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Policen: Das 1x1 der Lebensversicherungen

Die Renditen sinken, der Fiskus kassiert einen Teil des Gewinns - und dennoch sind die Policen für die meisten noch immer als Altersvorsorge unverzichtbar. Was man wissen sollte und worauf es beim Abschluss ankommt.

Wenn heute Eltern mit ihrer neugeborenen Tochter das erste Mal beim Kinderarzt sind, hat der meist eine gute Nachricht für Mama und Papa: Die Kleine wird 100 Jahre alt - zumindest im statistischen Durchschnitt.

Was die Eltern freut, ist für Stefan Hans "ein echtes Problem" - allerdings nur ein mathematisches. Seit mehr als 20 Jahren kalkuliert er Lebensversicherungen bei der Alten Leipziger in Oberursel bei Frankfurt. Ein Steckenpferd des Bereichsleiters für Mathematik und Produkte ist deswegen der Tod: Mit jedem Jahr, das er später kommt - und die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung steigt -, verändert sich die Kalkulation von Lebensversicherungen. Deswegen muss ständig neu gerechnet werden.

Im Herbst vergangenen Jahres erweckte mancher Experte den Eindruck, Mathematiker Hans könnte aufhören zu rechnen. War von Lebensversicherungen die Rede, klang es oft wie ein Nachruf - denn der Staat hatte beschlossen, Zinsgewinne aus Lebensversicherungen genauso zu behandeln wie die Erträge anderer Sparformen und darauf Steuern zu kassieren. Nur wer noch einen Vertrag bis spätestens 31. Dezember 2004 unter Dach und Fach gebracht hat, kassiert seine Auszahlung irgendwann steuerfrei. Von danach geschlossenen Verträgen wird der Fiskus am Ende der Sparzeit einen Abschlag verlangen. Den Steuerangriff, glaubten viele Experten, würde der Deutschen liebstes Vorsorgekind nicht überleben.

Dies umso mehr, als die Steuerdebatte zur Unzeit kam. Die Negativschlagzeilen über die Lebensversicherungen reißen nicht ab. Die Renditen fallen, viele Verträge erweisen sich für den Versicherer als schwer erfüllbar, mit der Mannheimer Versicherung wäre beinahe ein ganzes Unternehmen Pleite gegangen. "Die Leute sind stark verunsichert", sagt Rüdiger Falken, Versicherungsberater der Sozietät Falken, Sammer & Kollegen in Hamburg. "Einerseits wissen die Verbraucher, dass sie mehr privat vorsorgen müssen. Schließlich braucht man für zusätzliche Lebensjahre Geld. Andererseits bröckelten Gewinnbeteiligungen und der Garantiezins der Versicherungen immer weiter ab." Und dann auch noch die Steuer obendrauf. Zu viel des Schlechten?

Mitnichten. Die Lebensversicherung spielt auch mehr als 150 Jahre nach ihrer Erfindung noch eine zentrale Rolle für die Altersvorsorge der Deutschen. Derzeit gibt es über 90 Millionen Verträge bundesweit - und noch immer gilt: Diese Police sollte in keinem Haushalt fehlen.

Die Lebensversicherungen bilden eine gigantische Industrie, die überall dort einspringt, wo sich der Sozialstaat zurückzieht. Die Versicherer beschäftigen rund 75 000 Mitarbeiter. Sie kontrollieren ein Vermögen von über 600 Milliarden Euro, mehr als das Doppelte des jährlichen Bundeshaushaltes. Es ist ein Geschäft mit der Angst der Menschen und ihrem Bedürfnis nach Sicherheit. Ein Business, das wir hierzulande offenbar gut beherrschen: Deutsche Konzerne wie Allianz und Münchner Rück (Ergo-Verbund) zählen zu den Weltmarktführern. Allein bei den Lebensversicherern tummeln sich mehr als 100 Anbieter.

Ihr Angebot ist auch deshalb so verlockend, weil es so einfach ist: Man zahlt regelmäßig etwas ein, und zu einem verabredeten Zeitpunkt bekommt man etwas heraus, entweder als Gesamtsumme oder monatlich als Rente bis ans Lebensende. Mit Zins und Zinseszins, versteht sich. Das hört sich gut an, logisch und überschaubar. Und: Das ist es auch größtenteils. Einzig mit der Überschaubarkeit hapert es - niemand vermag nämlich präzise vorherzusagen, wie viel Geld am Ende ausgezahlt wird, wie hoch der Zins also wirklich sein wird. Das liegt daran, dass Lebensversicherungen auf den zweiten Blick eine höchst komplizierte Rechenaufgabe sind.

Drei Dinge, die im Fachjargon Risiken genannt werden, müssen in die Kalkulation einbezogen werden: die Entwicklung am globalen Kapitalmarkt, besonders die Zinsentwicklung; die Sterblichkeit von Menschen; die Verwaltungskosten der Versicherung. Es ist also eine Mixtur aus Finanzmathematik, Wahrscheinlichkeitstheorie und Rechnungswesen.

Hier kommen Versicherungsmathematiker wie Stefan Hans von der Alten Leipziger ins Spiel - und die besorgniserregende Langlebigkeit der Versicherten. "Schon heute steckt in vielen alten Rentenversicherungstarifen zu wenig Geld", sagt er. "Um trotzdem den Kunden später Rente zahlen zu können, bekommen sie schon heute keine Überschussbeteiligung mehr, sondern nur noch den Garantiezins."

