Gesundheitsmittel nicht leisten kann, lebt wohl künftig mit einem schlechten Gewissen.

Gynäkologen gelten als Spitzenverkäufer

Als Spitzenverkäufer unter den Igel-Ärzten gelten die Gynäkologen. 34,5 Prozent der AOK-Patientinnen wurde beim Frauenarzt kostenpflichtige Zusatztherapien unterbreitet. Ein neuer IGeL-Schlager ist die DNA-basierte Präventionsdiagnostik für Babys. Dabei wird ein Abstrich der Mundschleimhaut des Säuglings untersucht. Für 150 bis 200 Euro prophezeit der Arzt daraus die Gesundheitsrisiken des Kleinen. Auch für die Mütter ab 35 haben Frauenärzte lukrative DNA-Diagnostik parat. Die neuen IGeL-Lehrhefte propagieren einen Gentest zur späteren Osteoporose-Gefahr in der Menopause. Für 135 Euro Labortest plus Beratungshonorar des vorsorglichen Mediziners erfahren die Patientinnen, dass sie vielleicht in 20 bis 30 Jahren zu brüchigen Knochen neigen.

Die IGeL-Branche publizierte jetzt ihre neueste Hit-Liste für verschiedene Facharzt-Gruppen. Orthopäden beispielsweise schätzen nach diesen Markt-Untersuchungen vor allem Magnetfeld-Therapie gegen Arthrose sowie Injektionen mit der Gelenkschmiere Hyaluronsäure. Neurologen igeln mit Demenz-Checks, Licht- und Bioresonanztherapien. Dabei werden angeblich negative Körperschwingungen in harmonische umgewandelt. Urologen verdienen an Mitteln zur Potenzverbesserung und PSA-Tests, den umstrittenen Untersuchungen auf Prostatakrebs.

Manche Praxen gleichen Bazaren

Geschäftstüchtige Dermatologen sehen eine rosige Zukunft in kosmetischen Angeboten und entwickeln sich immer mehr zu Glamour-Docs. Sie unterspritzen Falten, lasern Akne oder Altersflecken, und bieten Peelings für die alternde Haut an. Und Hausärzte sehen nach einer Umfrage der Fachzeitschrift "Igel plus" gute Einkommenschancen mit Aufbau- und Vitaminkuren, Akupunktur, sowie Eigenblut¬therapie.

Manche Praxen gleichen inzwischen Bazaren. Werbefilme, Flyer, Broschüren, Plakate und Ausstellungskästen preisen den Menschen im Wartezimmer die diversen Sonderangebote ihres Doktors an. Was die wenigsten Patienten wissen: Das gesamte Praxisteam ist systematisch auf Verkauf gedrillt. In speziellen IGeL-Schulungen werden Skripts für Verkaufsgespräche geübt, damit sich alle Praxishelferinnen einheitlich lobend äußern. Weil sich manche Ärzte genieren, beim Magenabtasten über Moneten zu reden, empfehlen Kommunikationstrainer arbeitsteilige Gesprächsvarianten: Der Herr Doktor informiert über die medizinischen Aspekte, seine Damen an der Rezeption über den Preis. Zwar verbietet die ärztliche Standesordnung den Verkauf von Präparaten. Aber kein Gesetz hindert die Medizinergattin daran, nebenan einen Gesundheitsladen oder ein Anti-Aging-Center mit all den empfohlenen Mitteln wie Vitamincocktails, Fischölkapseln, Tees und Appetithemmer zu betreiben.

Viele IGeL-Leistungen sind überflüssig

Kritiker wie der Verbraucherschützer Wolfgang Schuldzinski von der Verbraucherzentrale NRW halten die meisten solcher Zusatz-Angeboten entweder für "nicht zwingend erforderlich", für "schlicht überflüssigen" oder gar "medizinisch fragwürdig". "Bei dieser Igelei werden Patienten durch den Hinweis auf mögliche Krankheiten oft unnötig verängstigt, um ihnen dann zur Heilung unnötige Untersuchungen und Substanzen für teures Geld zu verkaufen", sagte Schuldzinski dem Stern.

Auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Michael Kochen, zählt zu den Skeptikern. Er hält die kommerzielle Vermarktung von Gesundheitsofferten für "ethisch bedenklich". Bei einer Prüfung des IGeL-Sortiments durch die Stiftung Warentest blieben nur wenige Angebote als brauchbar übrig.

Igelnde Ärzte treibt nicht die Sorge um die Allgemeingesundheit, sondern Gewinnstreben. "Weil es die finanzielle Zukunft der Arztpraxen ist." - Weil wir uns zusätzliche Einnahmequellen erschließen müssen". - "Weil die Ärztehonorare kontinuierlich in den Keller gehen." - "Weil IGeL zum Überleben der Praxis einfach notwendig sind", lauteten die Argumente bei der jüngsten Umfrage eines Branchenjournals. Nicht alle kostenpflichtigen Offerten sind schlecht. Im Sammelsurium der aus eigener Tasche zu zahlen Gesundsheitsangebote findet sich neben einer Menge Obskurem auch durchaus Sinnvolles. Wie zum Beispiel ausführliche Ernährungsberatung, Reiseimpfungen und -bera¬tungen, Raucherentwöhnung, Stressbe¬wältigungs-Therapien, oder individuelle Sportunter¬suchungen wie Flug- bzw. Tauch¬tauglichkeits¬prüfungen. Doch da es keinen TÜV für IGeL gibt, lassen sich Patienten allzu oft Überflüssiges andrehen.

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