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Innerhalb von Sekunden zu erreichen Bunker und Schutzräume – die Lebensversicherung der Menschen in Israel

Ein israelisches Kind in einem Luftschutzkeller in der Küstenstadt Nahariya (Archivfoto)
Ein israelisches Kind in einem Luftschutzkeller in der Küstenstadt Nahariya (Archivfoto)
© EPA / Amnon Gutman / Picture Alliance
Sie sind die Lebensversicherung der Menschen in Israel: Hunderttausende Bunker und Schutzräume im ganzen Land sollen die Einwohnerinnen und Einwohner bei Luftangriffen schützen. Ein weltweit wohl einmaliges System.

Wenn die Sirenen wieder einmal heulen, bleiben nur wenige Sekunden. Je nach Lage sind es in einigen Landesteilen Israels nur wenige Sekunden, ehe die ersten Raketen einschlagen können. Bruchteile einer Minute können für die Menschen in Israel so zur Frage von Leben oder Tod werden.

Eine Million Bunker und Schutzräume in Israel

Das oft beschriebene "Pulverfass Nahost" ist für die Israelis Alltag – mal mit mehr, mal mit weniger Auswirkungen, aber doch immer präsent. Seit Jahrzehnten. Die Lebensversicherung für die neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Landes ist dabei nicht nur der Raketenschutzschild "Iron Dome", sondern auch ein umfassendes Zivilschutzsystem mit Bunkern, in die sich die Menschen bei Gefahr flüchten können.

In Gemeinden nahe des Gaza-Streifens und der Golanhöhen soll jeder sogar innerhalb 15 Sekunden einen Schutzraum erreichen können. Rund eine Millionen solcher Räume soll es im gesamten Land inzwischen geben.

Ihr flächendeckender Bau begann bereits 1951. Ein Zivilschutzgesetz schreibt seither vor, dass alle Wohn- und Arbeitsgebäude Zugang zu einem im Wortsinn bombensicheren Raum haben müssen, eine Konsequenz aus dem Unabhängigkeitskrieg nach der Staatsgründung Israels 1948.

In Bahnhöfen oder Einkaufszentren des Landes weisen mehrsprachige Schilder auf den nächstgelegenen Schutzraum hin. Die öffentlichen Bunkeranlagen dienen mitunter, wenn keine Gefahr droht, zivilen Zwecken, zum Beispiel als Kulturzentrum oder Bethaus. Die Tiefgarage des Nationaltheaters in Tel Aviv kann etwa schnell in einen Bunker für 1600 Menschen umgewandelt werden.

Auch in Privatgebäuden werden die Schutzräume oftmals in die alltägliche Nutzung integriert. Die bedrückenden Räume dienen dort als Gästezimmer, Büro, privates Fitnessstudio oder Band-Probenraum. "Sie liegen verborgen vor jedermanns Augen und gehören doch zum visuellen Alltag des Landes. Den Israelis bleibt nichts anderes als die Gratwanderung zwischen der allgegenwärtigen Angst vor Bedrohung und Krieg sowie der zehrenden Sehnsucht nach einem ganz normalen Leben", sagte der Fotograf Adam Reynolds der 2017 einen Bildband über die Bunker in Israel veröffentlicht hat:

Doch der eigentliche Zweck der Bunker ist: Leben schützen. Nahezu jede und jeder in Israel hat die ständig aktualisierten Verhaltensregeln des Heimatschutzkommandos der Armee für den Fall eines Raketenangriffs verinnerlicht. "Beim Ertönen der Warnsirene oder einer Explosion sind unter Berücksichtigung des zur Verfügung stehenden Zeitraums die angemessenen Schutzmaßnahmen zu ergreifen", heißt es in einer Handreichung. Und weiter: "Falls keine anderen Anweisungen gegeben werden, können die Schutzräume nach 10 Minuten verlassen werden."

Was jedoch innerhalb des Vorwarnzeitraumes "angemessen" ist, muss je nach Situation entschieden werden. Wer sich im Freien aufhält und sich nicht in ein Gebäude begeben kann, sollte sich flach auf den Boden legen und den Kopf mit den Händen schützen, klärt unter anderem ein Video des Heimatschutzkommandos auf:

Wer sich dagegen in einem Haus befindet, soll nach Möglichkeit den Luftschutzraum aufsuchen. Dabei handelt es sich jedoch nicht immer um klassische Betonbunker meterweit unter Erde, sondern auch um bloße Luftschutzräume, die sich – zum Beispiel durch bewehrten Beton besonders gesichert – auch auf den Etagen von Wohn- oder Bürogebäuden befinden können.

Nach dem Ersten Golfkrieg (1980 bis 1988) wurden solche "mamad" genannten Räume bei Neubauten vorgeschrieben, weil sich gezeigt hat, dass die Entfernung zum nächstgelegenen Bunker oftmals zu weit ist. Seither verfügen immer mehr Israelis über diese privaten Schutzräume. Die "Süddeutsche Zeitung" hielt vor einigen Jahren fest: "In Tel Aviv gehört der Schutzraum zu Neubauten wie in Deutschland der Autostellplatz."

Quellen: , Heimatschutzkommando Israel (1), Heimatschutzkommando  Israel (2), Auswärtiges Amt, "Spiegel""Süddeutsche Zeitung"


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