Um das Jonglieren mit den Zahlen angesichts der alternden Bevölkerung etwas zu erleichtern, gibt es für Neukunden nur zwei Möglichkeiten: Sie müssen akzeptieren, dass sie eine geringere Auszahlungssumme garantiert bekommen als bislang - oder monatlich mehr einzahlen. Von einem dritten Weg, auf die Garantie für eine Mindestsumme zu verzichten, die am Ende in jedem Fall gezahlt wird, hält Hans nichts: "Das wäre tödlich für den Versicherungsgedanken." Andere Anbieter wie der französische Großanbieter Axa sind da schmerzfreier. Im Kleingedruckten wollte das Unternehmen die garantierte Rentenzusage aufweichen, bei Bedarf davon sogar zurücktreten können.

Doch die Axa-Vertreter rebellierten. Ihr Argument: Die Policen würden dadurch praktisch unverkäuflich. Die Axa-Bosse strichen daraufhin die Klausel wieder aus den Verträgen heraus. "Die Garantie ist ein Wert an sich", beteuert Stefan Hans. Genau wie die Tatsache, dass einmal gutgeschriebene Profite nie wieder verfallen können. Beides, garantierter Zins und Bestand der einmal gesammelten Gewinne, gibt es in dieser Kombination nur bei der Lebensversicherung. Allein deshalb bleibt sie ein sinnvolles Angebot zur privaten Altersvorsorge. Nicht für alle, aber für viele.

Wie aber schaffen es die Versicherungen, die Garantiesummen auch wirklich auszahlen zu können? Das Versprechen kann nur dann eingelöst werden, wenn das eingezahlte Kundengeld rentabel investiert wird. Zur Verfügung stehen dazu im Wesentlichen Aktien, Zinspapiere und Immobilien. Den deutschen Versicherungen gehören rund 20 Prozent aller Aktien im Dax. Sie sind der größte Abnehmer von Euro-Staatsanleihen und zählen zu den größten Immobilieneignern des Landes - alles in allem eine enorme Marktmacht.

Vor Pannen sind aber auch die Versicherungen nicht gefeit. Auch die strenge behördliche Kontrolle der Geldanlage von Versicherungen konnte nicht verhindern, dass einige Gesellschaften im Börsencrash vor vier Jahren mit hastigen Aktienverkäufen die wegbrechenden Kurse noch tiefer prügelten und so die Krise verschärften. Der Staat musste Schützenhilfe leisten und erlaubte der Branche das Ausbügeln der Verluste in den Bilanzen.

Mit Erfolg: Die durchschnittliche Jahresgutschrift für die Kunden liegt vor Steuern heute immer noch bei knapp 4,5 Prozent. Abzüglich Steuern erreicht der Jahresprofit damit rund vier Prozent - abhängig von Alter, Geschlecht, Höhe und Dauer der Einzahlungen des Kunden. Verglichen mit Policen-Gutschriften von fünf, sechs oder gar sieben Prozent in den 90er Jahren, hört sich das nach wenig an. Gemessen am heutigen Zinsniveau sind vier Prozent jedoch nicht so schlecht: Die besten Sparkonten bringen derzeit kaum drei, Bundeswertpapiere nur knapp über drei Prozent. Und im Vergleich mit der staatlichen Rentenversicherung liegt die Lebensversicherung vorn: Die Rendite aus der Umlagekasse beträgt nämlich nur etwas über drei Prozent - bei 45 Jahren Einzahldauer.

Doch an dieser Stelle hinkt der Vergleich zwischen Lebensversicherung und Sozialstaat. Denn hinter der staatlichen Idee steckt ein solidarischer Gedanke, der "Generationenvertrag": Aktive Arbeitnehmer zahlen für Ruheständler. Die Lebensversicherung hingegen ist streng gewinnorientiert, jeder zahlt für sich ein.

Höheres Risiko bedeutet höhere Prämie - und umgekehrt. Eine Grundformel jeder privaten Versicherung und zugleich die Erklärung für die Gesundheitsprüfung vor dem Abschluss einer Lebensversicherung. Wer die Fragen nicht wahrheitsgemäß beantwortet, riskiert, dass die Versicherung später nicht zahlt. Ein wenig Solidargedanke steckt aber auch darin. Denn abgesehen von Unterscheidungen nach Geschlecht, Alter und Gesundheit werden "gute und schlechte Risiken" - so heißen Kunden im Branchenjargon - in einen großen Topf geworfen und gleichen sich so gegenseitig aus. Würde man zum Beispiel nur nichtrauchende Gesundheitsapostel mit stressfreien Berufen und überglücklichen Lebensumständen privat rentenversichern, wäre die Prämie unbezahlbar. Eine Versicherung braucht zwingend auch höhere Sterblichkeitsrisiken, nur dann funktioniert das Geschäft.

Das grösste Risiko - speziell für Rentenversicherungen - bleibt somit die Langlebigkeit der Menschen. Würden zum Beispiel Krebs, Diabetes und andere Massenerkrankungen heilbar, gingen die Auszahlzeiten im Schnitt deutlich nach oben - mit unabsehbaren Folgen für die Branche. "Schon deshalb müssen wir heute rechnerische Puffer einbauen", sagt Versicherungsmathematiker Hans. Das drückt die Rendite zusätzlich. Schließlich gilt es, auch die Gewinne der Konzerne langfristig abzusichern.

So sollte kein Kunde damit rechnen, dass sich die Überschussprofite in den kommenden Jahren wieder erholen. Schlimmer noch: Eine weitere Absenkung der Garantieverzinsung von derzeit 2,75 Prozent hält Hans für "unausweichlich". Für Anleger bedeutet das: Eine Lebensversicherung gehört weiter in das persönliche Sparschwein, das mit Erreichen des Rentenalters gut gemästet sein muss. Allein darauf sollte sich aber niemand verlassen.

Frank Donovitz / print